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Zweifelhafte Etrusker-Gene

Genetiker meinen, die umstrittene Herkunft der Etrusker mit DNA-Tests endlich geklärt zu haben. Doch andere Forscher protestieren.

Schlafende Hunde soll man bekanntlich nicht wecken. Vor zwei Jahrzehnten hatte die Wissenschaft die Frage nach der Herkunft der Etrusker – eines antiken Volks in der heutigen Toskana – aus mangelnder Erkenntnis beiseite geschoben und sich auf die Erforschung der etruskischen Kultur konzentriert. Die Mehrheit der Archäologen einigte sich darauf, das Volk der Etrusker habe seine Wurzeln in Italien, und es habe sich dort unabhängig von den Römern entwickelt. Doch letztes Jahr legte eine Forschergruppe um Alberto Piazza vom Institut für Genetik, Biologie und Biochemie der Universität Turin eine DNA-Untersuchung vor, die laut den Wissenschaftlern den Beweis erbrachte, dass die Etrusker aus dem Vorderen Orient stammten. Ein Standpunkt, der prominente Unterstützung hat: Herodot berichtete bereits im fünften Jahrhundert vor Christus, dass die Vorfahren der Etrusker um 1000 vor Christus während einer großen Hungersnot aus Lydien – einem Gebiet an der Mittelmeerküste der Türkei – nach Italien eingewandert seien. Für fremdländische Wurzeln sprechen auch die Schriften der Etrusker, die aus dem griechischen Alphabet und einer Morphologie bestehen, die der Sprache von der Insel Lemnos ähnelt.

Statt Buchstaben hatte Piazza mit seinen Kollegen DNA-Schnipsel entziffert. Die Forscher verglichen die DNA heutiger Einwohner des etruskischen Gebiets mit denen von 55 anderen eurasischen Bevölkerungsgruppen. Die Studie ergab, dass die heutigen Einwohner der kleinen toskanischen Stadt Murlo, deren Gründung auf die Etrusker zurückgeht, genetisch stark mit der modernen Bevölkerung aus Kleinasien übereinstimmen. Da keine anderen Gen-Daten eine vergleichbare Nähe zeigten, schien klar: Die Leute aus Murlo sind mit den Türken verwandt. Bis zu diesem Punkt regte sich kein Widerstand bei den Etruskologen. Doch Piazza ging noch einen Schritt weiter: Er schloss von der genetischen Verbindung der Murlo-Toskaner und Türken auf eine Verwandtschaft der Einwohner Kleinasiens mit den Etruskern. Dieser Schluss liegt zwar nahe, da Piazza für seine Untersuchungen mit Murlo bewusst ein Dorf mit etruskischem Ursprung gewählt hatte. Doch Etrusker-Experten, allen voran Guido Barbujani vom Institut für Biologie und Evolution der Universität Ferrara, können es nicht glauben. Bereits 2004 hatte der Genetiker versucht, eine direkte Verbindung zwischen den antiken und den modernen Bewohnern des etruskischen Gebiets herzustellen – und war gescheitert. Er hatte die DNA aus Knochenresten von 80 Etruskern aus 2500 Jahre alten Gräbern mit der von heute lebenden Toskanern verglichen.

ETRUSKER IN DEUTSCHEM ERBGUT

Die in zwei unabhängigen Labors in Florenz und Barcelona gewonnenen Daten zeigten, dass die Gene von Etruskern und heutigen Toskanern kaum übereinstimmen. Und Barbujani zog den Schluss: „Eine Verwandtschaft mag es geben, aber eine direkte Abstammung ist ausgeschlossen.“ Als Barbujani und seine Kollegen die Etrusker-DNA mit weiteren modernen DNA-Sequenzen verglichen, stellten sie sogar Gemeinsamkeiten mit Deutschen und mit Einwohnern des britischen Cornwall fest. Das heißt, die genetische Information der Etrusker ist in Europa weit verbreitet – zugleich aber nur noch in winzigen Resten erhalten. Guido Barbujani erklärt: „Die genetischen Spuren der ursprünglichen Europäer sind wegen der regen Populationsbewegungen in den letzten Jahrhunderten kaum noch nachvollziehbar. Die Gen-Spur der Etrusker ist bis auf wenige Reste nahezu vollständig verschwunden.“ Er hält es deshalb für nicht mehr nachvollziehbar, ob die Etrusker und die Toskaner genetische Gemeinsamkeiten haben. Um diesen Nachweis zu führen, bräuchte man DNA-Proben aus dem neunten und achten Jahrhundert vor Christus – aus der frühen etruskischen Phase, der Villanova-Kultur. Doch zum Brauch dieser Kultur gehörte es – im Gegensatz zu dem späterer Etrusker –, die Toten zu verbrennen. Damit ging die genetische Information unwiederbringlich verloren. So reizvoll es wäre, das Rätsel der Etrusker zu lösen – dieser schlafende Hund ist wohl nicht mehr wach zu kriegen. ■

von Stefanie Wiese

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