Sieg für das Ossi-Ampelmännchen - wissenschaft.de
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Sieg für das Ossi-Ampelmännchen

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Oben: beide Versionen des Ost-Ampelmännchens. Unten: die des westlichen Vertreters. Credit: doi:10.1371/journal.pone.0064712.g001
Jeder weiß: Form und Farbe des Männleins an Fußgänger-Ampeln teilen uns das jeweils richtige Verhalten mit: Grünes Männchen – gehen, rotes Männchen – stehen. Doch das Aussehen dieses Verkehrszeichens ist nicht in ganz Deutschland gleich: Nach der Wiedervereinigung war das ehemalige DDR-Ampelmännchen nicht tot zu kriegen – es existiert bis heute parallel zur West-Version und hat sogar Teile des Westens erobert. Eine Studie hat nun gezeigt, dass das Männlein mit Hut diesen Erfolg auch verdient hat: Probanden konnten anhand der Form des Ost-Ampelmännchens besser die jeweilige Bedeutung „gehen“ oder „stehen“ erfassen als bei der West-Version.

Er ist sogar bereits regelrecht zum Kultobjekt avanciert und ziert T-Shirts, Tassen und vieles mehr: Der Ost- Ampelmann zeichnet sich durch einen breiten Hut, große Nase und korpulenten Körperbau aus. Sein Kollege aus dem Westen kommt dagegen deutlich weniger verspielt daher: Schlank und nüchtern vermittelt er seine Botschaften.1961 erfand der Verkehrspsychologe Karl Peglau das Ost-Ampelmännchen, das daraufhin in die Ampelanlagen der DDR Einzug hielt. Nach der Wiedervereinigung sollte der westdeutsche Kollege ihn eigentlich nach und nach ersetzten. Doch in der Bevölkerung kam es daraufhin zu Protesten. Das zeigte Wirkung: Das Ost-Ampelmännchen wurde schließlich in den Richtlinien für Lichtsignalanlagen als zulässiges Sinnbild aufgenommen. Seit dem erfreut es sich wachsender Beliebtheit: In Berlin wird seit Januar 2005 auch in den Westbezirken das Ost-Ampelmännchen an Ampeln eingesetzt. Diesem Beispiel folgten verschiedene andere west- und ostdeutsche Städte.

Doch im Fokus eines Ampelsignals sollte ja eigentlich nicht die die Beliebtheit stehen, sondern seine Effektivität als Vermittler von Botschaften. 3.606 Tote und 384.100 Verletzte im Straßenverkehr im Jahr 2012 zeigen, dass es hier noch Verbesserungsbedarf gibt. Aber hat die Form des Ampelmännchens in diesem Zusammenhang denn überhaupt eine Bedeutung? Die Forscher um Claudia Peschke von der Jacobs Universität Bremen sind dieser Frage nun gezielt nachgegangen.

Ampelmänner treten gegeneinander an

Um herauszufinden, wie Studienteilnehmer auf die unterschiedlichen Ampelmännchen reagieren, nutzten die Wissenschaftler einen bekannten psychologischen Effekt – den sogenannten „Stroop-Effekt“. Er beschreibt das Phänomen, dass Versuchspersonen typischerweise langsamer auf ein Objekt reagieren, wenn dieses Aspekte besitzt, die miteinander in Konflikt stehen – beispielsweise wenn das geschriebene Wort „Rot“ eine grüne Farbe besitzt. Dementsprechend wurden den Probanden Ost- und West-Ampelmännchen in ihrer normalen, übereinstimmenden Form – grün = „gehen“, rot = „stehen“-, oder aber in einer nicht übereinstimmenden Version – rot= „gehen“, grün = „stehen“- präsentiert. Die Probanden sollten dabei entweder auf die Botschaft der Farbe oder aber der Gestalt der Symbole reagieren und mittels Knopfdruck so schnell wie möglich die jeweilige Bedeutung „gehen“ oder „stehen“ anzeigen.

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Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Versuchspersonen in der Farb-Aufgabe stärker durch die nicht übereinstimmende Gestalt der Ost-Ampelmännchen als die der West-Ampelmännchen irritieren ließen. Die Probanden waren außerdem bei den Ost-Ampelmännchen weniger abgelenkt, wenn sie auf die Gestalt der Zeichen reagieren und deren falsche Farbe ignorieren sollten. Unterm Strich reagierten die Versuchspersonen generell schneller auf das Ost- als auf das West-Ampelmännchen, zeigten die Auswertungen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Gestalt der Ost-Ampelmännchen visuell prägnanter und damit in der Funktion als Verkehrszeichen wirksamer ist als die ihrer westdeutschen Kollegen. Seitwärts ausgestreckte Arme und der dynamische Gang des Ost-Ampelmännchens vermitteln offenbar stärker die Botschaft „stehen“ beziehungsweise „gehen“ als die Silhouette des West-Ampelmännchens.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Ost-Ampelmännchen nicht nur eine Ikone der Ostalgie ist, sondern bei der Signalwahrnehmung tatsächlich einen leichten Vorsprung gegenüber dem West-Ampelmännchen hat“, resümiert Peschke. Sie würde sich deshalb freuen, noch mehr Ost-Ampelmännchen auf deutschen Straßen zu sehen. Selbst wenn das Ost-Männchen auch nur einen Fußgänger mehr vor dem Verkehrstod bewahrt als sein westlicher Kollege, wäre das doch ein großer Erfolg.

Claudia Peschke (Jacobs Universität Bremen) et al.: PLoS ONE 8(5): e64712. doi:10.1371/journal.pone.0064712 © wissenschaft.de – Martin Vieweg
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