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Geschichte+Archäologie

Wie der Mensch sesshaft wurde

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Das Bergheiligtum von Göbekli Tepe in der heutigen Türkei gehört zu den frühesten Beispielen einer Kultur des Feierns.
Noch ist es ein Rätsel, woran der Mann vor 9.000 Jahren starb. Seine Gebeine hatten deutsche Archäologen in einem Grab im Steinzeitdorf Ba’ja im Süden des heutigen Jordaniens entdeckt. Sie waren mit zerstoßenem, rotem Sandstein blutrot gefärbt worden – für die Forscher Anlass zur Spekulation: War der Mann Opfer einer Gewalttat geworden? Welches Ritual steckte hinter der roten Färbung der Knochen?

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen beschäftigt Archäologen besonders, da Alter und Ort der Bestattung in die Zeit einer der größten Umbrüche der Menschheitsgeschichte fallen: In jener Zeit wurden im Nahen Osten die ersten Menschen sesshaft und begannen, größere Siedlungen zu gründen. Verbunden war dieser Übergang von der Kultur der Jäger und Sammler in eine Gesellschaft von Bauern und Viehzüchtern auch mit gewaltigen sozialen Umwälzungen.

Wie diese Veränderungen vor sich gingen, darüber erhoffen sich die Archäologen Aufschluss aus den Ausgrabungen in Ba’ja: Drei Kollektivgräber haben sie in der steinzeitlichen Siedlung bereits freigelegt – mit Beigaben wie Schmuck und Perlen, Pfeilspitzen und Dolchen aus Feuerstein. Auch Aufschluss über die Struktur der Siedlung fanden die Wissenschaftler. Demnach standen die Häuser dicht an dicht, nicht einmal ein Fußweg fand sich zwischen den Bauten. „Das öffentliche Leben spielte sich auf den Dächern ab“, vermutet der Berliner Bauforscher Moritz Kinzel, der an den Ausgrabungen teilnimmt, in einem Bericht in der Septemberausgabe der Zeitschrift „bild der wissenschaft“. Und der Berliner Prähistoriker Hans Georg K. Gebel, der die Ausgrabungen leitet, ergänzt: „Die Architektur des Fundorts reflektiert eine rasch wachsende immense Bevölkerungsdichte. Das kann nicht ohne Konflikte abgegangen sein.“

Doch was war die Triebfeder für die Entwicklung von der Kultur der Jäger und Sammler hin zur Sesshaftigkeit in solchen Megadörfern? Eine geradezu provokante, aber publikumswirksame Antwort hat der Evolutionsbiologe und Buchautor Josef Reichholf geliefert: Die Lust zum Rausch und zum gemeinsamen Trinken habe den Menschen dazu gebracht, Getreide anzubauen, postulierte der Forscher in seinem Buch „Warum die Menschen sesshaft wurden“. Der Gedanke hinter dieser „Bier-statt-Brot“-Hypothese ist, dass im damaligen Klima auch ohne Ackerbau genug Nahrung verfügbar war, um die Menschen zu ernähren. Wem jedoch Getreide im Überfluss zur Verfügung stand, um daraus alkoholhaltige Getränke herzustellen, konnte zu hohem gesellschaftlichen Einfluss gelangen. Rauschende Feste oder rituelle Feiern mit Hunderten von Gästen brachten dem Veranstalter Ansehen.

Feste und Riten könnten in den damaligen Gesellschaften der Kitt gewesen sein, der die Menschen zusammenhielt. Wem es gelang, Güter anzuhäufen, konnte dies auf der anderen Seite durch Freigebigkeit legitimieren. Wer Besitz hatte, ließ andere daran teilhaben und festigte dadurch nur seine Macht. „Feste eignen sich hervorragend, um aufkommende Hierarchien zu kaschieren“, bringt es der Freiburger Archäologe Alexander Gramsch in „bild der wissenschaft“ auf den Punkt.

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Einen solchen an den Besitz gekoppelten Status dürfte es bis dahin nicht gegeben haben – und es gibt ihn in Kulturen von Jägern und Sammlern bis heute nicht: So berichtet der kanadische Ethnologe Richard Lee von einem Buschmann in der Kalahari im Süden Afrikas, der sich eine kleine Ziegenherde angeschafft hatte. Ein Jahr später hatte er alle Ziegen geschlachtet, um die Mitglieder seiner Gruppe mit Fleisch zu versorgen. Gegen das tief in dieser ursprünglichen Gesellschaft verankerte Prinzip des gerechten Teilens hatte der Mann nicht ankämpfen können.

Die Bedeutung des Feierns und der gemeinsamen Rituale als gesellschaftliches Element belegen zahlreiche archäologische Funde: So stießen Archäologen in Göbelkli Tepe in der Südosttürkei auf gewaltige Megalithbauten, in denen wohl Feste zu Ehren der Toten veranstaltet wurden. Auch in Nordsyrien stießen Wissenschaftler auf Anlagen, die wohl von einer großen Zahl von Menschen zum Feiern genutzt werden konnten.

Überhaupt scheinen Totenrituale bei solchen Feiern eine große Bedeutung gehabt zu haben: So tauchen in den steinzeitlichen Kulturen im Vorderen Orient in jener Zeit Totenschädel auf, die mit Gips und Ton übermodelliert und kunstvoll bemalt wurden. Solche Schädel fanden Archäologen nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus sogar in Wohnhäusern, wo sie wohl ausgestellt waren, ehe sie dann in gemeinsamen Festen bestattet wurden. Ähnliche Rituale sind heute noch aus Madagaskar bekannt, wo Tote alle paar Jahre aus ihrer Gruft geholt werden und in einem rauschenden Fest von den Angehörigen in frische Tücher gehüllt und herumgetragen werden.

Trotz der Errungenschaften der Moderne: Der Übergang von den Kulturen der Jäger und Sammler zu den Gemeinschaften aus Hunderten oder gar Tausenden von Menschen funktionierte nicht immer reibungslos. Viele dieser Gemeinschaften implodierten um 6900 vor Christus, die Orte wurden verlassen und verfielen, erklärt Prähistoriker Gebel. Das Leben in der Masse brachte auch gesundheitliche Probleme mit sich: In dem engen Zusammenleben konnten sich Krankheiten und Parasiten viel leichter ausbreiten, als es in den bisherigen Lebensgemeinschaften möglich war.

ddp/wissenschaft.de – Ulrich Dewald
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