Die früheste Jagdszene der Menschheit - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Die früheste Jagdszene der Menschheit

Felsmalerei
Felsmalerei mit Tier-Mensch-Mischwesen (links) und einem Zwergbüffel. (Bild: Griffith University/ Adam Brumm, R. Sardi, A.A. Oktaviana)

Felsmalereien gelten als eine der frühesten künstlerischen Ausdrucksformen der Menschheit, wann unsere Vorfahren jedoch damit begannen, ist unklar. Jetzt haben Forscher auf Sulawesi ein mehr als 40.000 Jahre altes Felsbild entdeckt – die älteste Jagdszene der Welt. Die Malerei zeigt eine Gruppe von Menschen mit Tierköpfen, die mit Speeren auf Schweine und Zwergbüffel Jagd machen. Nach Angaben der Wissenschaftler spricht die Darstellung der Mensch-Tier-Mischwesen dafür, dass die Erschaffer dieser Malereien bereits eine Vorstellung von übernatürlichen Wesen oder Kräften entwickelt hatten – und dass sie ihren europäischen Zeitgenossen in der Darstellung solcher Vorstellungen möglicherweise sogar voraus waren.

Dass schon unsere steinzeitlichen Vorfahren sich in Form von Höhlenmalereien und Felsritzungen verewigten, ist nicht neu: Vor allem in Frankreich und Spanien kennt man hunderte von Höhlen, in denen Menschen farbige Gemälde verschiedener Tiere, Jagdszenen, Handabdrücke und andere Felsmalereien hinterlassen haben. Sogar in Felsunterständen in den Alpen, auf mehr als 2000 Metern Höhe, haben Archäologen inzwischen prähistorische Malereien entdeckt. Die meisten dieser prähistorischen Kunstwerke stammen aus der Zeit des Magdalénien, einer vor 20.000 bis 14.000 Jahren in West- und Mitteleuropa verbreiteten Kulturstufe. Es gibt aber auch einige Felsmalereien, darunter einfache rote Punkte und Handabdrücke in der spanischen El-Castillo-Höhle, die auf ein Alter von 40.000 Jahren datiert wurden. Ähnlich alt ist der Löwenmensch, die bisher älteste figürliche Darstellung eines Tier-Mensch-Mischwesens, fachsprachlich Therianthrope: Dieses aus Mammutelfenbein geschnitzte Wesen mit menschlichem Körper und Löwenkopf wurde in der Stadelhöhle in der Schwäbischen Alb gefunden.

Aufgrund dieser und weiterer Funde gingen Wissenschaftler lange davon aus, dass sich diese künstlerischen Ausdrucksformen als erstes in Europa entwickelt haben. Doch bereits im Jahr 2014 weckte eine Entdeckung auf der indonesischen Insel Sulawesi daran erhebliche Zweifel. Archäologen hatten in einer Höhle im Süden der Insel mit rotem Pigment erstellte Handabdrücke entdeckt, die ebenfalls schon 40.000 Jahre alt waren. Wenig später kamen weitere, in der gleichen Gegend aufgespürte Felsmalereien von Tieren hinzu. Das hohe Alter dieser prähistorischen Kunst warf die Frage auf, seit wann der Mensch solche Malereien herstellt – und wo die Wurzeln dieser Fähigkeit liegen.

Jagdszene mit Mischwesen

Jetzt vertieft ein weiterer Fund auf Sulawesi das Rätsel um die frühe Felskunst. In der Höhle Leang Bulu‘ Sipong 4, die ebenfalls im Karstgebiet im Süden Sulawesis liegt, entdeckten Maxime Aubert von der Griffith University in Australien und seine Kollegen eine Felsmalerei, die zwischen 35.100 bis 43.900 Jahre alt ist. Datiert wurde das Bild über Uranisotope in winzigen Kalkaufwüchsen auf den Pigmenten der Malereien. Angesichts des hohen Alters ist das Motiv dieser Felsmalerei umso erstaunlicher: „Die Rückwand der Höhle trägt ein 4,50 Meter breites Felsbild mit monochromen Abbildungen, die wir als Therianthrope interpretieren, die heimische Tiere jagen“, berichten die Forscher. Die mit dunkelrotem Pigment auf die Felswand gezeichneten Darstellungen lassen zwei Warzenschweine und vier Zwergbüffel erkennen, die von acht kleineren, menschenähnlichen Figuren verfolgt werden. „Einige dieser Figuren scheinen lange dünne Objekte zu tragen, die wir als Speere und/oder Seile interpretieren“, erklären Aubert und seine Kollegen.

Während der Körper dieser Jäger menschenähnlich ist, sind ihre Köpfe teilweise schnauzenartig ausgezogen, einige scheinen sogar eine Art Vogelschnabel zu tragen. Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht dies dafür, dass es sich hierbei nicht um die Darstellung von Menschen oder verkleideten Jägern handelt, sondern um Fantasiewesen. „Tier-Mensch-Mischwesen in prähistorischer Kunst werden oft in Bezug zu schamanischen Visionen und Glaubensvorstellungen gesehen, sie könnten beispielsweise helfende Tiergeister repräsentieren“, erklären Aubert und seine Kollegen. Ihrer Meinung nach ist auch diese Jagdszene eine solche metaphorisch-spirituelle Darstellung. Ob die dargestellten Figuren allerdings Tiergeister sein sollten oder eher die enge Verbundenheit der Jäger mit der Tierwelt ausdrücken sollten, bleibt offen. „In jedem Fall aber ist es offensichtlich, dass diese komplexe Szene mit ihren vielen interagierenden Akteuren einen reichen erzählerischen Inhalt transportiert“, konstatieren die Wissenschaftler.

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(Video: Maxime Aubert)

Einblick in frühe Spiritualität

Diese Kombination von hohem Alter und komplexem Inhalt macht die neuentdeckten Höhlenmalereien zum ältesten figurativen Kunstwerk der Welt, wie Aubert und seine Kollegen berichten. Gleichzeitig ist es der älteste Beleg für die bildliche Übermittlung einer Geschichte in der paläolithischen Kunst und die älteste bekannte Darstellung von Tier-Mensch-Mischwesen. „Die frühen Indonesier erschufen hier Kunst, die ihre spirituellen Vorstellungen über das spezielle Band zwischen Tier und Menschen ausdrückte – und dies lange vor ähnlichen Kunstwerken in Europa“, sagt Auberts Kollege Adam Brumm. Selbst der Löwenmensch aus der Stadelhöhle könnte einige Jahrtausende jünger sein als diese indonesische Felsmalerei. Nach Ansicht der Forscher wirft dies neue Fragen dazu auf, wann unsere Vorfahren die Fähigkeit zu dieser künstlerischen Darstellung spiritueller Konzepte entwickelten. Die Tatsache, dass es sie schon vor gut 40.000 Jahren sowohl in Europa als auch in Südostasien gab, legt nahe, dass ihr eigentlicher Ursprung noch tiefer in der Vergangenheit liegt.

Möglicherweise können zukünftige Funde mehr Aufschluss über die ersten Künstler der Menschheit geben, denn die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich in den Karsthöhlen auf Sulawesi noch viele weitere Felsmalereien verbergen. Schon jetzt wurden in diesem Gebiet mehr als 240 Höhlen und Felsunterstände mit Felskunst entdeckt, viele weitere Höhlen sind jedoch noch unerforscht. „Die frühe Kunst auf Sulawesi könnte unbezahlbare Einblicke in die Entwicklung der menschlichen Spiritualität und die Verbreitung der künstlerischen Praktiken geben, die das Denken auch des modernen Menschen geprägt haben“, sagt Co-Autor Adhi Agus Oktaviana vom ARKENAS-Forschungsinstitut in Jakarta.

Quelle: Maxime Aubert (Griffith University, Brisbane) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-019-1806-y

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