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Geschichte+Archäologie

Früheste Kreuzung verschiedener Menschenarten

Frühmenschen
Verschiedene Frühmenschenarten paarten sich auch untereinander (Bild: 1971yes/ iStock)

Die Geschichte unserer Vorfahren wird immer komplexer. Denn nun haben Forscher bei Gen-Analysen Hinweise auf eine weitere Kreuzung früher Menschenarten gefunden. Demnach haben sich die gemeinsamen Vorfahren der Neandertaler und Denisova-Menschen vor rund 700.000 Jahren in Eurasien mit einer „superarchaischen“ Frühmenschenform gekreuzt. Sollte sich dies bestätigen, wäre dies die früheste bislang bekannte Vermischung von verschiedenen Menschenarten – und die insgesamt fünfte bekannte Episode solcher zwischenartlicher Paarungen. Zudem sprechen die Ergebnisse dafür, dass sich die Stammeslinien von Neandertaler und Denisova-Menschen früher trennten als bislang angenommen.

Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte paralleler Stammeslinien und Seitensprünge: Immer wieder kam es zur Entwicklung verschiedener Menschenarten, die teilweise zur gleichen Zeit am gleichen Ort lebten und sich auch untereinander paarten. Unser Stammbaum gleicht daher zu manchen Zeiten eher einem verwirrenden Gestrüpp als einem klassischen Abstammungsdiagramm. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der urzeitlichen Menschenvarianten kaum erforscht sind, weil Anthropologen nur aus vereinzelten Funden oder genetischen Indizien auf ihre Existenz schließen. Klar scheint immerhin bisher, dass sich vor rund 800.000 Jahren unsere Stammeslinie von der des gemeinsamen Vorfahren der Neandertaler und Denisova-Menschen trennte. Diese wiederum entwickelten sich gängiger Hypothese nach vor 390.000 Jahren zu getrennten Arten. Diese Zeitschätzung ist allerdings nicht unumstritten, denn einige DNA-Analysen kamen jüngst zu einer weit früheren Trennung dieser beiden Linien.

Paarung zwischen archaischem Homo und „Neandersovanern“

In diesem Kontext haben nun Alan Rogers und seine Kollegen von der University of Utah erneut nach genetischen Hinweisen auf Trennungen und Kreuzungen früher Stammeslinien des Menschen gesucht. Sie nutzen einen Algorithmus, um gezielt charakteristische DNA-Signaturen archaischer Menschenarten im Genom von zwei europäischen Populationen und als Vergleichspopulation dem Yorubavolk aus Afrika zu identifizieren. Auch die bereits entschlüsselten Genome des Neandertalers und Denisova-Menschen zogen sie zu Vergleichen heran. Zusätzlich nutzten die Forscher die Technik der molekularen Uhr, um über die Mutationsrate unseres Genoms auf die zeitlichen Abläufe und das Alter bestimmter Genteile zu schließen. Der Fokus der Gen-Analysen lag dabei auf der Zeit vor rund 600.000 Jahren. „Wir werfen damit mehr Licht auf ein Intervall in der Menschheitsgeschichte, das bisher völlig im Dunkeln lag“, sagt Rogers.

Die Auswertungen ergaben Überraschendes. Denn den DNA-Analysen zufolge müssen sich die gemeinsamen Vorfahren von Neandertalern und Denisova-Menschen – von den Forschern Neandersovaner“ genannt – vor rund 700.000 Jahren in Eurasien mit einer „superarchaischen“ Menschenart gekreuzt haben. „Dies ist die früheste bekannte Vermischung zwischen verschiedenen Menschenarten“, berichten Rogers und seine Kollegen. Ihren statistisch-genetischen Berechnungen zufolge muss sich die superarchaische Menschenart schon vor knapp zwei Millionen Jahren vom Stammbaum der restlichen Menschenarten abgetrennt haben. Um welche Art innerhalb der Gattung Homo es sich dabei handelte, ob beispielsweise der Homo erectus dafür in Frage kommt, spezifizieren die Forscher nicht. Sie ermittelten jedoch, dass diese Population damals zwischen 20.000 und 50.000 Individuen umfasst haben muss.

Kreuzungen, Migration und Artentrennungen

Sollte sich diese frühe Kreuzung zwischen superarchaischen Menschen und den gemeinsamen Vorfahren der Neandertaler und Denisova-Menschen bestätigen, wäre dies auch in anderer Hinsicht eine Besonderheit: Die Partner gehörten zu Stammeslinien, die schon 1,2 Millionen Jahre lang voneinander getrennt waren – das ist weit länger als bei jeder andern bekannten Kreuzung verschiedener Menschenarten der Fall. „Das verrät uns auch einiges darüber, wie lange es dauert, bis sich eine reproduktive Barriere zwischen Arten entwickelt“, sagt Rogers. Insgesamt fanden er und sein Team Hinweise auf fünf Episoden der zwischenartlichen Kreuzungen unter den untersuchten Vertretern der Gattung Homo. Zwei davon ereigneten sich zwischen Homo sapiens und Neandertaler, eine zwischen Neandertalern und Denisova-Menschen, eine zwischen Denisova und einer archaischen Menschenart und die letzte, früheste zwischen dem superarchaischen Vertreter der Gattung Homo und den gemeinsamen Vorfahren von Neandertalern und Denisova-Menschen.

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Die genetischen Analysen könnten aber auch ein neues Licht auf die Besiedlungsgeschichte Eurasiens werfen. Denn nach den Berechnungen von Rogers und seinem Team müssten Vertreter der Gattung Homo in drei Schüben von Afrika nach Asien gezogen sein. „Als erstes erfolgte eine Expansion des frühen Homo vor rund 1,9 Millionen Jahren, dann die der Neandersovaner vor rund 700.000 Jahren und schließlich die Auswanderung des modernen Menschen vor rund 50.000 Jahren „, so die Forscher. Ihrer Interpretation nach besiedelten dabei die Neandersovaner vor rund 700.000 Jahren Eurasien, begegneten dann dort den Ureinwohnern in Form der superarchaischen Menschen und teilten sich wenig später in die Neandertaler und Denisova-Menschen auf. Diese Aufspaltung könnte den neuen Gendaten zufolge schon deutlich früher geschehen sein als bislang angenommen: „Unseren Schätzungen nach waren die Neandertaler schon vor 600.000 Jahren eine eigene Stammeslinie, getrennt nicht nur vom Homo sapiens, sondern auch von den Denisova-Menschen“, berichten Rogers und seine Kollegen.

Quelle: Alan Rogers (University of Utah, Salt Lake City) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aay5483

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