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Geschichte+Archäologie

6 Irrtümer über Höhlenmenschen

Weder Höhle noch Keule: Eine Menge Unwahres über die Ur-Europäer hat sich in den Köpfen eingenistet. Raus damit!

Rund 170 000 Besucher hat das Neanderthal Museum in Mettmann jedes Jahr, und Bärbel Auffermann freut sich über jeden Einzelnen. Die stellvertretende Direktorin verfolgt mit Interesse, was die Museumsgäste die Kolleginnen der Besucherbetreuung so alles fragen. „Es kommen immer noch die alten Dauerbrenner, die ich selbst Dutzende Male gehört habe“, sagt Auffermann. „Immer wieder die gleichen falschen Vorstellungen.“

Wer denn gewonnen habe, wenn die Urmenschen mit den Dinos kämpften, wollen die Kinder wissen – so was sehen sie in TV-Zeichentrickfilmen. Bei dieser Frage beugt sich schon mal ein Erwachsener gütig lächelnd zu seinem Sprössling hinab und belehrt ihn, dass die Dinosaurier ausgestorben sind, lange bevor es Neandertaler und moderne Menschen gab. Aber dann fragt derselbe Erwachsene, wo denn hier im Museum die Keulen ausgestellt wären. „ Der Klassiker!“, seufzt Bärbel Auffermann und wirkt nicht mehr belustigt. „Das ist das Klischee aller Klischees, anscheinend nicht totzukriegen.“ Und so was von falsch.

1 Die Keule

Als tierfellbehangener Kraftprotz mit geschulterter Keule tappt Herakles durch die griechische Mythologie. Auch aus mittelalterlichen Handschriften dräuen Bilder des „Wilden Mannes“ : im Blätter- oder Fellgewand, mit enormen Kräften – und ausgestattet mit einer Keule oder einem ausgerissenen Baum als Waffe. Über viele Jahrhunderte bewahrte der Volksglaube den Wilder-Mann-Archetyp.

Aus diesen tradierten inneren Bildern bedienten sich wohl die zeitgenössischen Illustratoren, als 1856 Neandertaler-Fossilien entdeckt und später als Reste einer frühen Menschenform erkannt wurden. Die niedrige Stirn, der Überaugenwulst, die groben Skelettknochen – das passte zum Urbild des Wilden Mannes. Die Keule wurde Pflicht-Accessoire. Tatsache ist jedoch: An keinem der mehr als 200 Neandertaler-Fundplätze wurde jemals auch nur ein vager Hinweis auf eine Keule gefunden.

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2 Das Brutalo-Image

Vom Keulentragen ist es kein großer Schritt bis zum Generalverdacht der Gewalttätigkeit. Waren „die Urmenschen“ brutale Totschläger? Am Brustkorb oder am Schädel altsteinzeitlicher Skelette müssten dann typische Folgen zwischenmenschlicher Aggressivität zu finden sein. Fakt ist: An den Funden ist nichts dergleichen abzulesen.

Die fossilen Relikte von Neandertalern tragen häufig an Arm- oder Beinknochen Spuren heftiger Gewalteinwirkung. Gebrochene Gliedmaßen sind jedoch untypisch als Folge von Kämpfen zwischen Menschen. Die Archäologen vermuten Unfälle bei der Jagd. Neandertaler griffen große Beutetiere wie Auerochsen, Wildpferde oder Hirsche mit Speerstößen an – im Nahkampf. Das geht nicht ohne Blessuren für die Jäger ab.

3 Kälteliebende Neandertaler

Bullig, gedrungen, mit großer Nase und weiten Nasenhöhlen, in denen die eingeatmete Luft gut vorgewärmt wurde: Die Neandertaler waren hervorragend an die Eiseskälte in Eiszeit-Europa angepasst. So weit das Klischee. Doch es sieht keineswegs danach aus. Die Archäologen Michael Bolus und Jordi Serangeli haben 2008 erstmals sämtliche Neandertaler-Fundstellen zwischen Portugal und Zentralasien in eine Karte eingetragen. Dabei trat zutage, wo das Kernland konstanter Besiedlung dieser Menschenform lag: in den mildesten Klimaregionen Europas – in Portugal, Spanien, Südfrankreich, Italien, Krim.

Funde in höheren Breiten, etwa im namengebenden Neandertal bei Düsseldorf, stammen aus gelegentlichen Warmphasen („Interglaziale“ ), in denen die Populationen sich nach Norden ausdehnten. Wurde das Klima wieder rauer, zogen sich die offensichtlich wärmeliebenden Neandertaler in südliche Refugien zurück.

4 Höhlenmenschen

Höhlen bieten ganzjährig eine gleichbleibende Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Wenn sie in Kalkfelsen liegen, schafft dieses Milieu besonders gute Bedingungen, um Knochen viele Jahrtausende überdauern zu lassen. Forscher und Abenteurer stießen in Höhlen auf fossile Überreste von Menschen, die dort bestattet wurden oder sich zum Sterben verkrochen hatten – ferner auf materielle Relikte sowie auf gemalte, geritzte und geschnitzte Kunstwerke. Und prompt machte das Wort „Höhlenmenschen“ die Runde, als wären das alles Höhlenbewohner gewesen.

