„ÜBERRASCHENDERWEISE war die probe - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

„ÜBERRASCHENDERWEISE war die probe

Die Neandertaler verschwanden, als die modernen Menschen kamen. Doch ausgerechnet diese erfolgreichen „ Neuen“ sind – was Fossilien betrifft – unsichtbar.

„ÜBERRASCHENDERWEISE war die probe mit einem Alter von etwa 700 Jahren viel jünger als erwartet, sie stammt wohl aus dem Mittelalter.“ Das schrieb ein Autorenteam um Qiaomei Fu, Alissa Mittnik und Johannes Krause im April 2013 in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Current Biology“. Der knappe Satz inmitten einer langen Fachveröffentlichung blieb weithin unbemerkt. Er hätte ein Rauschen im Blätterwald verdient gehabt. Hier erlitt ein verehrter Ahne einen gewaltigen Image-Schaden.

Die Paläogenetiker hatten ein gutes Dutzend DNA-Sequenzen aus fossilen Knochen von anatomisch modernen Menschen miteinander verglichen. Dabei war ihnen die Erbsubstanz aus einem Stück Schienbein seltsam vorgekommen: Fast 30 000 Jahre alt sollte das Fossil angeblich sein, es stammte vom Skelettfund Cro-Magnon-1 aus Südwestfrankreich. Der berühmte „Alte Mann“ gilt weithin als Urvater der heutigen Europäer. Sein zahnloser Schädel fehlt in kaum einem Bildband über die Evolution des Menschen. Indes: Die aus dem Schienbeinstück gewonnene DNA-Sequenz sah eindeutig zu jung aus. Die Forscher ließen das Fragment mithilfe der Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) datieren. Ergebnis: 1300 n.Chr. – Hochmittelalter.

EIN SKELETT MIT KLEINEN FEHLERN

Das Fossil stammte aus einer der Kisten im Archiv des Musée de l’Homme in Paris, in denen Teile von fünf weltberühmten Skeletten liegen. Es sind die Reste von vier Erwachsenen – darunter dem berühmten „Alten Mann“ – und einem Säugling. 1868 hatte der Prähistoriker Edouard Lartet sie in Les-Eyzies-de-Tayac im Departement Dordogne unter der teils eingestürzten, überhängenden Felswand von Cro-Magnon ausgegraben. Aber 150 Jahre später war offenbar nicht mehr überall, wo Cro-Magnon draufstand, auch Cro-Magnon drin.

Johannes Krause, Genetik-Professor am Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen, zuckt die Achseln: „Da muss wohl ein Fehler passiert sein, vielleicht schon im 19. Jahrhundert. Es soll früher vorgekommen sein, dass eine Sammlung aufgehübscht wurde – indem der Kurator ein paar farblich passende Knochen anderer Herkunft dazugelegt hat. Dann wurde der Fund kompletter und die Vitrine voller.“

Anzeige

Unverzüglich schickten die Pariser sieben andere Proben aus ihrer Cro-Magnon-Sammlung an eines der weltbesten Datierungslabors an der University of Oxford. Doch der renommierte Ultrafiltrations-Experte Thomas Higham und sein Team mussten passen: Keine der Proben enthielt genügend organischen Kohlenstoff, um an ihrem Beschleuniger eine AMS-Datierung vornehmen zu können. „Das lässt sich als gutes Zeichen werten“, bricht Krause eine Lanze für die französischen Kollegen: „Wenn die organische Materie in den Proben derartig stark zerfallen ist, sollten die Fossilien eigentlich sehr alt sein.“

SCHATTEN ÜBER CRO-MAGNON

Mittlerweile ist das anrüchige Schienbein aus der Cro-Magnon-Sammlung im Musée de l’Homme entfernt. Trotzdem liegt jetzt ein Schatten über dem Glanzstück des Hauses. Da der Versuch, die Fossilien direkt zu datieren, kläglich schiefgegangen ist, müssen die Paläoanthropologen sich auf eine frühere indirekte Datierung verlassen. Das Dumme daran ist: Auch die ist mit einer Schlappe verbunden.

