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Geschichte+Archäologie

Die verbannte Göttin

Hatte Jahwe, der Gott Israels, eine Frau an seiner Seite? In Alt-Palästina zumindest gab es eine starke Göttin. Am Ende jedoch stand die Alleinherrschaft des „Einen Gottes“. Der Monotheismus fiel nicht vom Himmel, sondern war das Produkt einer langen Entwicklung. Die göttliche Partnerin zahlte den Preis.

Am Anfang war die Göttin. Und der Gott. Um 1800 v. Chr. setzt in Palästina ein nachhaltiger Kultur- und Kultschub ein: Es werden Städte gegründet, die später mächtig oder zumindest berühmt werden. Die Nomadenwirtschaft dominiert nicht mehr. Handwerk, Arbeitsteilung, Handel und Produktveredelung in den Städten steigern das Bruttosozialprodukt. Das profane Dasein überhöht man mit einer Götterwelt, von der man sich – im Gegensatz zu den kommenden monotheistischen Religionen – durchaus ein Bild macht.

Am Anfang steht eine Göttin unbekannten Namens, die im weitesten Sinn Fruchtbarkeit versprach – „Zweiggöttin“ nennen die Forscher sie mangels schriftlicher Nachricht oder „terra mater“; später heißt sie unter anderem Astarte oder Aschera. Ihr zugesellt ist ein, zunächst ebenfalls namenloser Wettergott, der für die Regenlandwirtschaft Palästinas eine wichtige Rolle spielt. Namentlich faßbar wird er unter „Baal“.

Um mehr über diese Götter zu erfahren beachtet Othmar Keel, Professor für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Universität Freiburg in der Schweiz, auch die auf den ersten Blick unscheinbaren Informationsquellen.
In 30jähriger Sammler- und Deutungsarbeit hat er über 10000 Siegel, Amulette und Skarabäen ausgewertet: „Diese kleinen, allgegenwärtigen Dinger sind schließlich das älteste visuelle Massenkommunikationsmittel.“
Ein weitverbreitetes und aussagekäftiges, wie Keel zeigen kann, noch dazu:
– Die Siegel geben Auskunft über Herrschaft, deren Legitimation – meist von einem Gott – und ihre Ausdehnung. Dazu berichten sie vom internationalen Handel, seinen Gütern und seinen Wegen (Karte).
– Die den Ägyptern heiligen Skarabäen – fingernagel- bis daumengroße Mistkäfer-Figuren aus teilweise edlem Material und kunstfertig graviert – symbolisierten, als Siegel benutzt, ebenfalls Herrschaft. Sie dienten jedoch vor allem als Glücksbringer oder Schadensrückversicherer – mit den jeweils zuständigen Mächten.

Nach der kulturell weitgehend nebulösen Periode der Frühen Bronzezeit (3000 bis 1800 v. Chr.) taucht dann die Göttin auf – „erstens häufig und zweitens in kostbarem Material, in Metall oder Gold oder auf edlen Skarabäen“, liest Keel aus seiner Sammlung.
Die Mittlere Bronze-Epoche war eine Blütezeit Palästinas. Kein Wunder, daß aus Palästina heraus eine kanaanäische Oberherrschaft im Nildelta gegründet wurde – die sogenannte Hyksos-Dynastie (1730 bis 1580 v. Chr.), eine Zeit der Schande für das Land der Pharaonen.
Die mittlere Bronze-Epoche war eine Blütezeit Palästinas
Nach knapp 200 Jahren schüttelten wiedererstarkte, „einheimische“ Pharaonen die verhaßte palästinensische Fremdherrschaft ab und herrschten für über 300 Jahre über Kanaan. In diese Zeit, von 1500 bis 1100 vor Christus fällt auch der mißglückte erste Versuch, eine monotheistische Religion zu etablieren: Amenophes IV. – besser bekannt als Echnaton – scheitert mit seinem Vorhaben, „Aton“ als einzigen Gott einzusetzen.

