Weit über die Hälfte aller Arten weltweit sind Bodenlebewesen. Sie machen damit einen Großteil unserer biologischen Vielfalt aus“, sagt Nico Eisenhauer, Bodenökologe an der Universität Leipzig. Der Boden steckt also voller Leben. Doch was kreucht und fleucht denn eigentlich zu unseren Füßen?
Zu den wohl bekanntesten Bewohnern gehört der Regenwurm. Er ist gut erforscht, aus zwei pragmatischen Gründen: Im Vergleich zu vielen anderen Bodentieren ist er erstens groß und damit auffällig und zweitens weniger reich an Arten. In Deutschland kommen 49 Arten vor. Weltweit sind etwa 7.000 Regenwurmarten beschrieben. Eisenhauer rechnet allerdings damit, dass weitere 20.000 noch auf ihre Entdeckung warten.
Trotz vieler Studien sind noch nicht alle Fragen geklärt. Es gibt beispielsweise verschiedene Theorien dazu, warum das gegliederte Tier an die Oberfläche kommt, wenn es regnet. Eine Überlegung ist, dass das Prasseln den Regenwurm aus dem Boden scheucht, da es den Geräuschen und Vibrationen durch das Graben von Fressfeinden wie dem Maulwurf ähnelt. Eisenhauer vermutet hingegen, dass der Regenwurm nur zu diesem Zeitpunkt die Gelegenheit hat, sich auszubreiten und neue Gebiete zu besiedeln. „Diese Erklärung halte ich für am wahrscheinlichsten. Regenwürmer atmen über ihre Körperoberfläche und benötigen dazu einen Wasserfilm“, sagt Eisenhauer. Weil der Regenwurm ungeschützt in der Erde lebt, funktioniert er hervorragend als Bioindikator. Er ist anfällig gegenüber Störungen: Geht es Regenwürmern in einem Gebiet nicht gut, können Forschende daraus auf einen schlechten Zustand des Ökosystems schließen.
Gemeinsam mit vielen weiteren Forschenden hat Eisenhauers Kollegin Helen Philips Daten an Tausenden Messstandorten in 57 Ländern gesammelt und mit statistischen Modellen globale Verbreitungsmuster der Regenwürmer berechnet. Die Wurminventur, 2020 veröffentlich in Science, hat Erstaunliches zutage gebracht: Anders als bei oberirdisch lebenden Arten wie Vögeln gibt es näher am Äquator nicht mehr Arten pro Versuchsparzelle als anderswo – im Gegenteil. Artenreichtum und Häufigkeit der Regenwürmer erreichen lokal in den höheren Breitengraden ihren Höhepunkt. Offenbar haben Klimavariablen einen großen Einfluss auf die Tiere. Das legt nahe, dass der Klimawandel schwerwiegende Auswirkungen auf die Regenwurmgemeinschaften und ihre Funktionen im Ökosystem haben könnte.
Eisenhauer hat sich mit dem Regenwurm bereits vor rund 15 Jahren in seiner Doktorarbeit beschäftigt. „Dabei war mir schon früh klar, dass ich die Interaktionen zwischen Pflanzen und Tieren erforschen möchte, anstatt einzelne Arten oder Prozesse isoliert zu betrachten.“ Heute leitet Eisenhauer am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig die Arbeitsgruppe Experimentelle Interaktionsökologie. Der Regenwurm gilt als Ökosystemingenieur: Er formt die Umwelt für andere Organismen, sorgt etwa für einen lockeren, gut durchlüfteten und nährstoffreichen Boden. Pflanzen machen sich das zunutze, indem sie in den Gängen der Würmer wurzeln.





