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Geschichte+Archäologie

Knechte und Mägde gab es schon in der Bronzezeit

Bronzezeit-Szene
Soziale Ugleichheit mit armen Bediensteten (links) und Wohlhabenden. (Bild: bunterhund)

Die Bronzezeit war eine turbulente Zeit für Europa – und eine Zeit wachsender sozialer Ungleichheit, wie nun eine Studie aus dem bayrischen Lechtal bestätigt. Denn dort lebten schon vor mehr als 4000 Jahren wohlhabende Bauern mit ärmeren Bediensteten oder vielleicht sogar einer Art von Sklaven unter einem Dach. Das belegen die Grabbeigaben und das Erbgut von Toten aus den Gräbern solcher Hofgemeinschaften. Die Studie enthüllt auch, dass die Höfe damals von den Vätern an ihre Söhne weitergegeben wurden, während die Töchter in weit entfernte Gegenden verheiratet wurden. Die Studie bietet damit erstmals einen Einblick in die Sozialstruktur der bronzezeitlichen Haushalte.

Die Bronzezeit war eine turbulente Zeit für Europa. Denn vor 4750 Jahren begannen die Menschen mit dem Bronzeguss ganz neue Techniken zu entwickeln, gleichzeitig änderten sich auch ihre Kultur und Gesellschaftsformen. Unter anderem durch den Einstrom von halbnomadischen Steppenvölkern aus der eurasischen Steppe entwickelten die bronzezeitlichen Europäer nun eine neue Sicht auf Familie, Eigentum und Status, wie archäologische Funde enthüllen. Statt einheitlicher Dorfgemeinschaften bildeten sich Familiengehöfte, Landbesitz wurde wichtiger und auch der Austausch von Waren und Menschen zwischen entfernteren Gegenden intensivierte sich. Offen blieb aber bisher, wie sich die Sozialstruktur in den Bronzezeitdörfern und vor allem innerhalb der Hofgemeinschaften entwickelte.

Reiche und Arme in einem Familiengrab

„Man geht davon aus, dass sich in der frühen Bronzezeit die sozialen Hierarchien verstärkten“, erklären Alissa Mittnik vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre Kollegen. Doch wie sich dies konkret manifestierte, blieb unklar. Jetzt liefert die interdisziplinäre Studie von Mittnik und ihren Kollegen hierzu neue Einblicke. Dafür hatten die Forscher die Gräber und Grabbeigaben, sowie das Erbgut und die Isotopenwerte der Zähne von 104 Menschen untersucht, die in der Zeit von 4750 bis 3300 Jahren im Lechtal in bei Augsburg begraben wurden. Anhand der Grabbeigaben konnten sie ermitteln, welche soziale Stellung die Toten zu Lebzeiten besaßen. Die Zahn-Analysen erlaubten Rückschlüsse auf die geografische Herkunft und die DNA der Toten verriet ihre Verwandtschaftsverhältnisse.

Die Auswertungen ergaben gleich mehrere Auffälligkeiten. Zum einen gab es klare Unterschiede im Status der Bestatteten: Einige Männer und Frauen wurden mit reichen Grabbeigaben beigesetzt – unter anderem Bronzedolchen und -äxten, kunstvollem Kopfschmuck und Bronzeringen. In den gleichen Gräbergruppen gab es jedoch auch Tote mit keinen oder nur wenigen einfachen Grabbeigaben, was auf einen eher niedrigen sozialen Status hindeutete – diese Menschen waren offenbar arm. In welchem Verhältnis diese verschiedenen Toten zueinander standen, enthüllten die Erbgutanalysen. Demnach waren die Männer mit hohem Status, die innerhalb eines Gehöfts begraben wurden, meist miteinander verwandt. Teilweise konnten Mittnik und ihr Team Väter, Söhne und Brüder über vier bis fünf Generationen hinweg einer Familie zuordnen. Nach Angaben der Forscher deutet dies darauf hin, dass Landbesitz und Höfe – und damit verbunden auch der Wohlstand und soziale Status – damals von den Vätern an ihre Söhne weitergegeben wurden.

Frauen aus der Fremde und Diener aus dem Dorf

Anders war dies jedoch bei den Toten, die ohne Grabbeigaben bestattet worden waren: Obwohl sie im gleichen Familiengrab lagen, waren sie in keinem Fall näher mit den reichlicher ausgestatteten Toten verwandt, wie die Wissenschaftler berichten. Ihrer Ansicht nach muss es sich dabei um Männer und Frauen gehandelt haben, die im gleichen Haushalt lebten, aber einen deutlich niedrigeren sozialen Status besaßen als die Kernfamilie – sie waren offenbar Bedienstete. „Wir können leider nicht sagen, ob es sich bei diesen Individuen um Knechte und Mägde oder vielleicht sogar um eine Art von Sklaven gehandelt hat“, sagt Mittnik. Die Zusammensetzung dieser bronzezeitlichen Hofgemeinschaften erinnere aber stark an die Haushalte im antiken Griechenland und Rom. Denn auch diese bestanden sowohl aus miteinander verwandten Familienmitgliedern als auch aus nicht verwandten Sklaven, die gemeinsam mit der Kernfamilie im Haushalt lebten. „Das Lechtal zeigt damit, wie tief in die Vergangenheit die Geschichte sozialer Ungleichheit innerhalb einzelner Haushalte tatsächlich zurückreicht“, so Mittnik.

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Es gab jedoch noch eine weitere Auffälligkeit bei den bronzezeitlichen Toten. Denn während die wohlhabenden Männer allesamt lokalen Ursprungs und über Generationen in ihren Familien verwurzelt waren, galt dies für die meisten Frauen mit hohem Status nicht. Den Analysen zufolge waren die Mütter und Frauen dieser Männer größtenteils fremder Herkunft und stammten meist aus Gebieten, die mindestens 350 Kilometer weit vom Lechtal entfernt lagen. Zudem gab es kaum Fälle, in denen Töchter gemeinsam mit ihren Müttern und Vätern begraben worden waren – dies kam fast nur bei im Kindesalter gestorbenen Mädchen vor, wie die Forscher berichten. Ihrer Ansicht nach bestätigt dies, dass junge Frauen hohen Standes in der mitteleuropäischen Bronzezeit häufig ihre Heimat verließen und in andere Gegenden verheiratet wurden.

Diese Ergebnisse ergänzen und bestätigen damit archäologische Fälle wie das „Mädchen von Egtved“ – eine junge, vor rund 3400 Jahren in Dänemark begrabene Frau, die ursprünglich aus dem Schwarzwald stammte. Damals trugen offenbar Heiraten und institutionalisierte Formen von Mobilität dazu bei, überregionale Netzwerke zu pflegen, wie Mittnik und ihre Kollegen erklären. „Die Archäogenetik gibt uns hier einen völlig neuen Blick in die Vergangenheit. Wir hätten es bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten, dass wir einmal Heiratsregeln, soziale Struktur und Ungleichheit in der Vorgeschichte untersuchen können“, sagt Seniorautor Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Quelle: Alissa Mittnik (Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte , Jena) et al., Science, doi: 10.1126/science.aax6219

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