Der Ausgräber Edouard Lartet hatte 1868 notiert, bei den Skeletten von Cro-Magnon hätten neben Feuersteinwerkzeug und bearbeiteten Rentierknochen auch durchbohrte Häuser von Meeresschnecken gelegen, einst Teile von Halsketten. Während ein Großteil der Grabbeigaben heute unauffindbar ist, sind die Gehäuse der Art Littorina littorea, der „Gemeinen Strandschnecke“ , aus der Lartet-Grabung erhalten geblieben. Dominique Henri-Gambier von der Universität Bordeaux-I hat 2002 das Alter der Kalkgehäuse nach dem C-14-Verfahren ermitteln lassen. Ergebnis: 27 680 Jahre, plus/minus 270.

„Die Skelette von Cro-Magnon waren bisher dem Aurignacien zugeschrieben und auf 30 000 Jahre datiert worden“, moniert Henri-Gambier. „Unser Ergebnis zeigt aber, dass diese Bestattung allerhöchstens 28 000 Jahre alt ist. Das spricht für eine Zuweisung ins frühe Gravettien.“ Die Schneckenschalen könnten durchaus sogar etwas jünger sein.

Welch ein Affront! Zum besseren Verständnis:

· Aurignacien und Gravettien sind europäische „ Werkzeugindustrien“, wie die Archäologen sagen – Werkzeugkulturen der Menschen aus der Jüngeren Altsteinzeit, dem „ Jungpaläolithikum“.

· Das Aurignacien ist die früheste Phase: Sie umfasste etwa den Zeitraum vor 43 000 bis 28 000 Jahren und wird dem erstmals in Europa auftretenden anatomisch modernen Menschen zugeschrieben – der neuen Menschenform, den Pionieren, die sich gegen die Neandertaler durchsetzten und diese ablösten.

· Das Gravettien mit knöchernen Nähnadeln und einer deutlich weiterentwickelten Werkzeugkultur schloss sich, etwas überlappend, daran an und dauerte bis vor 22 000 Jahren.

Das bedeutet: Mit der Neudatierung „höchstens 28 000 Jahre, eher jünger“ hat Henri-Gambier den „Alten Mann“, das weltberühmte Typusexemplar Cro-Magnon 1, aus dem Aurignacien – der Epoche der Pioniere – hinauskatapultiert und in die Ära der Arrivierten gestellt. Das ist eine herbe Nachricht für diejenigen, die seit Generationen den Begriff „Cro-Magnon-Menschen“ umgangssprachlich als Synonym für alle frühen anatomisch modernen Menschen in Europa verwenden – für die Urahnen der heutigen Europäer.

Aber es kommt noch schlimmer. Die Funde zeigen zwar: Die Menschen des Aurignacien haben beeindruckende Kunstwerke und Musikinstrumente geschaffen. Die durchbohrten Perlen und Zähne ihres Körperschmucks, ihr feines Steinwerkzeug, ihre innovative Nutzung neuer Materialien wie Knochen und Geweih – all dies rundet sich zum Gesamtbild eines kraftvollen kulturellen Aufbruchs. Nur: Die Träger dieser frühen Kultur sind verstörend unsichtbar.

aus 14 000 JAHREN KEIN EINZIGES GRAB

Die Art des Umgangs mit einem Verstorbenen kann noch nach Zehntausenden von Jahren dem Archäologen einiges über soziale Verhältnisse und Jenseitsvorstellungen sagen. Aus der Zeit vor 30 000 bis 10 000 Jahren fanden Forscher zwischen Portugal und Ukraine ungefähr hundert eindeutige Bestattungen. Mit fünf Gräbern pro Jahrtausend ist das nicht gerade viel. Aber es mutet üppig an, wenn man nach zweifelsfreien Bestattungen aus der davor liegenden Pionier-Ära Aurignacien sucht: Aus der Zeit der ersten Einwanderer zwischen 43 000 und 30 000 Jahren gibt es auf dem Gebiet der heutigen Europäischen Union exakt null Gräber. Kein einziges.

Auch wenn man vom Kriterium „Bestattung“ abrückt, ist die Fundliste zum Verzweifeln kurz: einige Fragmente von Ober- oder Unterkiefern, ein paar Dutzend einsame Zähne. Ein paar Schädel fanden sich im heutigen Tschechien und Rumänien, aber teils ohne Fundzusammenhang zum Aurignacien, teils aus schlecht dokumentierten Altgrabungen.

Etwa 33 000 Jahre alte Skelettteile förderten Forscher am Rand Europas zutage, in Ufernähe des russischen Stroms Don, wo die osteuropäische Steppe in die westasiatische übergeht: Hier ist anscheinend ein ungefähr 20-jähriger Mann beerdigt worden. Aber die karge Grube von „Kostenki 14″ am Ostrand Europas hat keine bedeutenden Aufschlüsse gebracht.

Gewiss war die Bevölkerungsdichte gering. In ganz Europa mögen gleichzeitig nur 20 000 Menschen als Jäger und Sammler gelebt haben. Indes: Dass aus 14 mal 1000 Jahren Aurignacien reiche Inventare an Werkzeugen und Kunst überdauert haben, jedoch deren Schöpfer so konsequent unsichtbar bleiben, macht die Forscher ratlos. „Ich verstehe nicht, was die mit ihren Toten gemacht haben“, seufzt der Tübinger Archäologe Michael Bolus, „in Bäumen deponiert?“

So fern liegt dieser Gedanke gar nicht. „Bestattung“ umschließt auch in der Gegenwart mehr als nur Beerdigung oder Einäscherung. Eines der eindrucksvollsten Beispiele für einen ganz anderen Umgang mit verstorbenen Angehörigen sind die „Türme des Schweigens“ in Iran und Pakistan: Hier setzt die Religionsgemeinschaft der Parsen heute noch ihre Toten unter freiem Himmel aus, den Geiern zum Fraß. Und noch Ende des 19. Jahrhunderts war es bei Indianern Nordamerikas üblich, Verstorbene in die Äste hoher Bäume zu binden. Solche Luftbestattungen hinterlassen nach Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden tatsächlich nur ein paar Zähne – günstigstenfalls.

DUNKELHÄUTIGE PIONIERE

Trotz der miserablen Fundlage ist eines klar, auch wenn Rassisten schwer daran zu kauen haben dürften: Die Menschen des Aurignacien, die Pioniere der europäischen Kultur, waren mit größter Sicherheit dunkelhäutig. Hautfarbe ist ein – im doppelten Wortsinn – sehr oberflächliches Merkmal. Die Pigmentierung ist bloß eine Funktion der geografischen Breite, sie wird durch die Intensität der UV-Einstrahlung gesteuert. Und die Einwanderer kamen schließlich – vielleicht nach einem „Umweg“ über West- oder Mittelasien – ursprünglich aus Afrika beziehungsweise aus dem Nahen Osten.

In höheren Breiten, wo die Sonneneinstrahlung abnimmt, wird die Haut der Menschen im Lauf vieler Jahrtausende im Durchschnitt heller. Ein notwendiger Umbau: Es muss noch genügend UV-Strahlung die Haut durchdringen können, um die körpereigene Vitamin-D-Synthese anzukurbeln. In den Tropen hingegen nimmt die Pigmentierung der Haut im Lauf der Jahrtausende zu, um den Körper vor Krebs durch die starke UV-Strahlung zu schützen.

Im September 2012 hat die Genetikerin Sandra Beleza von der Universität Porto in der Fachzeitschrift „Molecular Biology and Evolution“ diesen Zusammenhang ein weiteres Mal aufgezeigt. Beleza unterstreicht: „Die Selektion in Richtung der europäischen Versionen der Gene hat erst deutlich nach den ersten Wanderungen moderner Menschen nach Europa begonnen.“ Die Portugiesin hat nachgewiesen: Drei spezielle Gene, die bei Menschen mit heller Haut gehäuft auftreten, haben sich frühestens vor 19 000 bis 11 000 Jahren unter den Europäern verbreitet. Erst danach waren unsere Ahnen Weiße. ■

Für Anthropologie-Redakteur Thorwald Ewe ist das Aurignacien eine der spannendsten Epochen der Menschheitsgeschichte.

von Thorwald Ewe

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Acker|hah|nen|fuß  〈m. 1u; unz.; Bot.〉 Angehöriger einer Gattung der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae), ein bis zu 60 cm hohes Samenunkraut auf Getreideäckern: Ranunculus arvensis

Zwit|ter|ion  〈n. 27; Chem.〉 Verbindung, die im gleichen Molekül eine Gruppe mit positiver u. eine mit negativer Ladung trägt

Kra|nich|gei|er  〈m. 3; Zool.〉 = Sekretär (6)

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige