Der Reiz der geheimen Existenz - wissenschaft.de
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Gesellschaft+Psychologie

Der Reiz der geheimen Existenz

Doppelleben sind beliebt – viele Menschen wechseln gern ab und zu in ein anderes Ich. Im Internet bieten sich ganz neue Möglichkeiten, um parallele Identitäten zu entwerfen. Psychologen werten solche Experimente positiv.

Jana und Roman leben in München, haben zwei Kinder und ein Haus, er arbeitet als Gymnasiallehrer. Eine Idylle. Als Jana einen Lippenstift in Romans Kleidung findet, verdächtigt sie ihn, fremd zu gehen. Das Vertrauen bröckelt. Doch Roman betrügt sie nicht mit einer anderen, sondern mit sich selbst. Ihr Mann ist transsexuell: Er besitzt ein weibliches Ich im männlichen Körper. Seine andere Existenz lebt Roman seit Jahren im Verborgenen aus – im Kleid, mit Perücke, geschminkt und parfümiert.

Diese Geschichte erzählt der deutsche Regisseur Michael Verhoeven in seinem Film „Enthüllung einer Ehe“. Film und Literatur lieben das Jekyll-und-Hyde-Prinzip, das längst zu einer eigenen Gattung geworden ist. Den Prototypen schuf 1886 der britische Autor Robert Louis Stevenson mit dem redlichen Dr. Jekyll, der sich immer wieder in den monströsen Mr. Hyde verwandelt, um die Schattenseiten seiner Persönlichkeit auszuleben.

Reale Doppelleben sind meist weniger spektakulär, aber genauso spannend. So mietete der ehemalige französische Staatspräsident François Mitterrand jahrelang Geliebte und uneheliche Tochter in einer Dienstwohnung der Regierung ein. Und die amerikanische Fliegerlegende Charles Lindbergh hatte, wie 2003 ans Licht kam, drei uneheliche Kinder in Deutschland, die er regelmäßig besuchte. Auch die homosexuellen, sadomasochistischen Kontakte des Schauspielers Walter Sedlmayr, die nach seinem Tod bekannt wurden, zeigen: Seien Sie nie sicher, das wahre Leben Ihrer Mitmenschen zu kennen!

Das gilt nicht nur für Prominente, sondern auch für die Kollegin am Nebentisch oder den Nachbarn, der immer so freundlich grüßt. Es gibt sie überall – die Richter mit Kontakten zur Unterwelt, katholische Priester mit eigener Kinderschar, sparsame Familienväter, die im Casino zocken, Wissenschaftler, die sich in esoterischen Zirkeln engagieren – oder ganz harmlos: Menschen, die heimlich Tangotanzen gehen, nachdem sie die Bürotür hinter sich geschlossen haben. Sie alle erliegen dem Reiz, gleichzeitig ein ganz anderes Leben zu führen.

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Wie viele Menschen führen ein Geheimdasein, was sind ihre Motive, und warum geben sie es wieder auf? Ein Blick in die psychologische Forschung ist ernüchternd. Kein spezieller Zweig widmet sich der Erforschung unseres alltäglichen Doppellebens, es gibt kaum verlässliche Daten. Selten halten sich Experten mit Stellungnahmen so zurück wie bei diesem Thema. Ein Psychologie-Professor teilte per E-Mail mit, dass, selbst wenn es fachwissenschaftliche Erkenntnisse gäbe, er sich nicht übermäßig gern dazu äußern würde, „weil man dadurch in den subtilen Ruch geraten könnte, eine Art Experte für Doppelleben zu sein“. Und das wolle er im Spätherbst des Lebens lieber vermeiden.

Zweitexistenzen sind ein blinder Fleck der Forschung. Dennoch sind Psychologen in der Praxis immer wieder damit konfrontiert, etwa mit dem versteckten Leben von Essgestörten, von Homosexuellen oder Transvestiten, die ein traditionelles Familienleben pflegen. Viele (Sexual-)Straftäter führen über Jahre ein unauffälliges Bürgerdasein.

