Der Klimawandel wirkt sich auf komplexe Weise auf die Ökosysteme der Welt aus. Steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster sorgen dafür, dass viele Tiere und Pflanzen in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet keine optimalen Bedingungen mehr vorfinden. Für Arten in Gebirgsregionen sagt die Theorie der „Rolltreppe zum Aussterben“ (Escalator to Extinction) voraus, dass sie ihrem Temperaturoptimum folgend in immer höhere Lagen wandern. Wer allerdings am Gipfel angekommen ist, kann nicht noch weiter nach oben ausweichen und stirbt schließlich aus.
Artenvielfalt im Gebirge
Um diese Theorie zu überprüfen, hat ein Team um Yi-Hsiu Chen von der Cheng-Kung-Nationaluniversität in Taiwan aktuelle und historische Daten zum Verbreitungsgebiet von 440 Tier- und 1629 Pflanzenarten in 23 Gebirgsregionen weltweit zusammengetragen und analysiert. Für jede Region bezogen die Forschenden Temperaturzeitreihen in ihre Analyse ein. Diese setzten sie in Beziehung zu möglichen Verschiebungen der oberen und unteren Verbreitungsgrenzen der untersuchten Arten.
„Unsere Analyse ergab nur wenige Hinweise auf die befürchteten Bedrohungen“, berichtet das Forschungsteam. Zwar hat sich die obere Verbreitungsgrenze zahlreicher Arten tatsächlich Richtung Gipfel verschoben, doch die untere Verbreitungsgrenze blieb zumindest bisher bei den meisten der untersuchten Arten weitgehend stabil. Auch für ein verstärktes Aussterben von Arten, die schon früher in Gipfelregionen lebten, haben die Forschenden in der aktuellen Studie keine Belege gefunden. Sie weisen allerdings darauf hin, dass es dennoch eine sogenannte „Aussterbeschuld“ geben könnte, die sich bislang in den Daten noch nicht niederschlägt. Das bedeutet, dass sich manche Populationen noch eine Zeit lang an den alten Standorten halten können. Deren Bedingungen sind für sie aber so ungünstig, dass sie langfristig aussterben werden.
Viele Einflussfaktoren
Die Studie zeigt auch, dass die Temperatur allein nicht der wichtigste Faktor für das Überleben von Tieren und Pflanzen ist. Stattdessen spielen wahrscheinlich zahlreiche weitere Einflussfaktoren, die in der aktuellen Analyse nicht berücksichtigt wurden, auf komplexe Weise zusammen. Dazu zählen zum einen Niederschläge und Bodenbeschaffenheit, aber auch Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Arten. Selbst wenn beispielsweise eine Schmetterlingsart problemlos in ein höher gelegenes Gebiet wandern könnte, kann sie dort nicht überleben, wenn ihre Futterpflanzen dort nicht wachsen können. „Die Verschiebung der Verbreitungsgebiete von Arten ist dynamischer und komplexer, als es das vereinfachte Modell der ‚Rolltreppe zum Aussterben‘ vorhersagt“, schreiben die Forschenden.