Das ist jedoch nur in wenigen geologisch begünstigten Ausnahmefällen so. Die berühmte Denisova-Höhle im Altai-Gebirge ist ein Beispiel: Hier liegt im Berginneren ein hallenartiges Gewölbe mit einer Öffnung in der Decke, ein natürlicher Rauchabzug für die Feuerstellen. Das war eine altsteinzeitliche Luxusresidenz, die nacheinander von Denisova-Menschen, Neandertalern und modernen Menschen besucht wurde. Aber normalerweise wohnten die Menschen der Altsteinzeit unter überhängenden Felswänden („Abris“) oder an Höhleneingängen, wo sie nicht in Gefahr waren, im Qualm des Feuers zu ersticken – keineswegs lebten sie im Inneren von Höhlen. Außerhalb des Berglands oder bei Jagd- und Sammeltouren im Freiland nächtigten sie in Laubhütten oder in ledernen Zelten.

Auch das Thema Höhlenmalereien sollte nicht zu Zirkelschlüssen verführen. Warum sollten diese Menschen nicht auch außenliegende Felswände mit Zeichen und Bildern bedeckt haben – die längst die Witterung zerstört hat?

5 Ausrotter I

Wo auch immer anatomisch moderne Menschen bei ihrer weltweiten Expansion auftauchten, verschwanden die großen Wildtiere des Eiszeitalters: Wollhaarmammuts, Wollhaarnashörner und Riesenhirsche, auf dem amerikanischen Kontinent Mastodonten, Riesenfaultiere und Säbelzahntiger. So hielten manche Forscher unsere Vorfahren für rücksichtslose Ausrotter.

Das ist höchstwahrscheinlich falsch. Neue Datierungen zeigen, dass ein Großteil der Eiszeitriesen schon vor dem Eintreffen des Homo sapiens ausgestorben ist. Als vor 11 500 Jahren, mit dem Anbruch der aktuell andauernden Warmphase („Holozän“), in Nordeurasien und Nordamerika die Vegetation der trockenkalten offenen Steppe verschwand, war das das Ende der großen Warmblüter.

6 Ausrotter II

Warum sind die Neandertaler – je nach Definition 100 000 bis 250 000 Jahre lang die angestammte Menschenform Europas – etwa zur selben Zeit verschwunden, als anatomisch moderne Menschen einwanderten? An Erklärungsversuchen mangelte es nicht. Die düsterste Variante lautete: Unsere (vielleicht) an Kopfzahl und/oder Fähigkeiten überlegenen Vorfahren haben die archaischen Vettern in einem prähistorischen Vernichtungsfeldzug ausgerottet.

Indes: Beide Menschenformen lebten in kleinen, weit verstreuten Verbänden als Jäger und Sammler. In dieser Kulturform führt man keine Kriege. Gibt es Probleme, geht man einander aus dem Weg. Erst mit dem Einzug des Ackerbaus, in Mitteleuropa etwa ab 5600 v.Chr., wurde das anders: Die Sesshaftigkeit in der Jungsteinzeit zwang dazu, Land und Ernte gegen jeden Neuankömmling zu verteidigen, der diese Lebensgrundlagen streitig machte.

Aktuelle Neudatierungen von Neandertaler-Fundstätten sowie genetische Untersuchungen versetzen der Ausrottungs-Hypothese vollends den Todesstoß (bild der wissenschaft 11/2013, „Die Völkerschlacht fiel aus“). Was die europäische Population der Neandertaler entscheidend schwächte, waren wahrscheinlich „ Heinrich-Ereignisse“: mehrfache abrupte Temperaturstürze vor 60 000 bis 40 000 Jahren. Als vor 45 000 Jahren die ersten modernen Menschen in Europa einsickerten, waren die meisten Neandertaler bereits zu Opfern des Klimas geworden. •

von Thorwald Ewe

Mehr zum Thema

„Fährtenleser AUF DEN SPUREN UNSERER URAHNEN“

Lesen

Überblicksstudie zu Fußspuren aus der Steinzeit: Clemens Pasda Zu Fuß – Spurenfossilien des eiszeitlichen Menschen In: Andreas Pastoors und Bärbel Auffermann, Pleistocene Foragers. Their Culture and Environment. Mettmann 2013, S. 51–70

Jüngste Entdeckung von altsteinzeitlichen Fußspuren in England: Nick Ashton et al. Hominin Footprints from Early Pleistocene Deposits at Happisburgh, UK In: PlosOne Vol. 9.2 (2014)

Internet

Der Blog zum Fährtenleser-Projekt: www.trackingincaves.com/

Fernsehen

Am 20. September 2014 sendet arte eine Dokumentation zum Fährtenleser-Projekt: „Tracking in Caves – Fußspuren in die Vergangenheit“.

„HOHE FRAUENQUOTE“

Lesen

Ergebnisse von Handnegativ-Messungen in französischen und spanischen Höhlen: Paul Pettitt et al. New Views on Old Hands In: Antiquity Vol. 88:339 (2014), S. 47–63

Dean Snow Sexual Dimorphism in European Upper Paleolithic Cave Art In: American Antiquity 78 (2013), S. 746–761

Computergestützte Handabdruck-Erfassung: James Z. Wang et al. Determining the Sexual Identities of Prehistoric Cave Artists using Digitized Handprints In: MM’10, October 25–29, 2010, Firenze, Italy

Bahnbrechende Arbeit eines Archäologen-Ehepaars über die Urheber der Finger Flutings: Kevin Sharpe, Leslie Van Gelder Women and Girls as Upper Paleolithic Cave ,Artists‘ In: Oxford Journal of Archaeology Vol. 28:4 (2009), S. 323–333

„6 IRRTÜMER ÜBER HÖHLENMENSCHEN“

Lesen

Unterhaltsame Plaudereien rund um Steinzeit-Klischees: Waltraud Sperlich Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Steinzeit Theiss, Stuttgart 2013, € 16,95

Internet

Schön bebilderte Meldung zu Snows Ergebnissen: news.nationalgeographic.com/news/2013/10/131008-women- handprints-oldest-neolithic-cave-art/

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