Pestizide: Wie viel ist genug? - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
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Wie viel ist genug?
Die meisten Landwirte haben ein gutes Verhältnis zur Natur. Trotzdem können sie sich nicht an allen Insekten erfreuen, die sie auf ihren Feldern und Pflanzen finden. Die Glasflügelzikade gehört zu den besonders unbeliebten Feldbesuchern. Denn die grillenähnlichen Fluginsekten übertragen durch die Eiablage mehrere Bakterienarten, die sich in Zuckerrüben und Kartoffeln ansiedeln und die Ernte schädigen. Die Tierchen mit den durchsichtigen Flügeln haben keine natürlichen Feinde und breiten sich seit einigen Jahren von Süden nach Norden in der deutschen Landwirtschaft aus.
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von RAINER KURLEMANN
Die meisten Landwirte haben ein gutes Verhältnis zur Natur. Trotzdem können sie sich nicht an allen Insekten erfreuen, die sie auf ihren Feldern und Pflanzen finden. Die Glasflügelzikade gehört zu den besonders unbeliebten Feldbesuchern. Denn die grillenähnlichen Fluginsekten übertragen durch die Eiablage mehrere Bakterienarten, die sich in Zuckerrüben und Kartoffeln ansiedeln und die Ernte schädigen. Die Tierchen mit den durchsichtigen Flügeln haben keine natürlichen Feinde und breiten sich seit einigen Jahren von Süden nach Norden in der deutschen Landwirtschaft aus.
Auch der Große Rapsstängelrüssler, der gefleckte und der schwarze Kohltriebrüssler sorgen bei den Bauern regelmäßig für Alarmstimmung. Die Käfer sind im Februar und März sowie im September und Oktober auf Rapsfeldern unterwegs. Die Weibchen legen ihre Eier in den Stängeln der Rapspflanzen ab. Das behindert erst das Wachstum, später fressen die Larven dann die Pflanzen. Drastisch sind auch die Folgen, wenn sich die Kirschfruchtfliege oder die Kirschessigfliege in den Kirschbäumen einer Obstkultur ausbreitet.
Manchmal verlieren die Landwirte binnen weniger Tage oder Wochen ihre komplette Ernte. Die Kirschen sind voller Maden und ebenso unverkäuflich wie die im Inneren braun gefärbten Kartoffeln. Es gibt sehr viele Beispiele für die Bedrohung der Ernährungssicherheit durch Insekten. Sie unterscheiden sich nach Anbauregion und Pflanze. Konventionell arbeitende Bauern antworten darauf mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, sie sprayen Insektizide.
Die zweite große Gruppe der Pestizide, die Schädlinge bekämpfen, sind die Fungizide. In Deutschland machen sie mengenmäßig knapp ein Drittel des Gifteinsatzes aus. Fungizide werden mit zwei unterschiedlichen Strategien gegen Pilzbefall eingesetzt. Einige Mittel werden mehrmals im Jahr als Vorsorge auf die Felder gesprüht, damit sich ein Pilz nicht ausbreiten kann. Andere Substanzen kommen erst zum Einsatz, wenn die Folgen des Schädlingsbefalls bereits zu sehen sind, weil sich beispielsweise Blätter einer Pflanze verfärben.
Der vielleicht bekannteste Pilz hat die Weltgeschichte beeinflusst. Phytophthora infestans verursachte ab 1845 in Irland die Kartoffelfäule als Auslöser einer mehrjährigen Hungersnot, die letztlich dazu führte, dass eine Million Iren in die USA auswanderten. Der Pilz kann unbemerkt in Kartoffeln überwintern und deshalb mehrere Jahre nacheinander auf den Feldern sein Unwesen treiben. Schon wenige infizierte Kartoffeln reichen aus, damit Phytophthora infestans einen Acker vollständig besiedeln kann. Selbst die Öko-Landwirte dürfen Fungizide einsetzen, um ihre Ernten vor diesem Pilz zu schützen. Dabei verwenden sie aber keine Spezialchemikalien, sondern Kupfer: Die Kupferionen dringen durch die Zellwand in den Pilz ein und bringen ihn zum Absterben, indem sie lebenswichtige Enzymreaktionen blockieren.
