"Habsburger Lippe" basierte auf Inzucht - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

„Habsburger Lippe“ basierte auf Inzucht

Habsburger Herrscher
Maximilian I. (links) und der letzte Habsburger Herrscher, Karl II. von Spanien. (Nastasic/iStock; Don Juan Carreno de Miranda)

Die Habsburger waren fast 500 Jahre lang eine der mächtigsten Herrscherdynastien Europas. Porträts zeigen, dass viele Angehörige des Habsburger-Clans ein auffallendes, wahrscheinlich erbliches Gesichtsmerkmal teilten: Ihre Unterlippe und ihr Unterkiefer standen auffallend vor. Unklar war jedoch bisher, ob diese „Habsburger Lippe“ durch ein dominantes Gen oder vielleicht doch durch eine zu starke Inzucht in dieser Familie verursacht wurde. Das haben nun Forscher erstmals näher untersucht und kommen zu dem Schluss: Es spricht einiges dafür, dass sich dieses typische Gesichtsmerkmal durch Inzucht so lange und ausgeprägt in dieser Familie halten konnte.

Das Haus Habsburg stellte eine ganze Reihe von Kaisern, zahlreiche Könige von Spanien, Portugal und Österreich und herrschte ab dem 15. Jahrhundert über halb Europa. Ein markantes Merkmal vieler Angehöriger dieser Familie war ein auffallend vorstehender Unterkiefer. „Die Mitglieder dieser Dynastie zeigten jedoch noch andere charakteristische Zeichen einer Gesichtsfehlbildung, darunter eine ausgestülpte Unterlippe, auch bekannt als ‚Habsburger Lippe‘, sowie eine Nase mit Höcker und herabhängender Spitze, auch bekannt als ‚Habsburger Nase'“, erklären Roman Vilas von der Universität von Santiago de Compostela und seine Kollegen. Auf Portraits unter anderem des Kaisers Maximilian I., der spanischen Könige Philip IV. und Karl I., aber auch der Habsburgerin Margarete von Österreich sind diese Merkmale deutlich zu erkennen.

Inzucht oder ein dominantes Gen?

Die große Frage ist jedoch, warum sich diese Gesichtszüge so lange und ausgeprägt in dieser Familie halten konnten. Zwar vermutete man schon früh, dass die damals weit verbreitet Heirat unter Verwandten ein Grund für die Weitergabe dieses Merkmal sein könnte. Eindeutig belegen ließ sich dies jedoch nicht, wie Vilas und seine Kollegen erklären. Denn eine solche Inzucht fördert vor allem dann das wiederkehrende Auftreten bestimmter Merkmale, wenn die zugrundeliegenden Gene rezessiv sind. Das bedeutet, dass sich das Merkmal nur dann ausprägt, wenn ein Kind von beiden Elternteilen die auslösende Genvariante erbt. Sind beide Elternteile miteinander verwandt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass beide diese Genvariante tragen und sie an ihre Nachkommen weitergeben. Anders ist dies jedoch, wenn das auslösende Gen dominant ist. Dann reicht es schon, wenn der Nachwuchs diese Genvariante nur von einem Elternteil erhält. In diesem Fall kann ein Merkmal in Familien gehäuft auftreten, ohne dass Inzucht im Spiel sein muss.

„Obwohl der vorstehende Unterkiefer eines der am besten bekannten Beispiele für ein vererbtes Gesichtsmerkmal beim Menschen ist, bleibt seine genetische Basis weitgehend unklar“, erklären die Forscher. Ob die Habsburger Lippe auf rezessive oder dominante Gene zurückgeht, ist daher umstritten. An diesem Punkt setzt nun die Studie von Vilas und seinem Team an. Sie haben mithilfe von 66 Porträts von 15 Männer und Frauen aus dem Habsburger-Clan zunächst ermittelt, bei wem die typischen Gesichtszüge am stärksten ausgeprägt waren. Die Einstufung überließen sie dabei zehn erfahrenen Gesichtschirurgen, die die Merkmale nach 18 Kriterien begutachteten. Anschließend untersuchten die Forscher anhand der Familienstammbäume, ob der Verwandtschaftsgrad und die Abstammung auf einen dominanten Erbgang oder aber einen durch Inzucht geförderten rezessiven Erbgang schließen lassen.

Klarer Zusammenhang mit Inzucht

Die Auswertung der Portraits ergab, dass die Habsburger Lippe mit dem vorstehenden Unterkiefer und dem schwachen Oberkiefer am stärksten bei Maximilian I., seiner Tochter Margarete von Österreich, seinem Neffen Karl I., seinem Urenkel Philip I. und dem letzten spanischen Habsburg-König Karl II. ausgeprägt waren. Aber auch andere Habsburger zeigten die typische Gesichtsform, wenn auch weniger stark, wie die Forscher berichten. Mithilfe eines mathematischen Modells setzen sie diese Einstufungen in Beziehung zu einem Inzuchtkoeffizienten, den sie auf Basis des Stammbaums von mehr als 6000 Habsburgern aus 20 Generationen ermittelten. Das Ergebnis: Es zeigte sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen den habsburgischen Gesichtszügen und dem Grad der Inzucht ihrer Träger. „Wir haben damit zum ersten Mal belegt, dass es eine klare positive Verknüpfung zwischen der Inzucht und der Habsburger Lippe gibt“, sagt Vilas.

Anzeige

Nach Ansicht der Forscher könnte dies dafür sprechen, dass die für die „Habsburger Lippe“ typischen Gesichtsmerkmale nicht auf dominante, sondern auf rezessive Gene zurückgehen. Durch die Inzucht der Habsburger kam es dann überproportional häufig dazu, dass Nachkommen diese Gene von beiden Elternteilen erbten und damit auch die Habsburger Lippe. Noch allerdings reichen die Daten nicht aus, um die genetische Basis dieses Inzuchteffekts eindeutig zu klären, betonen Vilas und sein Team. Hier seien weitere Studien nötig.

Quelle: Roman Vilas (Universität von Santiago de Compostela) et al., Annals of Human Biology, doi: 10.1080/03014460.2019.1687752

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

land|schafts|pfle|ge|risch  〈Adj.〉 die Landschaftspflege betreffend, zu ihr gehörig ● ~ tätig sein

♦ Ma|gne|si|um|sul|fat  〈n. 11; unz.; Chem.〉 in zahlreichen Mineralquellen enthaltenes, gutverträgliches Abführmittel; Sy Bittersalz ... mehr

Wurm|fort|satz  〈m. 1u; Anat.〉 wurmartiger Fortsatz des Blinddarms; Sy Appendix ( ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige