Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Steinzeitliches Schneckenhorn erklingt nach 18.000 Jahren

Schneckenschale
Prähistorische Schale der Meeresschnecke Charonia lampas. (Bild: C. Fritz/ Muséum d'Histoire naturelle de Toulouse)

Schon in der Altsteinzeit vor rund 18.000 Jahren haben die Menschen musiziert. Forscher haben nun ein Blasinstrument aus dem Gehäuse einer Meeresschnecke untersucht, das vermutlich das älteste seiner Art ist. Entdeckt wurde das Artefakt schon vor 90 Jahren in der Höhle von Marsoulas in Frankreich. Doch erst moderne Untersuchungstechniken enthüllten, dass das Schneckenhaus von Menschen bearbeitet wurde und offenbar als Musikinstrument diente. Ein Musiker und Experte für Blasinstrumente brachte das Instrument wieder zum Klingen.

Seit Urzeiten gehört Musik zur Kultur menschlicher Gesellschaften. Anthropologen gehen davon aus, dass die Klänge von Flöten, Trommeln und Gesang insbesondere bei Festen und Ritualen eine wichtige Rolle spielten. An verschiedenen archäologischen Fundstätten zeugen zum Beispiel Flöten und Pfeifen aus Knochen davon, dass bereits die Menschen in der Altsteinzeit Instrumente gebaut haben.

Trinkhorn oder Instrument?

Ein außergewöhnliches Fundstück beschreiben nun Forscher um Carole Fritz von der Université de Toulouse in Frankreich. Dabei handelt es sich um ein Gehäuse der Meeresschnecke Charonia lampas, das bereits vor 90 Jahren in der Marsoulas-Höhle in den Ausläufern der französischen Pyrenäen entdeckt wurde. Die damaligen Entdecker des Artefakts stellten daran keine Spuren menschlicher Bearbeitung fest und hielten das über 30 Zentimeter lange Schneckenhaus für ein Trinkgefäß. Mit neuen Untersuchungsmethoden, darunter einem CT-Scan und einem dreidimensionalen Computermodell, konnten Fritz und Kollegen jedoch nachweisen, dass das Objekt sehr wohl von Menschen bearbeitet wurde und nicht etwa ein Trinkgefäß, sondern ein Musikinstrument war – womöglich das älteste seiner Art.

„Unsere Beobachtungen legen nahe, dass erhebliche Veränderungen an dem Gehäuse vorgenommen wurden, um es blasen zu können“, berichten die Forscher. So ist die Spitze des Gehäuses abgebrochen und bildet eine Öffnung von 3,5 cm Durchmesser. Da dies der härteste Teil der Schale ist, ist der Bruch aus Sicht der Forscher eindeutig nicht zufällig. Der Blick ins Innere des Objekts mit Hilfe von Computertomographie zeigte, dass auch die ersten inneren Windungen durchbohrt wurden – und so womöglich Platz für ein hineingeschobenes Mundstück boten. Darauf deuten auch bräunliche Reste eines organischen Materials hin, das womöglich als Klebstoff diente. „Wir könnten uns vorstellen, dass ein hohler Vogelknochen als Mundstück verwendet wurde“, schreiben Fritz und Kollegen.

Die Analysen ließen außerdem Reste einer Bemalung mit einem roten Pigment zu erkennen. Ähnliche Malereien finden sich auch an den Wänden der Marsoulas-Höhle. „Da die Reste der Farben sehr schwach sind, war es nicht möglich, ihre Komposition mit derjenigen der Malereien in der Höhle zu vergleichen“, schreiben die Forscher. Doch sie entdeckten noch weitere Besonderheiten: „Begleitend zu diesen farbigen Elementen sind sehr feine Gravuren unter der dünnen Schicht aus rotem Pigment auf der Innenseite der Schale sichtbar“, berichten sie. Diese Verzierungen deuten darauf hin, dass das Schneckenhorn einen Status als rituelles Objekt hatte.

Anzeige

Klänge aus der Altsteinzeit

Um die Hypothese zu bestätigen, dass das Gehäuse zur Erzeugung von Tönen verwendet wurde, zogen die Wissenschaftler einen Experten für Blasinstrumente zu Rate. Tatsächlich gelang es ihm, drei wohlklingende Töne auf dem Instrument zu erzeugen. Dazu setzte er die Öffnung an seine Lippen und blies hinein wie in eine Trompete oder Posaune. Durch seine Lippenspannung konnte er die Tonhöhe variieren, sodass die Töne C, Cis und D entstanden. Der Musiker bestätigte jedoch die Vermutung der Forscher, dass ursprünglich wahrscheinlich ein Mundstück genutzt wurde: Die scharfen Kanten der Kalkschale hätten andernfalls die Lippen des Musizierenden verletzt.

Konstruktionen aus Muscheln mit Mundstück sind bereits von jüngeren Funden bekannt. „Überall auf der Welt haben Muschelschalen als Musikinstrumente, Ruf- oder Signalgeräte und je nach Kultur als heilige oder magische Objekte gedient“, schreiben die Autoren. Die bisher ältesten Exemplare aus dem Mittelmeerraum stammen aus dem antiken Griechenland. Ältere Instrumentenfunde in Europa umfassten bislang vorwiegend knöcherne Flöten. Das nun beschriebene Meeresschneckenhorn ist nicht nur das wahrscheinlich älteste Blasinstrument seiner Art. Es zeigt außerdem, dass es offenbar einen Austausch zwischen den französischen Pyrenäen und der mehr als 200 Kilometer entfernten Atlantikküste gab, wo Charonia lampas vorkommt. „Nach unserem Wissen ist die Marsoulas-Muschel einzigartig im prähistorischen Kontext, nicht nur in Frankreich, sondern im gesamten paläolithischen Europa und vielleicht sogar weltweit“, so die Forscher.

Quelle: Carole Fritz (Université de Toulouse, Frankreich) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abe9510

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Me|ta|pha|se  〈f. 19; Biol.〉 bestimmtes Stadium der Kernteilung einer Zelle [<grch. meta ... mehr

Rei|bung  〈f. 20〉 1 das Reiben 2 〈Phys.〉 Kraft, die die Bewegung eines Körpers relativ zu einem anderen berührten Körper od. die Bewegung von Teilen eines Stoffes gegeneinander zu hindern sucht ... mehr

Ne|ben|schal|tung  〈f. 20; El.〉 = Parallelschaltung

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige