Wovon haben sich ausgestorbene Tiere einst ernährt? Verschiedene Merkmale von Fossilen können diese Frage beleuchten: Wenn es keine Funde von erhaltenen Nahrungsresten gibt, können Körperbau, Kiefer- und Zahnstrukturen Paläontologen durch Vergleiche mit den Eigenschaften heutiger Tierarten Hinweise liefern. Bisher bildete dies auch die Grundlage der Annahmen zur Ernährungsweise eines frühen Vertreters der Entwicklungslinie der Vögel: Fossilien von Longipteryx chaoyangensis sind aus Lagerstätten in Nordostchina bekannt, die auf ein Alter von rund 120 Millionen Jahren datiert werden. Dieser Urvogel war etwa so groß wie eine Amsel, erinnert aber eher an einen Eisvogel: Er besaß eine gedrungene Gestalt und einen langen Schnabel.
Wie bei Vertretern der frühen Vögel üblich, war er noch mit Zähnen ausgestattet. Bei Longipteryx saßen sie aber nur an der Schnabelspitze und wiesen bisherigen Untersuchungen zufolge ungewöhnliche Merkmale auf: Der Zahnschmelz war erstaunlich dick. Das bedeutet, die Zähne waren ähnlich gegen Belastungen gerüstet wie die einiger Raubsaurier. Anhand dieser Merkmale und der Ähnlichkeit zu den heutigen Vertretern der Eisvögel, nahm man bisher an, dass Longipteryx Fische oder Insekten gejagt hat. Bislang fehlten aber Funde von Nahrungsresten in den bekannten Longipteryx-Fossilien, die eindeutig zeigen konnten, was der „komische Urvogel“ tatsächlich gefressen hat.
Früchte statt Fische
Doch das hat sich nun geändert: Im Fokus der aktuellen Studie der Forschenden um Jingmai O’Connor vom Field Museum in Chicago standen zwei neue Longipteryx-Fossilien, die in Nordostchina entdeckt wurden. Das Team fand bei beiden Exemplaren rundliche Gebilde, die sich einst im Magen der Tiere befunden haben. Die Untersuchungen ergaben, dass es sich um Samenkörner von frühkreidezeitlichen Pflanzen gehandelt hat. Die Merkmale legen dabei nahe, dass sie einst von einer Art Fruchtfleisch umgeben waren, ähnlich wie bei heutigen Beeren und Früchten. Das Konzept diente den Pflanzen auch damals schon der Verbreitung ihrer Samen, erklären die Forschenden: Das nahrhafte Fruchtfleisch sollte Tiere dazu animieren, die Gebilde zu schlucken und die unverdaulichen Samen später auszuscheiden.

Genau diese Rolle hat offenbar auch Longipteryx übernommen, geht nun aus den Studienergebnissen hervor. Es lässt sich zwar nicht ausschließen, dass der Urvogel auch andere Nahrungsmittel verzehrte. Doch der Fund von gleich zwei Exemplaren mit dem Nachweis der sogenannten Frugivorie legt eine erhebliche Bedeutung dieser Futterquelle nahe. „Die Studie deutet damit nun auf ein größeres Problem in der Paläontologie hin, nämlich dass die physischen Merkmale eines Fossils nicht immer die ganze Geschichte darüber erzählen, was das Tier einst gefressen hat oder wie es lebte“, sagt O’Connor.
Wozu die seltsamen Schnabelmerkmale?






