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Geschichte+Archäologie

Wie die Rispenhirse nach Europa kam

Rispenhirse
Rispenhirse Panicum miliaceum (Bild: Wiebke Kirleis/ UFG Kiel)

Vor rund 3500 Jahren erlebten die frühen Kulturen Europas einen tiefgreifenden Wandel: Aus der eurasischen Steppe einwandernde Halbnomaden brachten neue Methoden der Viehzucht, neue Kulturtechniken und auch neue Gesellschaftsformen mit. Jetzt belegen Datierungen von Hirsekörnern aus archäologischen Fundstätten, dass sich mit diesem bronzezeitlichen Wandel auch die Rispenhirse als Feldfrucht in Europa etablierte.

Die Rispenhirse (Panicum miliaceum) ist heute vielen nur noch als Vogelfutter bekannt. Aber diese schnellwachsende, anspruchslose und nahrhafte Getreidepflanze gehörte bei vielen frühen Kulturen zu den Grundnahrungsmitteln. Bekannt ist, dass die Rispenhirse etwa um 6000 vor Christus zuerst in China domestiziert wurde. Weil sie sowohl in tiefen wie in hohen Lagen wächst, mit wenig Wasser auskommt und vielseitig nutzbar ist, breitete sich ihr Anbau schnell aus.

Widersprüchliche Ergebnisse

„Die Ausbreitung und Etablierung der Hirse in Zentral- und Westasien und in Europa ist eines der klarsten Beispiele für die ‚Globalisierung‘ eines Lebensmittels und den transeurasischen Austausch von Technologien und Erfindungen“, erklären Dragana Filipovic von der Universität Kiel und ihre Kollegen. Weil die Hirse von der Aussaat bis zur Ernte nur 60 bis 90 Tage braucht, konnten auch die Halbnomaden der zentralasiatischen Steppen dieses Nahrungsmittel und Viehfutter sozusagen unterwegs anbauen. Funde fossiler Hirsekörner in Kasachstan, Turkmenistan und aus dem Kaschmir-Tal zeugen davon, dass die Getreidepflanze in dieser Region schon ab 2500 v. Chr. etabliert war.

Wann aber erreichte die Rispenhirse Europa? Bislang war dies strittig. „In Europa war Rispenhirse seltsamerweise in einigen Ausgrabungen der Jungsteinzeit gefunden worden, die je nach Region zwischen 6500 und 2000 vor Christus datieren“, berichtet Filipovics Kollegin Wiebke Kirleis. Dieser frühe Zeitpunkt weckte allerdings erhebliche Zweifel an den Datierungen. Denn das würde bedeuten, dass die Hirse fast zeitgleich mit ihrem ersten Anbau in China auch schon in Europa kultiviert wurde. Typischerweise aber dauerte es mehrere Jahrtausende, bis Nutzpflanzen wie Weizen und Gerste oder auch domestizierte Tiere von der Region ihrer ersten Domestikation nach Europa gelangten.

Neudatierung belegt bronzezeitliche Ausbreitung

Auf der Suche nach einer Erklärung haben Filipovic und ihre Kollegen deshalb Hirseproben aus 75 archäologischen Fundstätten in ganz Europa noch einmal mittels Radiokarbondatierung untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Der Hirseanbau begann keineswegs schon in der Jungsteinzeit, sondern setzte erst um 1500 v. Chr. ein. Das aus Asien stammende Getreide etablierte sich demnach erst in der Bronzezeit in Europa – zu einer Zeit, in der viele weitere Neuerungen in den europäischen Kulturen auftauchten. Damals wanderten Steppennomaden wie die Jamnaja aus Zentralasien und der pontischen Steppe über das Donautal nach Mitteleuropa ein und brachten neue Kulturtechniken und Gesellschaftsformen mit.

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Die Datierung der Hirseproben spricht nun dafür, dass diese Halbnomaden damals auch die Rispenhirse mit im Gepäck hatten. Denn die Daten zeigen, wie sich der Anbau dieses Getreides sehr schnell von Osten nach Westen in Europa ausbreitet. Im 16. Jh. v. Chr. gab es Hirse zunächst nur in der südwestlichen Ukraine. 100 Jahr später findet man sie schon in der Donauregion – im Gebiet des heutigen Rumänien, Ungarn und bis nach Kroatien hinein, sowie im Norden Italiens. „In der Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. hatte sich die Hirse schon über Mitteleuropa und im Süden bis zur Ägäis ausgebreitet“, berichten Filipovic und ihr Team. Bis zum 12. Jahrhundert wurde die Hirse dann auch in Gebiet des heutigen Deutschland und Polen angebaut.

Damit breitete sich der Hirseanbau in Europa parallel zu anderen Kulturtechniken und Handelsobjekten aus. „Dies weist auf weitreichende Handels- und Kommunikationsnetzwerke zur Bronzezeit hin. Aber die Untersuchungen zeigen auch, dass die Rispenhirse schnell und weithin als vielseitige Ergänzung zur damals von Weizen und Gerste dominierten Küche anerkannt wurde“, sagt Kirleis. Die Menschen im bronzezeitlichen Europa lernten offenbar schnell die Vorzüge der schnellwachsenden Feldfrucht kennen und nutzen. Sie konnte als Zwischenfrucht zwischen den anderen Getreiden angebaut werden, aber auch als kurzfristiger Ersatz dienen, wenn beispielsweise ein Frosteinbruch die Hauptsaat vernichtet hatte.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-020-70495-z

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