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Geschichte+Archäologie

Neandertaler: Fleisch bevorzugt?

Neandertalerzahn
Zahn einer erwachsenen Neandertalerin aus Les Cottés in Frankreich. (Bild: MPI f. evolutionäre Anthropologie/ A. Le Cabec)

Die Neandertaler waren uns in Vielem ähnlicher als man lange dachte. Doch in einem Punkt könnten sich diese Eiszeitmenschen von unseren Vorfahren unterschieden haben: Sie waren möglicherweise doch fast reine Fleischesser. Indizien dafür haben Forscher bei der Isotopenanalyse der Knochen und Zähne von zwei Neandertalern aus französischen Höhlen gefunden. Sie sprechen dafür, dass zumindest diese Neandertalerpopulation an der Spitze der Nahrungskette der damaligen Zeit stand – und dass sich diese Menschen fast ausschließlich vom Fleisch großer Säugetiere ernährten.

Der Speiseplan der Neandertaler sorgt schon seit längerem für Uneinigkeit und kontroverse Diskussionen unter Anthropologen. Denn bisherige Studien dazu kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Diese beruhten meist auf Analysen der Stickstoffisotope in Zähne und Knochen von Neandertalern. Diese Isotope werden mit der Nahrung aufgenommen. Weil Pflanzen, Pflanzenfresser und Fleischfresser jeweils andere Isotopenanteile aufweisen, erlaubt dies Rückschlüsse darauf, welche Ebenen der Nahrungskette im Speiseplan dieser Menschen hauptsächlich vertreten sind. „Früheren Isotopenuntersuchungen zufolge ernährten sich die Neandertaler hauptsächlich von Fleisch, was auch durch umfangreiche archäologische Funde der Überreste von Tieren bestätigt wird, die von Neandertalern mitgebracht und deponiert wurden“, erklärt Co-Autor Michael Richards von der Simon Fraser University in Kanada.

Aßen die Neandertaler auch Fisch und Gemüse?

Gängiger Hypothese nach jagten die Neandertaler vorwiegend große pflanzenfressende Säugetiere wie Hirsche, Rentiere, Pferde und Mammuts und besaßen damit einen relativ engen, auf die Eiszeitfauna spezialisierten Speiseplan. Der neu nach Europa einwandernde Homo sapiens dagegen nutzte ein breiteres Nahrungsspektrum – und konnte sich so besser an die sich verändernden Umweltbedingungen anpassen – so die Theorie. Doch Abnutzungsspuren von Neandertaler-Backenzähnen und Mikrofossilien im Zahnbelag sprechen dafür, dass zumindest einige Neandertaler auch größere Anteile von Pflanzennahrung und Nüssen aßen. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Neandertaler und auch frühe Vertreter des Homo sapiens in Europa in ihren Zähnen und Knochen höhere Werte von Stickstoffisotopen aufweisen als die Tierwelt in ihrer Umgebung. Daraus schlossen einige Forscher, dass die Neandertaler auch viel Fisch und Meeresfrüchte konsumiert haben müssen – denn diese haben typischerweise höhere Isotopenwerte als landlebende Tiere.

Jetzt haben sich Klervia Jaouen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, Richards und ihre Kollegen dieser Streitfrage mithilfe einer neuen Methode angenommen. Die sogenannte „Compound specific isotope analysis“ (CSIA) ermöglicht es, die Zusammensetzung der Kohlenstoff- und Stickstoffisotope von einzelnen, im Kollagen enthaltenen Aminosäuren zu analysieren. Das ermöglicht es unter anderem, Nahrungsquellen von Meer und Land deutlicher voneinander zu unterscheiden und auch das trophische Niveau der Nahrungsmittel enger einzugrenzen als bisher möglich. Diese Methode setzen die Forscher nun ein, um die Überreste von zwei späten Neandertalern aus Les Cottés und der Grotte du Renne in Frankreich zu untersuchen.

Vorwiegend Fleisch von großen Pflanzenfressern

Das Ergebnis: „Wir konnten nachweisen, dass die Neandertalerin von Les Cottés eine Fleischfresserin war, die sich fast ausschließlich von landlebenden Säugetieren ernährt hatte“, berichtet Jaouen. Die Sippe dieser Neandertalerin jagte und aß demnach hauptsächlich Rentiere und Pferde, was durch Tierknochen in der Höhle bestätigt wird. Aber auch fleischfressende Tiere wie Coyoten, Hyänen, Wölfen und Füchsen könnte zum Speiseplan dieser Gruppe gehört haben, wie Knochen dieser Tierarten mit Schnittspuren belegen. Hinweise auf Fisch fanden sich dagegen weder in den Isotopenwerten noch in den Funden aus der Höhle. „Wir konnten auch bestätigen, dass es sich bei dem Neandertaler aus der Grotte du Renne um einen noch nicht abgestillten Säugling handelt, dessen Mutter ebenfalls eine Fleischfresserin war“, ergänzt Jaouen.

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Damit stützen diese Ergebnisse das „klassische“ Bild des Neandertalers als einem Jäger der großen Eiszeittiere. „Dies bestätigt, dass Homo sapiens, als er nach Europa kam und auf den Neandertaler traf, in direkter Konkurrenz zu diesem um die großen Säugetiere als Nahrungsquelle stand“, sagt Co-Autor Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Selbst wenn der Neandertaler damals seinen Speiseplan mit ein wenig pflanzlicher Nahrung angereichert hat, blieb seine Hauptnahrungsquelle doch das Fleisch von Rentier, Mamut und Co. Interessant daran ist jedoch, dass diese Gewohnheiten offenbar selbst kurz vor dem Aussterben des Neandertalers relativ unverändert blieben. Denn selbst als der Klimawechsel und möglicherweise auch die Konkurrenz durch den modernen Menschen diese Nahrung knapper werden ließ, stellten sich die Bewohner von Les Cottés und der Grotte du Renne offenbar nicht um.

Quelle: Klervia Jaouen (vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1814087116

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