Lange bevor die Dinosaurier entstanden, lebten auf der Erde sogenannte Stamm-Tetrapoden. Dabei handelte es sich um archaische, vierbeinige Landwirbeltiere, aus denen sich später Amphibien, Reptilien, Säugetiere und Vögel entwickelten. Auf Basis der bisherigen Fossilienfunde ging man davon aus, dass die frühen Landwirbeltiere vor allem in der Nähe des damaligen Äquators verbreitet waren und im späten Karbon vor etwa 307 Millionen Jahren durch modernere Vertreter der Tetrapoden verdrängt wurden.
Stamm-Tetrapode mit riesigen Zähnen
Ein neuer Fund stellt diese Annahmen nun in Frage. „In Ablagerungen aus dem frühen Perm vor etwa 280 Millionen Jahren im heutigen Namibia haben wir einen neuen, riesigen Stamm-Tetrapoden entdeckt“, berichtet ein Team um Claudia Marsicano von der Universität Buenos Aires in Argentinien. Die Forschenden fanden Überreste von mindestens vier Individuen, darunter einen nahezu vollständig erhaltenen Schädel und eine weitgehend intakte Wirbelsäule. Das Team gab der neu entdeckten Art den Namen Gaiasia jennyae – benannt nach dem Fundort, der Gai-as-Formation in Namibia, sowie nach der 2020 verstorbenen Paläontologin Jennifer Clack, die sich auf die Evolution früher Tetrapoden spezialisiert hatte.
„Gaiasia jennyae war deutlich größer als ein Mensch und hielt sich wahrscheinlich in der Nähe des Grundes von Sümpfen und Seen auf“, beschreibt Co-Autor Jason Pardo vom Field Museum of Natural History in Chicago. „Es hatte einen flachen Kopf mit riesigen Reißzähnen, die die ganze Vorderseite des Mauls besetzten.“ Allein der Schädel misst über 60 Zentimeter. Damit war Gaiasia jennyae womöglich das größte Raubtier seiner Zeit. Verwandt war es wahrscheinlich mit der urtümlichen Stamm-Tetrapoden-Gruppe der sogenannten Colosteiden. Vertreter dieser Gruppe wurden allerdings kaum größer als einen Meter – und waren zu dem Zeitpunkt, als Gaiasia lebte, wahrscheinlich bereits seit etwa 40 Millionen Jahren ausgestorben.
Größe, Alter und Fundort außergewöhnlich
„Gaiasia ist aus mehreren Gründen bemerkenswert“, schreibt Christian Sidor von der University of Washington in Seattle, der nicht an der Studie beteiligt war, in einem begleitenden Kommentar, der ebenfalls in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde. Nicht nur, dass das Raubtier mehr als doppelt so groß wurde wie seine Verwandten und zu einer Zeit lebte, als ähnliche Tiere längst ausgestorben waren: Es wurde auch an einem außergewöhnlichen Ort gefunden. Anders als heute lag das Gebiet, auf dem sich heute Namibia befindet, vor 280 Millionen Jahren deutlich weiter südlich, etwa auf Höhe des nördlichsten Punktes der heutigen Antarktis. „Diese Region war wahrscheinlich deutlich kühler und stärker von jahreszeitlichen Schwankungen geprägt als der äquatoriale Lebensraum anderer Stamm-Tetrapoden“, erklärt Sidor.





