Seitdem größere Mengen an Flüchtlingen zu uns strömen, wächst bei einigen Menschen die Angst: Sie fürchten sich nicht nur vor dem Wandel, den die neuen Einflüsse anderer Kulturen mit sich bringen. Manche – vor allem am politisch extrem rechten Rand Angesiedelte – befürchten gar eine “Überfremdung” oder den Verlust der “genetischen Identität” der Deutschen. Wem solche Aussagen unschön bekannt vorkommen, der hat Recht: Bereits im Dritten Reich gehörte die Vorstellung einer germanischen, “arischen” Rasse zum Standardrepertoire der Nazis. Sie führten ihre Herkunft gerne auf die Germanen und Hermann den Cherusker zurück – den sie als Musterbeispiel für einen “reinen Arier” inszenierten. Ihrer Vorstellung nach lagen die Wurzeln der Deutschen in Volksstämmen, die schon seit Urzeiten in Mitteleuropa lebten und so einen einheitlichen kulturellen und genetischen Hintergrund hatten. Und auch heute noch, jenseits der Nazi-Ideologie, ist dieser Glaube einer weit in die Vergangenheit reichenden, mitteleuropäischen Abstammung durchaus verbreitet – wenn auch nicht immer bewusst artikuliert.
Schon Hermann war eine wilde Mischung
Doch all dies ist ein purer Irrglaube und Mythos, wie Ann Gibbons nun in einem Artikel im Fachmagazin “Science” noch einmal deutlich darlegt. “Die wenigsten von uns sind wirklich die direkten Nachkommen der Menschen, deren Skelette in unserer Nachbarschaft gefunden wurden”, erklärt sie. “Auch die Deutschen haben kein einzigartiges genetisches Erbe, das sie schützen müssten. Denn sie und alle anderen Europäer sind ohnehin längst ein Mischmasch – Nachfahren wiederholter urzeitlicher Einwanderungen.” Schon Hermann der Cherusker war alles andere als ein lupenreiner Mitteleuropäer. Er trug in sich das Erbe von mindestens drei großen Einwanderungswellen – und damit von Migranten aus Gebieten außerhalb Europas, die unsere Herkunft und Kultur entscheidend prägten. “Das ganze Konzept eines ethnischen Deutschen ist aberwitzig, wenn man sich die großen Zusammenhänge anschaut”, sagt auch der israelische Archäologe Aren Maeir.
Belege für unsere durch Migrationen geprägten Wurzeln haben in den letzten Jahren gleich mehrere großangelegte Genstudien geliefert. Durch Vergleiche der DNA verschiedener Populationen und auch DNA-Proben von alten Skeletten ist es Forschern gelungen, ein neues Licht auf die komplexe Geschichte der Europäer zu werfen. Die Ergebnisse enthüllen unter anderem, dass die ersten Vertreter des Homo sapiens, die vor rund 40.000 nach Europa eingewanderten, schon wenig später größtenteils wieder verdrängt wurden. Denn als sich nach der letzten Eiszeit vor rund 14.000 bis 19.000 Jahren die Gletscher langsam zurückzogen, wanderten Jäger und Sammler aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Europa ein. Sie bildeten die erste große Einwanderungswelle.





