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Gesellschaft|Psychologie Gesundheit|Medizin

DAS ICH BRAUCHT DICH

Was ist eigentlich das Ich? Hirnforscher, Psychologen und Neurobiologen fanden heraus: Wir brauchen andere Personen, um ein Ich zu entwickeln.

Ich sitze in der Straßenbahn und sehe meinen Nachbarn gähnen. Kurz darauf packt es mich auch. Gähnen ist bekanntlich ansteckend. Dafür sind Spiegelneuronen verantwortlich, wie Forscher um den Italiener Giacomo Rizzolatti 1991 zufällig bei Affen entdeckten. Sie hatten mithilfe von Elektroden eine Aktivierung im Hirn der Tiere festgestellt – und zwar auch dann, wenn die Tiere gar nicht selbst handelten, sondern ihr Gegenüber beobachteten. Das funktionierte sogar, wenn sich der Versuchsleiter eine Nuss zum Mund führte.

Die Spiegelneuronen stellen also einen Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung fremder Handlungen und der eigenen Handlung her und bilden damit eine „Brücke“ zwischen der eigenen Person und einer anderen. Gängige Theorien besagen: Die Spiegelneuronen machen es möglich, andere Menschen zu verstehen, ihre Emotionen im eigenen Körper zu simulieren, zu interpretieren und sich entsprechend sozial zu verhalten. „Das Spiegelsystem trägt dazu bei, dass eine andere Person nicht eine getrennte Identität in der Außenwelt für uns ist, sondern etwas, das uns ähnelt“, sagt Hirnforscher Christian Keysers vom Netherlands Institute for Neuroscience in Amsterdam. „Das bedeutet, dass mithilfe dieses Spiegelsystems die Grenze zwischen mir und den anderen verschwimmt.“

Es ist jedoch nicht so, dass man automatisch jede Handlung eines anderen nachahmt, wie beim Gähnen. Dafür sorgen die sogenannten Anti-Spiegelneuronen, wie Wissenschaftler um Marco Iacoboni vom Brain Research Institute der University of California in Los Angeles im April herausfanden. „Ein Teil der untersuchten Neuronen war bei der Ausführung einer Handlung aktiv, aber bei der Beobachtung einer Handlung gehemmt“, schreiben die Forscher im Fachmagazin „Current Biology“. Genauso müssen Nervenzellen beschaffen sein, die bei der Unterscheidung zwischen eigenen Bewegungen und fremden Handlungen helfen.

LACHEN muss nicht ANSTECKEN

Sieht eine Person eine andere lachen, verspürt sie durch die Spiegelneuronen die Tendenz mitzulachen. Die Anti-Spiegelneuronen „erkennen“ aber, dass es ein anderer Mensch ist, der lacht, und hemmen das elektrische Signal. Wir lachen deshalb nicht immer mit. „Die Anti-Spiegelneuronen sind jedoch nicht die einzige Instanz, die zwischen einem selbst und einer anderen Person unterscheidet“, betont Keysers. „Sie sind eine Komponente in einem komplexen System, das dafür sorgt, dass ich weiß: Nicht jemand anderes, sondern ich selbst habe etwas getan.“ Deshalb sind wir nicht gezwungen, alles nachzumachen, was man uns vormacht – beim Gähnen werden wir aber offenbar schwach.

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Doch wer ist eigentlich dieses Ich? Keysers versteht unter seinem Ich „den Teil, den ich über meine Sinne spüre und den ich kontrollieren kann“. Uwe Herwig, stellvertretender Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, ergänzt: „Als Ich kann der Teil meines Selbst bezeichnet werden, der dem Bewusstsein zugänglich ist. Das Ich denkt bewusst, drückt sich verbal aus und hilft mir bei einer gezielten Darstellung nach außen.“

Die Suche nach dem Ich im Gehirn gestaltet sich schwieriger. Viele Wissenschaftler versuchen herauszufinden, welche Prozesse ablaufen müssen, damit eine Versuchsperson sagt, dass sie etwas getan hat. Bekannt ist, dass die Planung einer Handlung mit einer erhöhten Stoffwechselaktivität im entsprechenden Hirnareal einhergeht. Mithilfe bildgebender Verfahren gelang es dem renommierten Hirnforscher Gerhard Roth nun, das Ich in verschiedene Zustände zu unterteilen, je nachdem was jemand gerade tut. Innerhalb dieser Ich-Zustände nimmt das Ich sich und die Umwelt wahr. Es erlebt, denkt und träumt.

