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Gesellschaft+Psychologie

Aktives Lernen fördert Gedächtnis und Entwicklung

Lern-Experiment
Mathematik mit Tönen lernen – dabei hilft dieses interaktive Experiment.(Bild: Sahar Coston-Hardy)

Wie lernen Schüler und Studenten am besten? Angesichts der Unterbrechung des regulären Schulbetriebs durch die Covid-19-Pandemie gewinnt diese Frage an neuer Brisanz. Bildungsforscher haben nun Erkenntnisse zusammengetragen, welche Methoden junge Menschen optimal dabei unterstützen können, Kompetenzen zu erlangen – im Klassenzimmer, an der Hochschule oder im Alltagsleben. Dabei sind sie sich einig: Besonders wirkungsvoll sind Methoden des aktiven Lernens, bei denen Schüler durch Diskussionen, interaktive Technologien und eigene Experimente eingebunden werden.

Beim klassischen Unterricht in der Schule oder Universität präsentiert eine Lehrkraft den Schülern Inhalte, die diese passiv aufnehmen, während sie still im Unterrichtsraum sitzen. Die Covid-19-Pandemie hat dieses Konzept unterbrochen: Präsenzveranstaltungen waren in vielen Ländern der Welt über Monate hinweg nicht möglich; die Schüler und Studenten mussten sich Inhalte zu Hause erarbeiten – teils mit unzureichender Unterstützung. „Die Unterbrechung hat aber auch zu weitreichenden Diskussionen geführt, wie hochqualitatives Lehren und Lernen aussehen kann“, schreibt Brad Wible, ein Redakteur der Fachzeitschrift Science.

Neue Strategien zum Lehren und Lernen

Verschiedene Teams von Bildungsforschern haben nun in mehreren Science-Artikeln dargestellt, welche bekannten und neuartigen Methoden besonders gut zum Lernen geeignet sind. Dabei setzen sie alle auf Strategien, die darauf beruhen, die Lernenden einzubeziehen und zur aktiven Auseinandersetzung mit den Inhalten anzuregen. Den Autoren zufolge erleichtern es diese Strategien nicht nur dem Einzelnen, Inhalte besser zu verstehen und sich zu merken, sondern können auch soziale Ungleichheiten ausgleichen.

Ein Team um Elli Theobald von der University of Washington in Seattle hat herausgefunden, dass in Klassen, die den Schülern viele Gelegenheiten zum aktiven Lernen bieten, die Unterschiede zwischen Schülern aus sozial mehr oder weniger privilegierten Elternhäusern geringer ausfallen als in Klassen, die vorwiegend auf klassisches, passives Lernen setzen. „In Klassen, die zwei Drittel oder mehr der gesamten Unterrichtszeit mit aktivem Lernen verbrachten, verringerte sich der Unterschied zwischen den Schülern bei den Prüfungsergebnissen um 42 Prozent und bei der Bestehensquote um 76 Prozent im Vergleich zu Klassen, die kein aktives Lernen einsetzten“, so die Forscher.

Chancengleichheit und Angstfreiheit

Die verbesserte Chancengleichheit bei aktivem Lernen führen die Forscher nicht nur darauf zurück, dass diese Methode das Verständnis der Inhalte besonders gut fördert. Vielmehr gehen sie davon aus, dass auch die soziale Lernatmosphäre eine Rolle spielt. „Gerade Schüler, die Minderheiten angehören, profitieren überproportional von einer Kultur der Integration und Zugehörigkeit, in der die Lehrkräfte die Lernenden respektieren und sich für ihren Erfolg engagieren und in der die Gruppenarbeit ein Gefühl der gemeinsamen Zielsetzung und Gemeinschaft schafft“, schreiben sie.

