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Geschichte|Archäologie

Einblicke in die Sozialstruktur der Neandertaler

Neandertaler
Neandertalervater mit seiner Tochter. © Tom Bjorklund

Wie haben die Neandertaler zusammengelebt? Wie groß waren ihre Gruppen und welche Rolle spielten Verwandtschaftsbeziehungen? Antworten auf diese Fragen liefert nun eine Genomanalyse von 13 Neandertalern, von denen offenbar mehrere zur gleichen Zeit in der gleichen sozialen Gemeinschaft lebten. Die Ergebnisse zeigen, dass einige der Individuen miteinander verwandt waren. Überdies lassen die genetischen Daten darauf schließen, dass es vor allem migrierende Frauen waren, die Bindeglieder zwischen verschiedenen Neandertalergruppen darstellten.

Rund 100.000 Jahre lang lebten Neandertaler in Eurasien. Aus archäologischen Funden wissen wir, dass sie ebenso wie moderne Menschen Werkzeuge herstellten, Tiere jagten und Schmuckstücke mit rituellen Symbolen fertigten. Genomanalysen haben enthüllt, dass sie sich sogar mit modernen Menschen fortpflanzten und auch in unserem heutigen Erbgut ein kleiner Anteil Neandertaler-DNA steckt. Viele Aspekte der Sozialstruktur der Neandertaler waren allerdings bislang unklar. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass bisherige Genomanalysen in der Regel von einzelnen Individuen aus verschiedenen Fundstätten stammten, sodass die genetischen Daten kaum Rückschlüsse auf die soziale Gruppe zuließen.

Genome mehrerer Gruppenmitglieder

Ein Forschungsteam um Laurits Skov vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat nun erstmals die Genome mehrerer Mitglieder einer Gruppe von Neandertalern analysiert. „Es ist uns gelungen, Erbgut aus 17 verschiedenen Neandertaler-Überresten zu entnehmen und zu sequenzieren – so viele wie noch nie zuvor im Rahmen einer einzigen Studie“, berichtet das Autorenteam, zu dem auch der diesjährige Medizin-Nobelpreisträger Svante Pääbo zählt. Die Neandertalerfossilien stammten aus zwei Höhlen in Sibirien, der Chagyrskaya- und der Okladnikov-Höhle, und wurden auf ein Alter von rund 54.000 Jahren datiert.

Die genetischen Analysen ergaben, dass die 17 Fossilien von 13 verschiedenen Individuen stammten, davon elf aus der Chagyrskaya-Höhle. Sieben Individuen waren männlich, sechs weiblich. Anhand anatomischer Merkmale der erhalten gebliebenen Knochen und Zähne stellte das Forschungsteam fest, dass es sich um acht Erwachsene und fünf Kinder und Jugendliche handelte. Die Genomanalysen zeigten zudem eine bislang einzigartige Besonderheit: „Einige der Chagyrskaya-Individuen waren eng miteinander verwandt, was darauf hindeutet, dass zumindest einige der Individuen zur gleichen Zeit lebten“, so die Forscher.

Familienangehörige identifiziert

Das am nächsten verwandte Paar, das Skov und seine Kollegen entdeckten, waren ein Vater und seine Tochter im Teenageralter. Ein weiteres männliches Individuum war wahrscheinlich über eine weibliche Linie mit dem Vater verwandt – womöglich hatten die beiden Männer eine gemeinsame Großmutter. Zudem befanden sich unter den Überresten zwei Individuen, die Verwandte zweiten Grades waren: Ein etwa acht- bis zwölfjähriger Junge und eine erwachsene Frau, die vielleicht seine Cousine, Tante oder Großmutter war.

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„Dass sie zur gleichen Zeit gelebt haben, ist für uns sehr aufregend, denn das bedeutet, sie gehörten möglicherweise der gleichen sozialen Gemeinschaft an. So können wir zum ersten Mal mithilfe der Genetik die soziale Organisation einer Neandertalergruppe untersuchen“, sagt Skov. Über die direkten Verwandtschaftsverhältnisse hinaus boten die Genomdaten weitere Einblicke: Aus der geringen genetischen Vielfalt schlossen die Autoren, dass die sozialen Gruppen, innerhalb sich die Neandertaler vorwiegend fortgepflanzt haben, sehr klein waren und wahrscheinlich nur aus zehn bis 20 Individuen bestanden.

Genetische Variation dank weiblicher Migration

Um mehr über die Geschlechterrollen herauszufinden, verglichen Skov und seine Kollegen zudem die genetische Vielfalt auf dem Y-Chromosom, das vom Vater zum Sohn vererbt wird, und die Vielfalt der mitochondrialen DNA, die von der Mutter an ihre Kinder weitergegeben wird. Das Ergebnis: „Die mitochondriale genetische Vielfalt war viel größer als die Diversität auf dem Y-Chromosom“, so die Forscher. Demnach war es wahrscheinlich üblich, dass Neandertalerfrauen ihre eigene Gruppe verließen und sich der Gruppe ihres männlichen Partners anschlossen. „Neandertaler-Gemeinschaften waren also in erster Linie durch die Migration von Frauen genetisch miteinander verbunden“, so das Autorenteam.

Inwieweit sich diese Ergebnisse auf andere Populationen von Neandertalern übertragen lassen, ist bislang unklar. Aus Sicht der Autoren wäre es auch möglich, dass die geringe genetische Vielfalt und die Verbindung durch migrierende Frauen vor allem mit der isolierten geografischen Lage am Rande des sibirischen Altai-Gebirges zusammenhängen. „Künftige Studien sollten daher nach Möglichkeit darauf abzielen, mehrere Individuen aus weiteren Neandertaler-Gemeinschaften in anderen Teilen Eurasiens zu untersuchen, um weitere Erkenntnisse über die soziale Organisation unserer engsten evolutionären Verwandten zu gewinnen“, so die Autoren.

Quelle: Laurits Skov (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-022-05283-y

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