„An diesen Vorgängen sind mehrere Hirnregionen beteiligt, deren Aktivität sich fortwährend ändert. Jedes Erlebnis hat neue Verknüpfungen und eine Umstrukturierung im Gehirn zur Folge“, erklärt Herwig. Doch diese Unbeständigkeit zu erfahren, wäre störend. Deshalb sorgt das Gehirn dafür, dass die ständigen Veränderungen nicht wahrgenommen werden und man eine gewisse Stabilität empfindet. Das Gehirn formt aus unzähligen Informationen, Erinnerungen und Erfahrungen einen charakteristischen Lebenslauf – eine Identität. Gerhard Roth erklärt: „Die Abfolge der Ich-Zustände verbindet sich zu einem Strom von Ich-Empfindungen. Mithilfe des autobiografischen Gedächtnisses wird aus dem Strom das Ich-Gefühl, das wir wahrnehmen.“ Das Ich hat damit lediglich eine vermeintliche Kontinuität. „Es ist dynamisch, nicht statisch“, betont der Hirnforscher.

Für die Entwicklung des Ich-Gefühls sind andere Menschen von entscheidender Bedeutung. Neugeborene erleben sich zunächst nicht als eigenständiges Ich. Das ändert sich erst im Alter zwischen 18 und 24 Monaten, wie der Psychologe Philippe Rochat von der Emory University in Atlanta 2003 anhand eines Spiegel-Tests gezeigt hat. Ein Kind erkennt sich selbst als „verkörpertes Ich“ im Spiegel, wenn es eine Markierung an seiner Stirn entfernen kann.

Das Fremde BEIn

Die körperliche Trennung zwischen dem Ich und den anderen Menschen funktioniert über eine sogenannte sensomotorische Rückkopplungsschleife. Dieses Netz aus Nervenbahnen im Körper meldet, dass Bewegungen so ausgeführt wurden, wie sie geplant waren. Fehlt diese Bestätigung, wird das bewegte Körperteil, etwa ein Bein, als „fremd“ empfunden. „Zu den anderen gehört alles, was sich bewegt, ohne dass ich es veranlasst habe“, erklärt Roth.

In einer späteren von Rochat untersuchten Phase haben Kinder dann „andere im Kopf“. Sie sind in der Lage, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, indem sie aus der Ich-Sicht in die Er-/Sie-Perspektive wechseln. Sie erkennen an der Mimik und Gestik ihres Gegenübers seine Stimmung und reagieren darauf. Außerdem äußern sie Stolz, Scham und Mitgefühl – was bedeutet: „ Sie verhalten sich, als würden sie beobachtet und bewertet. Das ist ein großer Schritt in der persönlichen und sozialen Entwicklung“, schrieb Rochat vor Kurzem in einem Essay.

vom du zum ich

Im Alter von etwa zwei Jahren beginnt das Kleinkind Begriffe wie „mir“ und „mein“ zu verwenden, was auf die wichtige Rolle der Sprache bei der Ich-Entwicklung hinweist. Roth sagt: „Die enge Interaktion mit der Mutter führt zur Differenzierung der noch ungegliederten Gefühle. Das Kind lernt, dass die Mutter Dinge sich selbst zuschreibt und das ‚Ich‘ nennt. Durch die Selbstbezeichnung über den eigenen Namen und über eine kurze ‚Du‘ -Phase geht das Kind langsam zum Ich über.“ In der Folgezeit braucht es andere, um sich eine Vorstellung von der Welt zu machen. „Warum?“ ist das wichtigste Fragewort jener Phase. Das Kind lernt, indem es andere Menschen beobachtet und Grundsätzliches auf sich selbst überträgt. Wie intensiv eine Bezugsperson dabei auf das Kind eingeht, ist entscheidend für dessen Entwicklung. „Zwischen der Geburt und dem Alter von fünf Jahren werden bis zu 40 Prozent der Persönlichkeit ausgebildet“, betont Roth.

Eine Persönlichkeit ist das, was auch andere Menschen von außen wahrnehmen. Dazu gehören Wesensmerkmale wie Geselligkeit und Harmoniebedürfnis, die eine direkte Verbindung zu anderen herstellen. Die Entwicklung der Persönlichkeit macht sich auch in der Pubertät bemerkbar. Jugendliche testen ihre Grenzen aus und legen sich mit anderen an. Zudem beginnen sie, sich über Dinge zu identifizieren, die gar nicht direkt zu ihnen gehören wie Kleidung, Computerspiele oder Musik. Das sind Mittel, der eigenen Identität Ausdruck zu verleihen. Gerhard Roth erklärt: „Das Ich kann sich nur in Relation und Abgrenzung zu anderen entwickeln – sowohl körperlich als auch psychisch.“ ■

THERESA KLÜBER studiert Wissenschaftsjournalismus an der Hochschule Darmstadt und hat bei bild der wissenschaft hospitiert.

von Theresa Klüber

DAS ROSS GIBT DIE RICHTUNG AN

Um Reizüberflutung vorzubeugen, wird im Gehirn durch einen Filter entschieden, was ins Bewusstsein gelangt. Manche Erfahrungen beeinflussen unwissentlich unsere Entscheidungen. Dazu gehören auch vorgeburtliche und frühkindliche Erlebnisse. Dieses „Unbewusste“ oder „Es“ fasste Sigmund Freud in ein Bild: Er verglich das Es mit einem Pferd und das Bewusstsein (Ich) mit dessen Reiter, der die Kraft des Pferdes zügelt. Anders ausgedrückt: Das Es liefert unbewusste Motivationen, die das Ich kanalisiert.

„Diese Vorstellung ist heute etwas anders“, sagt Stefan W. Schimmel, der an der Fachhochschule Münster zum Thema Identität lehrt. „Hirnforscher nehmen an, dass der Reiter sich lediglich die Intention des Tieres zu eigen macht. Der Reiter glaubt, dass er bestimmt, wohin das Pferd läuft. In Wirklichkeit gibt jedoch das Tier die Richtung vor.“ Dem Unbewussten wird somit im heutigen Verständnis eine größere Rolle zugesprochen als bei Freud.

DIE VIELEN TALENTE DES ICHS

Der Hirnforscher Gerhard Roth ist dem Ich im Kopf auf der Spur. Mithilfe bildgebender Verfahren zeigte er, dass das Ich an vielen verschiedenen Bewusstseinszuständen beteiligt ist, je nachdem, womit sich eine Person gerade beschäftigt:

· Wahrnehmen von Vorgängen in der Umwelt und im eigenen Körper

· Unterscheiden zwischen Realität und Vorstellung

· Erleben der eigenen Identität und Kontinuität

· Empfinden der „Meinigkeit“ des eigenen Körpers: Er gehört zu mir

· Mentale Zustände wie Denken, Vorstellen und Erinnern

· Sich als Verursacher des eigenen Denkens und Handelns wahrnehmen

· Einordnen von sich selbst in Raum und Zeit

· Bedürfniszustände, Affekte und Emotionen wie Hunger und Angst

· Nachdenken über sich selbst

· Moralische und ethische Bewertungen

KOMPAKT

· Anti-Spiegelneuronen im Gehirn sorgen dafür, dass man Handlungen von anderen nicht automatisch imitiert.

· Die Sprache spielt bei der Entwicklung des Ichs eine wichtige Rolle.

· Das Gehirn „gaukelt“ einem aufgrund von Erlebnissen und Erinnerungen ein kontinuierliches „Ich“ vor.

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Gerhard Roth Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten Klett-Cotta, Stuttgart 2009 € 24,90

Stefan W. Schimmel Identität wjs, Berlin 2009, € 24,90

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