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Auch das Thema angstfreies Lernen könnte eine Rolle spielen, betonen Katelyn Cooper und Sara Brownell von der Arizona State University in Tempe. Sowohl aktives als auch passives Lernen könnte den Forscherinnen zufolge zu Stresssituationen führen, die dem Lernerfolg im Weg stehen. Beim passiven Lernen kann beispielsweise das unangenehme Gefühl entstehen, etwas womöglich als Einziger nicht verstanden zu haben. Beim aktiven Lernen wird dies durch den Austausch mit anderen vermieden. Dafür können Situationen, in denen Gruppen ihre Ergebnisse vor dem Plenum präsentieren müssen und dafür benotet werden, Stress erzeugen und die Lernatmosphäre unangenehmer machen. Die Forscherinnen regen an, dass Lehrkräfte überdenken, wie sich solche Situationen vermeiden lassen. „Es ist wichtig, aktives Lernen so zu gestalten, dass die Angst der Schüler vor einer negativen Bewertung minimiert wird, um den Nutzen für die Schüler zu maximieren“, so Cooper und Brownell.

Aktives Lernen effektiver als gedacht

Unter optimalen Bedingungen bringt aktives Lernen laut einem Team um Louis Deslauriers von der Harvard University in Cambridge sogar mehr, als die Lernenden selbst glauben: In einem Experiment ließen die Forscher eine Gruppe von Studenten Inhalte aktiv in Kleingruppen erarbeiten, während eine andere Gruppe eine klassische Vorlesung zum gleichen Thema hörte. In der nächsten Sitzung wurden die Gruppen getauscht. Das Ergebnis: Obwohl die Studenten subjektiv den Eindruck hatten, in der Vorlesung mehr gelernt zu haben, konnten sie sich an die selbst erarbeiteten Inhalte besser erinnern.

Zu der Frage, wie genau aktives Lernen gestaltet werden kann, gibt es viele verschiedene Konzepte. Laut Daniel Schwartz von der Stanford University in Kalifornien ist es wichtig, den Lernenden viele Möglichkeiten zu körperlicher Aktivität beim Lernen zu geben. So habe sich gezeigt, dass Bewegung die Kreativität und Problemlösefähigkeit fördert. Überdies können sich Schüler laut Schwartz viele Sachverhalte besser vorstellen, wenn sie sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit ihren Händen beschreiben.

Unstrukturierte Aktivitäten fördern das Lernen

Ein Team um Yuko Munakata von der University of California in Davis betont überdies, dass neben strukturierten Tätigkeiten mit einem festen Lernziel auch unstrukturierte Lernzeit wichtig ist. „Weniger strukturierte Aktivitäten bieten Kindern die Möglichkeit, zu erforschen, neugierig zu sein, Entscheidungen zu treffen und sich Ziele zu setzen, wobei die Erwachsenen zwar Anleitung und Feedback, aber keine explizite strukturierte Anleitung geben. Eine weniger strukturierte Zeit kann auch Gelegenheiten bieten, andere zu beobachten, von ihnen zu lernen und sich mit ihnen zu beschäftigen“, schreiben die Forscherinnen.

Um ein solches freies Lernen zu ermöglichen, haben verschiedene Forschungsteams neue Konzepte entwickelt, die weit über den Klassenraum hinausgehen. So wurde beispielsweise unter wissenschaftlicher Beratung eine Bushaltestelle in West Philadelphia so umgestaltet, dass sie Kinder zum Spielen, Erforschen, Bewegen und Interagieren mit ihren Eltern anregt. Ein neues Lernsystem, das künstliche Intelligenz mit Experimenten in der realen Welt kombiniert, ermöglicht Kindern zudem, selbst zu forschen und dabei anregendes Feedback zu bekommen – ob im Klassenraum oder im Museum. „Es gibt nicht den einen Ansatz für aktives Lernen“, fasst Wible zusammen. „Stattdessen sehen wir ein reichhaltiges und sich entwickelndes Portfolio von Methoden und Ideen, die verschiedene Wege zu einem effektiveren Lernen unterstützen.“

Quelle: Science, doi: 10.1126/science.abj9957

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