von JAN SCHWENKENBECHER
Welche ist die beste Erziehungsmethode? Folgt man Blogs, Podcasts, Magazinen und Bestsellern für Eltern sowie der ein oder anderen Momfluencerin, lautet die heutige Antwort: die bindungs- bzw. bedürfnisorientierte Erziehung. Mamas, Papas und Pädagogen – alle scheinen sich einig zu sein, dass eine enge Bindung zum Nachwuchs das Kind in seiner Entwicklung zu einem eigenständigen, starken Erwachsenen bestmöglich unterstützt.
Doch entzieht man sich den ratgebenden Fängen von Blogs und Co., kommen Fragen auf. Ist das nicht vielleicht nur ein Trend? Bringt die bindungsorientierte Erziehung tatsächlich so viele Vorteile mit sich? Überflügelt sie tatsächlich die Alternativen, und welche sind das überhaupt?
Eine klare, verbreitete und allgemeingültige Definition von bindungsorientierter Erziehung sucht man vergeblich. Im Zentrum jeder Beschreibung steht jedoch, wie der Name schon sagt, die Bindung zwischen Bezugsperson und Kind. Diese Idee hat ihre Wurzeln schon Anfang des 20. Jahrhunderts. In seiner Theorie der Sexualphasen beschreibt der Psychoanalytiker Sigmund Freud die Bedürfnisse Hunger und Durst der Kinder im ersten Lebensjahr. Eltern befriedigen diese Bedürfnisse, wodurch eine Bindung zum Kind entsteht.
Der britische Kinderarzt und Psychiater John Bowlby entwickelte diese Überlegungen Mitte des 20. Jahrhunderts weiter. Er wurde dabei durch den Biologen Konrad Lorenz beeinflusst, der bei Gänse- und Entenküken beobachtete, wie sie eine starke Bindung zu einer Mutterfigur aufbauen, obwohl sie kein Futter von ihr erhalten. Während bei Freud die Basis der Bindung die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse ist, nahm Bowlby an, dass das Kind aus sich heraus ein starkes Interesse habe, Bindungen aufzubauen. Und, dass diese Bindungen zu engen Bezugspersonen (es muss nicht zwingend die Mutter sein) eine emotionale Basis darstellen, die dem Kind Sicherheit und Stabilität im Leben gibt.
Mutter-Kind-Studien
Die US-amerikanisch-kanadische Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, die als Mitarbeiterin in Bowlbys Arbeitsgruppe angefangen hatte, erweiterte und verfeinerte Bowlbys Bindungstheorie. Besonderen Einfluss auf ihre Arbeit hatte dabei ein Aufenthalt in Uganda Mitte der 1950er-Jahre, währenddessen sie 26 Mutter-Kind-Paare über einen längeren Zeitraum begleitete und beobachtete. Dabei wurden ihr die Unterschiede im Bindungsverhalten und der Bindungsbeziehung bewusst – zwischen den beobachteten Kindern, aber auch zwischen Kindern in Uganda und in den USA. So interagierten ugandische Mütter direkt nach der Geburt mit ihren Kindern, wohingegen das in den USA nicht üblich war und die Kinder sogar in der Regel erst einmal räumlich von den Müttern getrennt wurden. Außerdem trugen ugandische Mütter das Kind die meiste Zeit des Tages, wodurch Mutter und Kind sehr viel Körperkontakt hatten. Und schließlich hatten die Kinder in Uganda eine Reihe weiterer Bezugspersonen – andere Mütter und größere Kinder im Dorf –, die mitunter auch Betreuungsaufgaben übernahmen.





