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Geschichte+Archäologie

Denisova-Mensch zweimal eingekreuzt

Illustration der Studienergebnisse. (Credit: Browning et al./Cell)

Teile von ihnen leben in heutigen Menschen weiter: Neben Neandertalern vermischten sich einst auch einige der geheimnisvollen Denisova-Menschen mit den Vorfahren heutiger Bevölkerungsgruppen, geht aus früheren Erbgut-Analysen hervor. Eine aktuelle genetische Studie belegt nun allerdings, dass diese archaischen Menschen offenbar nicht nur einmal, sondern gleich zweimal unabhängig voneinander ihre Spuren im Erbgut des Homo sapiens hinterlassen haben.

Die Genetik verändert momentan die Anthropologie: Wissenschaftler „fahnden“ nun auch im genetischen Material verschiedener Vertreter des menschlichen Stammbaums nach Hinweisen auf Abläufe in der Entwicklungsgeschichte. Möglich wird dies durch DNA, die sich manchen Fossilien noch entlocken lässt. Die Erkenntnisse rund um den Denisova-Menschen sind bereits das Ergebnis von Anthropologie aus dem Genlabor. Von dieser Menschenform zeugen nur wenige Funde aus der Denisova-Höhle im russischen Altai-Gebirge. Doch Forschern gelang es, aus diesen Überresten DNA zu gewinnen. Im Jahr 2010 ergaben die genetischen Analysen, dass die Fossilien zu einer bis dahin unbekannten Form archaischer Menschen gehörten, die in der Höhle vor 30.000 bis 50.000 Jahren gelebt haben.

Dem Erbe des Denisova-Menschen auf der Spur

Vergleiche mit dem ebenfalls sequenzierten Erbgut des Neandertalers zeigten, dass die beiden Menschenformen verwandt waren. Man geht davon aus, dass sich ihre Entwicklungslinien aufgetrennt haben, nachdem sich ihre gemeinsamen Vorfahren vor 400.000 Jahren von der Linie des modernen Menschen getrennt hatten. In den letzten Jahren haben Studien immer deutlicher gemacht, dass sich diese Menschenformen später allerdings wieder mischten. Nahezu alle modernen Nichtafrikaner weisen demnach Spuren von Neandertalererbgut in ihrer DNA auf. Ähnliches gilt auch im Fall des Denisova-Menschen: Erbgutvergleiche ergaben, dass Bevölkerungsgruppen in Ostasien und Ozeanien sowie die australischen Ureinwohner genetisches Erbe des Denisova-Menschen in sich tragen.

„Es war bereits bekannt, dass bei Menschen aus Ozeanien, vor allem von der Insel Papua-Neuguinea, der Einfluss von Denisova-Vorfahren besonders deutlich ist – etwa fünf Prozent ihres Erbguts stammt von diesen archaischen Menschen“, sagt Sharon Browning, von der University of Washington School of Public Health in Seattle. Offenbar hatten sich deren Vorfahren im Verlauf ihrer Ausbreitung bis nach Ozeanien mit Denisova-Menschen gemischt. Man vermutete bislang, dass der geringere Anteil Denisova-Abstammung in asiatischen Bevölkerungsgruppen auf die spätere Durchmischung mit ozeanischen Populationen zurückzuführen ist. Die aktuelle Studie legt nun allerdings nahe, dass das Denisova-Erbe der Ostasiaten von einem zweiten Einkreuzungs-Ereignis stammt.

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Unterschiedliches Denisaova-Erbe festgestellt

Im Rahmen ihrer Studie analysierten Browning und ihre Kollegen mehr als 5600 Gensequenzen von Individuen aus Europa, Asien, Amerika sowie Ozeanien und verglichen sie mit dem Erbgut des Denisova-Menschen. Dabei zeigte sich überraschenderweise, dass die genetischen Anteile der archaischen Menschen bei den Ostasiaten deutlich andere Merkmale aufweisen als bei den modernen Menschen in Papua-Neuguinea. „Einige der DNA-Sequenzen bei den Ostasiaten, vor allem bei den Han-Chinesen und Japanern waren der Denisova-DNA viel ähnlicher als Stücke dieser archaischen Menschen bei den Ozeaniern“, so Browning. Die Forscher schließen daraus, dass die genetischen Spuren bei den Ostasiaten und bei den Ozeaniern von zwei unterschiedlichen Einkreuzungen mit verschiedenen Untergruppen der Densivova-Menschen stammen. Den Forschern zufolge ist es möglich, dass sich die Vorfahren der Ozeanier mit einer südlichen Gruppe von Denisova-Menschen gemischt haben, während die Ahnen der Ostasiaten mit einer nördlichen Gruppe entsprechenden Kontakt hatten.

Erneut scheint sich damit abzuzeichnen, dass die Entwicklungsgeschichte des Menschen deutlich komplexer abgelaufen ist, als lange angenommen: Es ist offenbar mehrfach zu Aufspaltungen und späteren Wiedervereinigungen von menschlichen Linien gekommen. Der Erforschung dieses Themas wollen sich Browning und ihre Kollegen weiterhin widmen. „Wir wollen nun auch in anderen Bevölkerungsgruppen der Welt nach Hinweisen auf eine Vermischung mit archaischen Menschenformen suchen“, so Browning. „Es gibt beispielsweise Anzeichen dafür, dass sich auch in Afrika Vermischungen mit archaischen Menschen ereignet haben“, sagt die Anthropologin.

Quellen: Cell Press, Originalveröffentlichung: Cell, doi: 10.1016/j.cell.2018.02.031

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