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Gesellschaft|Psychologie

Denken wir bei „Menschen“ eher an Männer?

Sprache
Sprache kann bestimmte Vorstellungen prägen. © cienpies/ iStock

Wer sich um eine gendergerechte Sprache bemüht, nutzt oft geschlechtsneutrale Begriffe wie „Personen“, „Menschen“ oder „Leute“. Doch wie geschlechtsneutral sind diese Begriffe wirklich? Eine Analyse von mehr als 630 Milliarden englischsprachigen Wörtern aus dem Internet hat gezeigt, dass auch die scheinbar neutralen Begriffe meist eher in einem Kontext verwendet werden, der männlich assoziiert ist. Das deutet darauf hin, dass wir auch bei Begriffen wie „People“ oder „Person“ oft eher an Männer als an Frauen denken.

Welche impliziten Konzepte stehen hinter den Wörtern, die wir verwenden? Um das herauszufinden, haben sich Analysen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz etabliert. Die künstliche Intelligenz wertet dabei aus, welche Wörter in einem ähnlichen Kontext verwendet werden und somit wahrscheinlich eine ähnliche Bedeutung haben. Beispielsweise ließe sich aus dem Satz „Joe setzt den Balak auf, um Wasser für Tee zu kochen“, schließen, dass „Balak“ die gleiche Bedeutung hat wie „Kessel“. Ebenso haben solche Analysen bereits gezeigt, dass es zum Beispiel eine hohe Übereinstimmung zwischen den Wörtern „Wissenschaftler“ und „Forscher“ gibt und eine höhere Übereinstimmung dieser Wörter mit dem Wort „klug“ als mit dem Wort „stattdessen“.

Wie gendergerecht sind neutrale Begriffe?

„Auf diese Weise wurden schon viele Formen der Voreingenommenheit untersucht, etwa die Tendenz, ‚Wissenschaft‘ eher mit Männern als mit Frauen zu assoziieren“, erklärt April Bailey von der New York University. „Dagegen gab es bisher kaum Arbeiten darüber, wie wir eine ‚Person‘ sehen.“ Mit dieser Frage hat sie sich nun gemeinsam mit ihrem Team beschäftigt. Dazu nutzten sie einen Datensatz von über 630 Milliarden englischsprachigen Wörtern, die auf fast drei Milliarden Internetseiten verwendet wurden.

In drei Teilstudien prüften Bailey und ihr Team die Übereinstimmung von neutralen Begriffen wie „People“ („Leute“, „Menschen“) mit geschlechtsspezifischen Begriffen wie „men“ („Männer“) und „women“ („Frauen“), sowie deren Übereinstimmung mit männlich oder weiblich assoziierten Adjektiven und Verben. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir, selbst wenn wir geschlechtsneutrale Begriffe verwenden, Männer gegenüber Frauen bevorzugen“, berichtet Co-Autorin Adina Williams von Facebook Artificial Intelligence Research in New York.

„Menschen“ mit männlichen Eigenschaften

So zeigte sich in der ersten Teilstudie, dass Wörter wie „People“, „Person“, „Human“ und „Somebody“ eher in einem ähnlichen Kontext verwendet werden wie eindeutig männliche Geschlechtszuordnungen wie „Man“, „Men“, „Male“ und „He“. Zu weiblichen Geschlechtszuordnungen wie „Woman“, „Women“, „Female“ und „She“ zeigte sich dagegen eine signifikant geringere Übereinstimmung. „Das galt auch, wenn wir das Wort „Man“, das auch allgemein für „Mensch“ verwendet werden kann, aus der Analyse ausschlossen“, berichtet das Autorenteam.

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Für die zweite Teilstudie fokussierten sie sich auf Adjektive, die bestimmten Geschlechtsstereotypen zugeordnet werden, etwa „empathisch“, „familienorientiert“ und „freundlich“ für Frauen und „energisch“, „rational“ und „kontrollierend“ für Männer. Dass diese Zuschreibungen tatsächlich häufig in den entsprechenden Geschlechtskontexten verwendet wurden, belegten sie mit der maschinellen Ähnlichkeitsanalyse. Nun analysierten sie die Ähnlichkeit zwischen den männlich und weiblich assoziierten Adjektiven mit geschlechtsneutralen Begriffen wie „People“ – und tatsächlich: Auch hier zeigte sich, dass „People“ eher mit männlich assoziierten Adjektiven verwendet wird als mit weiblich assoziierten.

Männer bevorzugt

Auch die dritte Teilstudie, die statt Adjektiven Verben verwendete (darunter „bewundern“, „beschweren“, „küssen“ für Frauen und „ehren“, „respektieren“, „töten“ für Männer) kam zu dem gleichen Ergebnis. „Diese Resultate zeigen, dass die Verfasserinnen und Verfasser der ausgewerteten Internettexte über Menschen und Männer ähnlicher schreiben (und in gewissem Maße vermutlich auch denken) als über Menschen und Frauen“, folgert das Forschungsteam. „Das deutet darauf hin, dass der kollektive Begriff Menschen Männer gegenüber Frauen bevorzugt.“

Aus Sicht von Baileys Kollegen Andrei Cimpian ist das aus gesellschaftlicher Sicht bedenklich. „Die Vorstellungen von ‚People‘ bilden die Grundlage vieler gesellschaftlicher Entscheidungen und politischer Maßnahmen“, sagt er. „Da Männer und Frauen jeweils etwa die Hälfte unserer Spezies ausmachen, führt die Bevorzugung von Männern in unserer kollektiven Vorstellung von einer ‚Person‘ zu einer Ungleichbehandlung von Frauen bei Entscheidungen, die auf dieser Vorstellung beruhen.“ Da sich die Kultur und das kollektive Denken gegenseitig beeinflussen, sei es wichtig, sich dieser Ungleichbehandlung bewusst zu sein und beispielsweise bei der Programmierung zukünftiger künstlicher Intelligenzen Maßnahmen zu ergreifen, um eine solche Verzerrung zu vermeiden.

Quelle: April Bailey (New York University, USA) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abm2463

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