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Den mengenmäßig größten Anteil am deutschen Pflanzenschutz mit etwa 50 Prozent machen die Herbizide aus. Diese Substanzen bekämpfen keine Schädlinge, sie verhindern stattdessen die Ausbreitung anderer Pflanzen (siehe Artikel über Glyphosat ab Seite 18). Auch das sichert die Ernte. Wenn Kulturpflanzen auf dem Acker wachsen, stehen sie zu Wildkräutern und anderen Arten in Konkurrenz um Nährstoffe, Sonnenlicht und Platz. Falls die Mitbewerber nicht von vornherein unterdrückt werden, verringern sich die Erträge der gewünschten Nutzpflanzen deutlich.
Pflanzenschutz hat einen Einfluss auf die Landwirtschaft. Das zeigen die unterschiedlichen Erträge pro Hektar Ackerfläche im Vergleich von konventionellen Landwirten mit Öko-Bauern, die kaum Pflanzenschutz verwenden dürfen. Nach Angaben des Biosiegels Öko-Landbau ernteten die pestizidfreien Landwirte 2023 pro Hektar im Durchschnitt nur halb so viel wie ihre Kollegen, die allerdings noch den zusätzlichen Vorteil besitzen, dass sie künstlichen Dünger nutzen dürfen. Dieser Durchschnittswert umfasst allerdings eine breite Spannweite, die allgemeingültige Aussagen erschwert.
Ein Sonderfall ist Raps. „Es ist nicht möglich, Raps ohne den Einsatz von Insektiziden anzubauen. Weltweit gibt es 31 Schadinsekten an Raps, die man kontrollieren muss, und das geht leider nur chemisch, weil es keine resistenten Sorten gibt“, sagt Andreas von Tiedemann, Leiter der Abteilung für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz an der Universität Göttingen.
Auch die Schweizer Agrarökonomin Katrin Carrel, spezialisiert auf Öko-Landbau, bewertet Raps als Risiko für Biobauern. „Aktuell sind wir immer noch in einer Situation, in der Landwirtschaftsbetriebe vorwiegend marktwirtschaftlich geprägte Entscheidungen treffen“, sagt Carrel. In der Schweiz fördert der Staat deshalb den ökologischen Rapsanbau durch sogenannte Einzelkulturbeiträge für Ölsaaten: 700 Franken pro Hektar sollen Landwirte ermutigen, das Risiko einer geringeren Ernte einzugehen. Carrel hat Tipps für Landwirte, die Erfahrungen ohne Pestizide sammeln wollen. Früh blühende Rapssorten und Standorte mit viel Wind seien weniger anfällig für Insekten, sagt sie. Zudem sollen die Bauern nicht zwei Jahre nacheinander Raps anbauen, damit sich pflanzentypische Schädlinge nicht im Boden anreichern.
Anwendung auf dem Acker
In einigen europäischen Ländern müssen die Landwirte den Einsatz von Pflanzenschutz für jede Parzelle dokumentieren. Deutschland will diesen bürokratischen Weg nicht gehen. Stattdessen sammelt das Julius Kühn-Institut (JKI) seit 2011 Daten zum Pflanzenschutz von Betrieben, die repräsentativ für ihre Region sind. Die Landwirte haben Verträge und müssen den Einsatz der Mittel dokumentieren. Aus den Daten für die sechs häufigsten Ackerpflanzen (Mais, Winterweizen, Wintergerste, Winterraps, Kartoffel, Zuckerrübe) und die drei wichtigsten Dauerkulturen (Apfel, Wein, Hopfen) berechnen die Wissenschaftler den Behandlungsindex (BI), eine Art Mittelwert für die Anzahl der Anwendungen pro Jahr. Pro Pflanzenart fließen mindestens 100 Betriebe in die Auswertung ein.
Spitzenreiter dieser Liste sind jedes Jahr die Kulturen, die besonders stark von Pilzerkrankungen bedroht sind und oft vorsorglich behandelt werden. Äpfel haben einen BI von etwa 30. Der Wert für Wein lag im Jahr 2022 bei 17, für Kartoffeln und Hopfen bei etwa 11,5 Anwendungen. Beim Winterraps (7,9) kommen besonders häufig Insektizide und Herbizide zum Einsatz. Für Zuckerrüben (5,2), Winterweizen (5,1) und Wintergerste (4,5) werden sowohl Herbizide als auch Insektizide sowie Pilzmittel eingesetzt, beim Mais (1,9) fast nur Herbizide.
Eine pauschale Kritik an der Verwendung von Pestiziden trifft also kaum ins Ziel, denn die Anforderungen für den Schutz der Kulturpflanzenarten könnten kaum unterschiedlicher sein. Einige Wissenschaftler schauen deshalb frustriert auf die laufenden Debatten. „Ich kann nicht verstehen, warum wir als Gesellschaft eine solche wichtige, zivilisationstragende Technologie wie den Pflanzenschutz permanent schlechtreden und nicht einsehen wollen, wie hilfreich sie ist“, sagt von Tiedemann. Moderne Landwirtschaft sei ohne Pflanzenschutz kaum machbar. Hierzulande müssen wenige Bauern auf einer begrenzten Fläche viele Menschen ernähren. In dieser Situation können Ernteausfälle kaum toleriert werden.
Eine Forschergruppe aus Gießen und Hannover hat getestet, was eine Reduzierung der Pestizide für die Erntebilanz bedeuten würde. Das Team hat 191 Weizensorten an sechs Standorten mit je drei Anbauflächen über zwei Vegetationsperioden angebaut. Der Verzicht auf Fungizide verringerte den Ernteertrag im Durchschnitt um etwa 25 Prozent. Moderne Hochleistungs-Weizensorten, die mit klassischen Methoden in Richtung höchster Erträge gezüchtet werden, schnitten dabei besser ab als die älteren Landrassen.
Die EU hat zum Jahreswechsel eine Initiative gestartet, die das Ziel verfolgte, den Einsatz von Pestiziden bis 2030 zu halbieren. Angesichts der Bauernproteste im Frühjahr hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diesen Vorschlag inzwischen zurückgezogen. Schaut man nur auf die Mengen der Pestizide, die Jahr für Jahr in Deutschland eingesetzt werden, so entsteht schnell der Eindruck, alles bleibe, wie es ist. Der Verkauf bewegt sich nach Angaben des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit (BVL) seit 28 Jahren auf einem Niveau von etwa 30.000 Tonnen pro Jahr. Die Schwankungen sind häufig auf das Wetter zurückzuführen, das die Aktivität von Pilzen und Schadinsekten beeinflusst. Auch die Zahl der eingesetzten Wirkstoffe veränderte sich im vergangenen Jahrzehnt kaum, derzeit sind 288 Substanzen zugelassen.
Gefährdung durch Pestizide
Doch der Pflanzenschutz wandelt sich ständig. Gefährliche Pestizide werden verboten und durch andere ersetzt. Allein im Jahr 2022 kamen in Deutschland 13 Wirkstoffe nicht mehr zur Anwendung. Etwa die Hälfte der Wirkstoffe, die im Jahr 1995 genehmigt waren, hatte 2019 die Zulassung wegen einer Gefährdung für Mensch oder Umwelt wieder verloren. Denn trotz aller Prüfungen zeigt die Erfahrung, dass negative Folgen häufig erst während der Verwendung auffallen. In der EU existiert eine Liste mit 50 Wirkstoffen, die als potenziell gefährlich eingestuft werden. Sie sollten möglichst bald durch Alternativen ersetzt werden.
Die erste Verbotswelle gab es schon in den 1970er- und 1980er-Jahren. Damals wurden die beliebten Insektizide Toxaphen, Endrin, Aldrin und DDT verboten. DDT hat durch die jahrzehntelange weltweite und intensive Verwendung viele Schäden angerichtet und wurde schließlich sogar in der menschlichen Muttermilch nachgewiesen. Die nicht abbaubare Substanz tötete nicht nur Insekten, sie reicherte sich über die Nahrungskette auch in vielen Tieren an. Das Wappentier der USA, der Weißkopfseeadler, wäre fast ausgerottet worden, weil DDT die Fortpflanzungsfähigkeit beeinflusste. Viele Adler wurden durch eine Stoffwechselstörung unfruchtbar oder legten Eier mit zu dünnen Schalen, die im Nest zerbrachen.
Das beliebte E605 wiederum schützte zwar Kulturpflanzen, war aber für Insekten, größere Tiere und Menschen gefährlich. Das ölige Gift wurde 2001 verboten, weil es für mehrere Morde und zahlreiche Suizide verwendet worden war. Bis dahin durfte jeder Hobbygärtner die hochgiftige Substanz für den Einsatz im eigenen Garten kaufen.
2018 wurde einem Teil der neuen Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide die Zulassung wegen der Gefahr für Bienen und andere Insekten entzogen. Einige der Mittel waren erst 2004 erlaubt worden. Ein Jahr später reagierten die Behörden auf Forschungsergebnisse, die Pestizidrückstände im Grundwasser meldeten. Eines der dabei verbotenen Fungizide, das Chlorothalonil, galt zuvor als unauffällig und war 40 Jahre lang verwendet worden.
Umweltschützer klagen darüber, dass diese Verbote häufig erst spät kommen und durch lange Übergangsfristen verwässert werden. Außerdem sind die Verbote regional begrenzt: Mittel, die in Europa nicht mehr erlaubt sind, können auf andere Kontinente exportiert und dort noch eingesetzt werden. Inzwischen wissen die Forscher, dass Böden, die intensiv landwirtschaftlich genutzt werden, ein Pestizidgedächtnis aufweisen. Wissenschaftler der niederländischen Universität Wageningen haben 317 Bodenproben aus elf EU-Ländern analysiert. Sie fanden Rückstände von 43 verschiedenen Pflanzenschutzmitteln im Boden. Nur 17 Prozent der Bodenproben waren sauber. Dagegen enthielten 58 Prozent Mischungen mehrerer Pestizide, bei 13 Prozent bestand der Cocktail aus mindestens sechs Substanzen. Umweltschützer fordern deshalb, nicht nur die Wirkung einzelner Pestizide auf Insekten zu erforschen, sondern auch Mischungen, wie sie tatsächlich auf dem Feld vorkommen.
In der Forschung zu Pestiziden gibt es noch viele Unsicherheiten. Für eine im April 2024 erschienene Studie haben Biologen Hummeln verschiedenen Pflanzenschutzmittel ausgesetzt, die eine potenziell giftige Wirkungen haben können. Das Ergebnis mag überraschen. „Hummeln scheinen gegenüber Stressoren wir Pflanzenschutzmitteln recht robust zu sein“, berichtet Ricarda Scheiner von der Universität Würzburg über die Experimente mit den Nestbauern. Doch sie verweist darauf, dass dieses Forschungsergebnis nicht ohne Weiteres auf kleinere und solitär lebende andere Wildbienen übertragen werden könne. Scheiner sagt: „Die Hummel profitiert durch ihre soziale Lebensweise in der Kolonie, die toxische Effekte abpuffern und schwachen Bienen das Überleben sichern kann.“ Nach Ansicht der Würzburger Wissenschaftler sind deshalb dringend weitere Versuche vonnöten, um die Wirkung sowohl auf verschiedene Wildbienenarten als auch von Pflanzenschutzmittel-Mischungen zu verstehen.
Denn es gibt keinen Zweifel, dass die biologische Vielfalt in der Agrarlandschaft Deutschlands – und selbst in Naturschutzgebieten – in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist. Eine Langzeitstudie des JKIs beschreibt für die intensiv landwirtschaftlich genutzte Region des Nordharzes einen drastischen Rückgang von rund 95 Prozent der Biomasse fliegender Insekten innerhalb eines Zeitraums von 24 Jahren. Pestizide sind dafür mitverantwortlich. Gleichzeitig lesen die JKI-Forscher aus den Daten, dass großflächige Agrarlandschaften mit wenig Hecken, Randstreifen und Gehölzen das Verhältnis von Pflanzenschädlingen und Gegenspielern zugunsten der Schädlinge verschieben.
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In Europa haben viele Landwirte auf die Kritik von Umweltschützern reagiert – und zwar nicht nur Öko-Bauern. Nachhaltig arbeitende Betriebe haben sich vom Motto „viel hilft viel“ längst verabschiedet. Bevor sie zu Insektiziden greifen, beobachten die Landwirte vielerorts den Inhalt sogenannter Lockfallen am Rand der Felder. Erst wenn dort auffällig viele Schadinsekten gefunden werden oder Meldungen aus Nachbarregionen eintreffen, kommt die Spritze zum Einsatz.
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