Denisova-Mensch: Komplex eingekreuzt - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Denisova-Mensch: Komplex eingekreuzt

Menschen aus Neuguinea und den nahegelegenen Inseln tragen Spuren einer Abstammung von mehr als einer Gruppe von Denisovanern in ihrem Erbgut. (Bild: Isabella Apriyana)

Wir sind ein bisschen Urmensch – der Neandertaler und der geheimnisvolle Denisova-Mensch haben zum Erbgut einiger heutiger Menschengruppen beigetragen, belegen Studien. Nun zeigt sich immer mehr, wie vielschichtig diese Geschichte offenbar war: Einer genetischen Untersuchung zufolge haben zwei stark unterschiedliche Gruppen des Denisova-Menschen Spuren im Erbgut der heutigen Bewohner Papua-Neuguineas hinterlassen. Eine der Linien könnte sogar eine völlig neue Urmenschen-Gruppe repräsentiert haben, sagen die Forscher.

Einst waren Anthropologen auf die Untersuchung von anatomischen Merkmalen von Fossilien beschränkt – doch das hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert: Die Wissenschaftler fahnden nun im genetischen Material nach Hinweisen auf die Entwicklungsgeschichte der Vertreter des menschlichen Stammbaums. Bei den Erkenntnissen zum Denisova-Menschen handelt es sich weitgehend um solche Ergebnisse aus dem Genlabor. Von dieser Menschenform zeugen nur wenige Funde aus der Denisova-Höhle im russischen Altai-Gebirge. Doch Forschern gelang es, diesen Fossilien noch intaktes Erbgut zu entlocken. Die genetischen Analysen ergaben, dass die Funde von einer bis dahin unbekannten archaischen Menschenform stammen – die Forscher nannten sie Denisova-Mensch.

Dem geheimnisvollen Urahn auf der Spur

Man geht davon aus, dass die Entwicklungslinien des Denisova-Menschen, des Neandertalers und des modernen Menschen auf einen gemeinsamen Vorfahren vor etwa 400.000 Jahren zurückgehen. Studien der letzten Jahre haben verdeutlicht, dass sich diese Menschenformen dann später wieder kreuzten: Als der moderne Mensch Afrika verließ, vermischte er sich mit dem Neandertaler und dem Denisova-Menschen. Erbgutvergleiche haben gezeigt, dass Bevölkerungsgruppen in Ostasien und Ozeanien sowie die australischen Ureinwohner genetisches Erbe des Denisova-Menschen in sich tragen.

Frühere Untersuchungen haben bereits ergeben, dass in den Genomen heute lebender Sibirier, Amerikanischer Ureinwohner und Ostasiaten zwei verschiedene Denisova-Linien ihre Spuren hinterlassen haben. Die Ergebnisse der Forscher um Murray Cox von der Massey University in Neuseeland deuten nun darauf hin, dass im Fall der heutigen Menschen der Inseln Südostasiens und Neuguineas nur eine dieser beiden Linien Erbgut beigesteuert hat. Dafür hat bei ihnen aber noch eine weitere Denisova-Gruppe mitgemischt.

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Eine besondere Linie zeichnet sich ab

Diese Ergebnisse basieren auf dem Fund von Abschnitten archaischer DNA in 161 neu sequenzierten Genomen, die von Menschen 14 unterschiedlicher Inselgruppen der Region stammen. Wie die Wissenschaftler berichten, spiegelt sich in ihren Analysen deutlich wider, dass zwei sehr verschiedene Denisovaner-Linien Erbgut an die Vorfahren dieser Menschen weitergegeben haben. Anhand der genetischen Merkmale schätzen die Wissenschaftler, dass sich die beiden Denisova-Menschengruppen etwa 350.000 Jahre lang getrennt voneinander entwickelt hatten. Es zeichnet sich somit ab, dass auf Neuguinea oder den angrenzenden Inseln eine spezielle Denisova-Gruppe existiert haben könnte. Den Forschern zufolge gibt es zudem genetische Hinweise darauf, dass diese Denisova-Menschen sogar noch bis vor etwa 30.000 Jahren in der Gegend gelebt haben. Es handelte sich somit möglicherweise um eine der letzten überlebenden Urmenschengruppen.

„Früher dachte man, dass die Denisovaner auf dem asiatischen Festland und weit im Norden gelebt haben“, sagt Cox. „Unsere Arbeit legt stattdessen nahe, dass das Zentrum archaischer Vielfalt nicht in Europa oder im vereisten Norden lag, sondern im tropischen Asien“, sagt der Anthropologe. Man kann also gespannt sein, ob Anthropologen in dieser Region noch weitere Hinweise zur komplexen Entwicklungsgeschichte des menschlichen Stammbaums aufdecken werden.

Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Cell, Doi: 10.1016/j.cell.2019.02.035

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