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Anthropologie

Neandertaler-Kunst entdeckt

Scan des gravierten Knochens: Rot markiert sind die sechs Kerben, die das Winkelmuster erzeugen, begleitende Kerben sind blau hervorgehoben. (Bild: A. Tröller-Reimer/D. Leder, © NLD)

Mit einem Linienmuster verziert – vor rund 51.000 Jahren: Der gravierte Knochen eines Riesenhirsches belegt, dass auch schon unsere archaischen Cousins zu symbolischen Ausdrucksformen fähig waren. Der Fund stammt vom Eingangsbereich der Einhornhöhle in Niedersachsen und wurde auf Grundlage seiner Datierung den Neandertalern zugeordnet. Die komplexe Bearbeitungsweise sowie die vermutlich gezielte Verwendung eines Knochens des eindrucksvollen Riesenhirsches weisen auf die symbolische Bedeutung des Artefakts hin, sagen die Forscher. Ein direkter Zusammenhang mit dem modernen Menschen scheint zwar unwahrscheinlich, ein kultureller Einfluss lässt sich aber offenbar dennoch nicht ausschließen.

Seit der Entdeckung der ersten Neandertaler-Fossilien fragen sich Wissenschaftler, inwieweit sich der Homo sapiens von seinen archaischen Cousins unterschied, die noch bis vor etwa 40.000 Jahren in Europa lebten. In Forschungsergebnissen der letzten Jahre hat sich immer deutlicher abgezeichnet, dass die Neandertaler dem modernen Menschen durchaus ähnlicher waren als lange vermutet. Es ist beispielsweise belegt, dass sie geschickte Werkzeugmacher waren und auch Hinweise auf symbolisch-künstlerische Denk- und Verhaltensweisen gab es bereits: Aus Funden geht hervor, dass sie sich mit Gegenständen schmückten, ihre Toten bestatteten und vermutlich sogar abstrakte Motive auf Höhlenwänden hinterließen. Die aktuelle Entdeckung dokumentiert nun, dass die Neandertaler offenbar auch durch Gravuren Objekten einen symbolischen Charakter verliehen.

Ein kleiner Knochen mit großer Bedeutung

Der Fund stammt aus dem eingestürzten Eingangsbereich der sogenannten Einhornhöhle im Harz. Bei Ausgrabungen einer Kulturschicht aus der Zeit der Neandertaler stießen die Forscher um Dirk Leder vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege auf verschiedene Jagdreste. Darunter befand sich auch der zunächst unscheinbar wirkende Zehenknochen, der sich anschließend als Sensation herausgestellte: Die Wissenschaftler entdeckten an ihm sechs bis zu drei Zentimeter lange Kerben, die ein geometrisches Muster bilden. „Wir erkannten sofort, dass es sich nicht um Spuren der Entfernung von Fleisch, sondern eindeutig um eine Verzierung handeln musste“, berichtet Leder.

Anschließende Datierungen mit der Radiokarbonmethode bestätigten dann, dass der Fund aus der Ära der Neandertaler stammt: Das Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der Universität Kiel attestierte dem Knochen ein Alter von über 51.000 Jahren. Man geht davon aus, dass der moderne Mensch erst vor etwa 45.000 Jahren die Region erreichte. Somit geht aus der Datierung hervor, dass Neandertaler das Artefakt angefertigt haben. Um Licht auf die Herstellungstechnik zu werfen, betrieben die Wissenschaftler experimentelle Archäologie: Sie testeten verschiedene Vorbehandlungen von vergleichbaren Knochen sowie Bearbeitungsweisen. Durch Vergleich der Resultate mit dem Fundstück kamen sie zu dem Ergebnis: Der Knochen wurde vermutlich gezielt vor der Gravur gekocht, um das Material für die Bearbeitung mit einem scharfen Gegenstand zu erweichen.

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Symbolcharakter zeichnet sich ab

Wie die Forscher weiter berichten, handelte es sich auch nicht um den Knochen eines gewöhnlichen Beutetiers der Neandertaler: Die Forscher konnten den Zehenknochen einem Riesenhirsch (Megaloceros giganteus) zuordnen. Diese majestätischen Giganten mit ihren bis zu 3,60 Meter breiten Geweihen, kamen im Bereich nördlich der Alpen eher selten vor. „Es dürfte kein Zufall sein, dass der Knochen eines so eindrucksvollen Tieres für die Schnitzerei ausgewählt wurde“, sagt Co-Autorin Antje Schwalb von der Technischen Universität Braunschweig.

Dem Seniorautor Thomas Terberger von Universität Göttingen zufolge repräsentiert der Knochen von der Einhornhöhle nun einen der bedeutendsten Funde aus der Zeit des Neandertalers in Mitteleuropa: „Das hohe Alter belegt, dass der Neandertaler bereits Jahrtausende vor der Ankunft des modernen Menschen in Europa in der Lage war, Muster auf Knochen selbstständig herzustellen und wohl auch mit Symbolen zu kommunizieren“, sagt Terberger. „Dies spricht für eine eigenständige Entwicklung der kreativen Schaffenskraft des Neandertalers“, so der Wissenschaftler. Dabei spielt er darauf an, dass es bisher Vermutungen gab, dass einige kulturelle Entwicklungen bei den späten Neandertalern vom Einfluss des modernen Menschen geprägt waren.

In einem begleitenden Artikel zur Studie greift Silvia Bello vom Natural History Museum in London diesen Aspekt auf. Sie gibt zu bedenken, dass sich auch im aktuellen Fall ein Einfluss des modernen Menschen nicht ausschließen lässt: Angesichts der genetischen Hinweise auf die Vermischung der beiden Menschenformen bereits vor über 50.000 Jahren „lässt sich ein entsprechend früher Wissensaustausch zwischen modernen Menschen und Neandertalern nicht ausschließen, der die Herstellung des gravierten Artefakts aus der Einhornhöhle beeinflusst haben könnte“, kommentiert die Wissenschaftlerin. Sie ergänzt allerdings: „Die Fähigkeit zu lernen, Innovationen in die eigene Kultur zu integrieren und sich an neue Technologien und abstrakte Konzepte anzupassen, wäre ebenfalls ein Element der Verhaltenskomplexität“. Somit rückt der Fund von der Einhornhöhle in jedem Fall das Verhalten der Neandertaler dem des modernen Menschen näher, so Bello.

Quelle: Universität Göttingen, Fachartikel: Nature Ecology and Evolution, doi: 10.1038/s41559?021?01487-z

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