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Mit der Herrschaft der Ägypter über Palästina wird die etablierte Götterwelt runderneuert. Die zweite Phase der Besetzung unter den Ramses-Pharaonen (1300 bis 1100 v. Chr.) vereinigt die Überirdischen aller Völker. Die Folge der Mixtur: Aus dem lebenspendenden Wettergott, Partner der Fruchtbarkeitsgöttin, wird ein „lediger“ Kämpfer. „Plötzlich steht nicht mehr die Produktivität des Lebens im Vordergrund, sondern die Frage: Wer herrscht, wer siegt?“, charakterisiert Othmar Keel die Metamorphose. Die Machtpolitik hat die Bühne der Weltgeschichte betreten.

Die partnerschaftliche Göttin hat das Nachsehen: Sie wird in den Hintergrund gedrängt. Mengenmäßig nehmen ihre Darstellungen zwar noch zu, aber nur auf billigen Terrakotten und in Gefäßmalereien – die erotische Göttin wird zur züchtigen Haus-Mutter marginalisiert. Dies um so stärker, je heftiger die Kämpfe um Herrschaft und Einfluß in Vorderasien werden. Im Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit (1200 bis 1000 v. Chr.) streiten die Stadtfürsten mit den Nomaden, die Ägypter mit den Kanaanäer, die Stadtstaaten untereinander. Und jeder Stadtstaat hat seinen eigenen Baal-Seth-gemischten Vor-Kämpfer. Bei den Israeliten heißt er: Jahwe.

Bei Davids biblischem Einzug in Jerusalem 998 v. Chr. stößt der israelitische Gott dort auf eine etablierte Kulttradition. Die ist, nach Keels Kommunikationsforschung, dominiert von einem Sonnenkult ägyptischer Prägung – mit dem Symbol der geflügelten Sonne. Als Jahwe den Jerusalemer Tempel vom Sonnengott übernimmt, eignet er sich zugleich dessen Wesenszüge an und auch dessen, wie in Assyrien und Ägypten häufig, leeren Thron: für Keel eine Erklärung für die Bildlosigkeit des Jahwe-Kultes.

Dieser Einzug in Jerusalem ist nach Keels Auffassung der entscheidende Schritt auf dem Weg zu dem „Einen Gott“: Der Sonnengott war ein stabiles Element des Alltags, und die städtische Gesellschaft hatte eine quasi-staatliche Ordnung – das bestärkte den menschlichen Wunsch nach Vereinheitlichung. Dennoch setzt sich der Monotheismus immer erst im Kampf durch, sagt Keel, „er ist etwas Revolutionäres, ein geistiger Kraftakt wie die Erfindung der Null“.

Seit der Annexion des Sonnentempels hat Jahwe für den Schweizer Forscher ein doppeltes Gesicht – das des kanaanäischen Wettergottes und das des ägyptischen Sonnengottes. Damit nicht genug, gliedert sich Jahwe weitere Gottheiten aus Umgebung und Geschichte an. „Kumulativen Monotheismus“ nennt Keel die Entwicklung. Jahwe saugt bei seinem Werden zum alleinigen Gott so viel andere Wesensarten auf, daß er „seine Einheit nur noch mühsam wahren kann“, wie Keel urteilt. „Er wird ein bißchen abstrakt.“

Und widersprüchlich: Wer alles sein und alles bewirken will, bekommt Probleme mit der Folgerichtigkeit seines Handelns – Beispiel Sintflut: Einmal befürwortet Jahwe die Vernichtung der Menschen, ein andermal will er für immer davon Abstand nehmen – in der Urfassung des Sintflut-Mythos, dem sumerischen Gilgamesch-Epos, sind es noch drei Götter, die um diese Frage streiten, Jahwe muß sie nun mit sich selbst ausdiskutieren. Ein weites Feld für die wissenschaftliche und theologische Beschäftigung mit den verschiedenen Teilen der Bibel. Die „Jahwe-Allein-Bewegung“ wird vor allem von den biblischen Propheten und während des babylonischen Exils vorangetrieben. 550 v. Chr. kumuliert die Kampagne – nach zähem Ringen und vielen, in der Bibel nachzulesenden, Rückfällen – mit dem Alleinvertretungsanspruch Jahwes als kultischem Gesetz.

„Ich denke“, sagt Othmar Keel, der Religionsforscher, der seine wissenschaftliche Erkenntnis aus einer heidnischen Skarabäensammlung zieht, „ich habe zeigen können, daß all das nicht vom Himmel gefallen ist, sondern seine Zeit gebraucht hat.“

Michael Zick
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