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Gesellschaft+Psychologie

Dem absoluten Gehör auf der Spur

Musik
Bisher ist die Ursache des absoluten Gehörs strittig. (Bild: LilliKo/ iStock)

Mozart hatte es, Beethoven und auch Johann Sebastian Bach – das absolute Gehör. Diese Fähigkeit ermöglicht es manchen Menschen, die Höhe eines gehörten Tones präzise zu identifizieren. Doch woher kommt diese Fähigkeit? Eine erste Antwort haben Forscher nun bei einem Blick in Musikergehirne gefunden. Denn deren Hirnaktivität enthüllte, dass nur bei Menschen mit absolutem Gehör ein signifikant größerer Teil des primären Hörzentrums für die Frequenzwahrnehmung zuständig ist. Das könnte darauf hindeuten, dass diese Fähigkeit zumindest zum Teil angeboren ist.

Die meisten von uns verfügen über ein relatives Gehör: Wir erkennen, ob ein Ton tiefer oder höher ist als ein anderer und um wie viel. Doch beim absoluten Gehör ist dies anders: Menschen mit dieser Fähigkeit sind imstande, jeden beliebigen Ton und selbst natürliche Klänge, einer bestimmten Tonhöhe zuzuordnen. Sie verfügen damit über die Fähigkeit, die Frequenz eines Tones unabhängig von den Begleitumständen zu erkennen – beispielsweise die 440 Hertz des Kammertons a. Gleichzeitig können Menschen mit absolutem Gehör auch selbst problemlos Töne bestimmter Höhe singen. Auffallend viele Komponisten und Musiker verfügen über diese Gabe, aber sie kommt durchaus auch bei musikalisch Ungeschulten vor.

Blick ins Hörzentrum

Was aber verleiht manchen Menschen diese seltene Fähigkeit? „Das absolute Gehör ist mit einer Reihe von morphologischen Veränderungen im Gehirn verknüpft“, erklären Larissa McKetton und ihre Kollegen von der York University in Toronto. „Aber welche grundlegenden neuronalen Mechanismen dahinterstecken, war bisher nicht klar.“ Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führten die Forscher ein Experiment mit 61 Freiwilligen durch. Ein Drittel waren Musiker mit dem absolutem Gehör, 20 waren Musiker mit nur relativem Gehör und 20 weitere Probanden waren Laien ohne musikalisches Training. Alle Teilnehmer unterzogen sich einem Hirnscan mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Während die Probanden in der „Röhre“ lagen, wurde ihnen eine Reihe von auf- oder absteigenden Tonfolgen vorgespielt. Anhand der Hirnscans konnten die Forscher mitverfolgen, welche Gehirnareale auf die verschiedenen Frequenzen der Töne ansprachen.

Es zeigte sich: Bei den Musikern mit nur relativem Gehör und den musikalischen Laien fiel die Reaktion des Gehirns sehr ähnlich aus: Bei beiden Probandengruppen leuchteten jeweils ähnliche Teile des primären Hörzentrums, sowie zwei angrenzender Areale der auditorischen Großhirnrinde auf. Anders bei den Musikern mit dem absoluten Gehör: Bei ihnen reagierte ein deutlich größerer Hirnbereich auf die Tonfolgen. „Anatomisch gesehen waren sowohl die primäre Hörrinde als auch der rostrale Bereich des auditiven Cortex bei den Musikern mit absolutem Gehör signifikant größer“, berichten McKetton und ihre Kollegen.

Größere Areale für die Frequenzverarbeitung

Nähere Analysen enthüllten auch, welche Funktion die vergrößerten Areale hatten: Wie Saiten, die bei bestimmten Tönen mitschwingen, reagierten Neuronen in diesen Bereichen auf bestimmte Frequenzen. Bei den Musikern mit absolutem Gehör waren diese internen Sensoren über einen besonders breiten Frequenzbereich verteilt und eng miteinander verknüpft, wie die Forscher herausfanden. Ihrer Ansicht nach könnte dies bedeuten, dass bei Menschen mit absolutem Gehör die für die Frequenzverarbeitung zuständige Neuronen enger zusammenarbeiten. Das wiederum könnte es erleichtern, die Frequenz einzelner Töne zu bestimmen. Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass das absolute Gehör auf neuroanatomischen und funktionellen Unterschieden bei der Frequenzverarbeitung beruht.

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Was aber verrät dies über den Ursprung des absoluten Gehörs? Bisher ist strittig, ob diese Fähigkeit angeboren oder im frühen Kindesalter erworben ist. So legen einige Studien nahe, dass Kinder aus musikalisch geprägten Familien häufiger ein absolutes Gehör entwickeln. Das allerdings erklärt nicht, warum es auch Menschen gibt, die diese Fähigkeit ohne jede musikalische Vorbildung besitzen. Nach Ansicht von McKetton und ihre Kollegen könnten ihre Ergebnisse die These stärken, dass das absolute Gehör zumindest in Teilen genetisch bedingt und damit angeboren ist. Denn fast ein Viertel ihrer Musikerprobanden mit absolutem Gehör hatte erst im Erwachsenenalter mit dem musikalischen Training begonnen.

Quelle: Larissa McKetton (York University, Toronto) et al., Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.1532-18.2019

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