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Geschichte+Archäologie

DNA bestätigt Urenkel von Sitting Bull

Sitting Bull
Fotografie von Sitting Bull und seine Haarlocke. (Bilder: National Portrait Gallery, Smithsonian Institution/ Eske Willerslev)

Der Sioux-Häuptling Tatanka-Iyotake, besser bekannt als Sitting Bull, ist in die Geschichtsbücher eingegangen. Denn er führte sein Volk 1876 gegen die Soldaten um General Custer und besiegte sie in der legendären Schlacht am Little Big Horn. Jetzt ist es Wissenschaftlern erstmals gelungen, Erbgut-Fragmente von Sitting Bull aus einer aufbewahrten Haarlocke zu isolieren und mithilfe dieser DNA zu beweisen, dass der Sioux-Indianer Ernie Lapointe tatsächlich der Urenkel des Häuptlings ist. Dies gibt diesem nun das Recht, über die letzte Ruhestätte von Tatanka-Iyotake zu entscheiden und sie zu sichern.

Der 1831 geborene Sitting Bull ist einer der bekanntesten Kriegshäuptlinge der amerikanischen Ureinwohner. Der Anführer und Medizinmann der Hunkpapa Lakota-Sioux war eine der treibenden Kräfte des Widerstands, den die Sioux der Landnahme und Vertreibung durch die Europäer in Form des US-Militärs entgegensetzten. Eine besondere Rolle spielte er als einer der Kriegshäuptlinge, die die vereinten Stämme der Sioux, Cheyenne und Arapaho im Jahr 1876 in den Kampf gegen die US-Armee unter General George Custer führten. Bei der Schlacht am Little Big Horn gelang es den Indianern, die US-Soldaten vernichtend zu schlagen und Custer zu töten. Diese Schlacht gilt als der größte Sieg der Indianer im Kampf um ihr Land und ihre Freiheit – den sie dennoch letztlich verloren. Sitting Bull lebte nach dem endgültigen Sieg der Weißen mit seinem Stamm im Standing Rock Reservat in North Dakota, wo er 1890 unter unklaren Bedingungen ermordet wurde.

Eine Haarlocke von Sitting Bull

Kurz bevor die Gebeine des Sioux-Häuptlings begraben wurden, schnitt ein Gerichtsmediziner dem toten Sitting Bull seine Skalplocke ab – eine Haarlocke vom Oberkopf, an der die Sioux typischerweise eine Feder befestigten – und entwendete die Leggings des Häuptlings. Beides gab er später als Leihgabe an das Smithsonian Institute in Washington DC. Erst im Jahr 2007 wurden diese beiden Relikte an die Sioux und im Speziellen an Ernie Lapointe und seine Schwestern übergeben. Laut Geburtsurkunden, Familienstammbäumen und historischen Dokumenten sind sie die noch lebenden Urenkel des Sioux-Häuptlings. „Aber im Laufe der Jahre haben immer wieder viele Leute versucht, die Verwandtschaftsbeziehung von mir und meinen Schwestern zu Sitting Bull anzuzweifeln“, erklärt Lapointe. Zum Problem wurde dies vor allem deshalb, weil ihm bisher jedes Mitspracherecht über die beiden mutmaßlichen Bestattungsorte von Sitting Bull verwehrt blieb.

An diesem Punkt kommt der bekannte DNA-Forscher Eske Willerslev von der University of Cambridge ins Spiel. Er und sein Team sind Spezialisten darin, selbst aus sehr alten Knochen und anderen Relikten noch Erbgut zu isolieren und daraus auf Herkunft oder Verwandtschaftsbeziehungen zu schließen. „Sitting Bull war mein Held, seitdem ich ein Junge war“, erzählt Willerslev. „Deshalb habe ich mich fast an meinem Kaffee verschluckt, als ich 2007 in einem Magazin las, dass das Smithsonian Museum das Haar von Sitting Bull an Ernie Lapointe zurückgeben wollte.“ Der Forscher schrieb an Lapointe, erklärte ihm, dass er auf die Analyse alter DNA spezialisiert sei, und fragte, ob er nicht versuchen dürfe, DNA aus der Haarlocke von Sitting Bull zu extrahieren und so seine Verwandtschaft zu beweisen. Lapointe stimmte zu und Willerslev, Erstautorin Ida Moltke von der Universität Kopenhagen und ihre Kollegen machten sich an die Arbeit.

Erfolg trotz extrem geringer DNA-Ausbeute

Allerdings erwies es sich als extrem schwierig, überhaupt ausreichend Erbgut aus den Haaren zu isolieren, wie das Team berichtet. Denn die Skalplocke war mehr als ein Jahrhundert lang bei Raumtemperatur gelagert und möglicherweise zur Konservierung mit Arsen behandelt worden. Als Folge war das Material stark degradiert und das Team konnte nur noch sehr wenige kleine DNA-Fragmente extrahieren und sequenzieren. Hinzu kam: Der normalerweise einfachere Vergleich über den Gencode des Y-Chromosoms kam nicht in Frage, weil Lapointe über seine Mutter von Sitting Bull abstammt und das Y-Chromosom nur über die männliche Linie weitergegeben wird. Die in den „Kraftwerken der Zelle“ liegende und oft besser konservierte mitochondriale DNA wiederum wird nur von Müttern zu Töchtern weitergegeben und funktionierte bei Lapointe daher auch nicht. Die Wissenschaftler mussten daher auf die normale Kern-DNA zurückgreifen und spezielle computergestützte Methoden einsetzen, um die wenigen DNA-Fragmente überhaupt mit dem Erbgut von Lapointe, seinen Schwestern und zu Kontrollzwecken weiteren Sioux vergleichen zu können.

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Doch es gelang: „Wir schafften es, eine ausreichende Menge an autosomaler DNA aus der Haarprobe von Sitting Bull zu gewinnen und diese zu vergleichen – und zu unserer Begeisterung stimmten sie überein“, berichtet Willerslev. Damit ist nun auch genetisch bewiesen, dass Lapointe und seine Schwestern die Urenkel des berühmten Sioux-Häuptlings Sitting Bull sind. Nach US-Recht haben sie damit auch die Verfügungsgewalt über die sterblichen Überreste des Häuptlings. Lapointe möchte dies nutzen, um die Gebeine von Mobridge, einem nicht im Kernland der Sioux liegenden Ort, umzubetten und an einen enger mit der Kultur seines Stammes verknüpften Ort zu bringen. Für Willerslev und seine Kollegen sind die Isolation der DNA aus einer so stark degradierten Probe und die für die Vergleiche entwickelte Technik dagegen ein entscheidender Fortschritt bei der Untersuchung alter DNA. Denn der neue Ansatz ermögliche die Identifizierung selbst entfernterer Verwandtschaftsbeziehungen mit sehr wenig DNA. „Im Prinzip könnte man auch noch ganz andere Beziehungen untersuchen – von Jesse James bis zur Familie des letzten russischen Zaren“, erklärt Willerslev.

Quelle: Erstautorin Ida Moltke (Universität Kopenhagen) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abh2013

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