Der Klassiker unter den Doppelleben ist die außereheliche Affäre. Mittlerweile gibt es in Deutschland fast 80 Seitensprung-Agenturen, die ihren Kunden bereitwillig zu einem Parallelleben verhelfen, berichtet Ingrid Weichelt-Ueltzhöffer. Die Pädagogin leitete an der Universität Tübingen eine Studie über Untreue und befragte dafür rund 600 Frauen und 800 Männer. Jede/r Zweite berichtete von einem Seitensprung oder sogar einer jahrelangen Affäre. „Die Motive sind meist Langeweile, Stress, Enttäuschung oder Ehemüdigkeit“, schließt die Forscherin.

Unzufriedenheit in den Bereichen Sexualität und Erotik ist die häufigste Ursache für Partnerschaftsprobleme. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie der Universität Göttingen. Unter der Leitung des Psychologen Ragnar Beer wurden mehr als 50 000 Männer und Frauen im Alter von 20 bis 69 Jahren anonym über das Internet zu ihrer Zufriedenheit in der Partnerschaft befragt. Knapp die Hälfte berichtete von gravierenden Problemen mit der Sexualität. Wer darüber nicht mit dem Partner sprechen kann oder auf Ablehnung stößt, baut sich häufig ein geheimes Leben auf, in dem er seine Bedürfnisse ausleben kann.

Zunehmend greifen Menschen dabei auf die neuen Medien zurück, denn das Internet bietet interessante Möglichkeiten für Ausflüge in Parallelwelten, in denen man zwischen verschiedenen Identitäten wechseln kann, ohne seine reale preisgeben zu müssen (siehe Beitrag in diesem Heft „Du bist der, den du spielst“). „ Das Phänomen zieht sich quer durch die Gesellschaftsschichten“, hat Ursula Lindauer beobachtet. Die Berliner Psychotherapeutin berät seit fünf Jahren Klienten, die im Internet ein virtuelles Doppelleben führen und dadurch in moralische Konflikte geraten: „ Es sind arrivierte Männer dabei, in angesehenen beruflichen Positionen, mit Ehefrau, Eigenheim und Kindern. Und diese Fälle werden häufiger.“ Schon über 200 Betroffene fragten bei Ursula Lindauer um Rat.

Das Internet ist auch deshalb ein so beliebter Tummelplatz für Doppelexistenzen, weil der Aufwand vergleichsweise gering ist. Ein Büro oder ein Hobbykeller, dessen Tür man hinter sich abschließen kann, reichen, um innerhalb kurzer Zeit in eine fremde Identität abzutauchen. „Die meisten haben irgendwann eine Diskrepanz festgestellt zwischen der realen Welt und den inneren Bedürfnissen, die unbefriedigt bleiben“, erklärt die Berliner Psychotherapeutin. Solche Bedürfnisse sind in der Regel mit Scham behaftet oder einfach unmöglich umzusetzen. „Je älter man wird, um so schwieriger ist es, aus dem ungeliebten Alltag auszubrechen. Man will Bekannte und Freunde nicht vor den Kopf stoßen, weder die Ehe noch die berufliche Existenz gefährden. In solchen Fällen ist ein Doppelleben ein wirksames Ventil, das den Status quo stabilisiert.“

Ein Doppelleben im Internet ermöglicht nicht nur das Ausleben sexueller Fantasien, sondern befriedigt auch Bedürfnisse nach Anerkennung. Lindauer beobachtet, dass sich zunehmend Arbeitslose eine solche virtuelle Zweitexistenz aufbauen. „Ihr Dasein erleben diese Klienten als beschämend negatives Image. Im anonymen Chat können sie sich als Unternehmer, Arzt oder Pilot ausgeben, ohne dass jemand dahinter kommt.“

Ein riskantes – weil nicht- virtuelles – Geheimleben führen Essgestörte, wie Werner Stangl, Professor für Pädagogik und Psychologie an der Universität Linz, beobachtet: „Heimlichkeit ist ein typisches Merkmal für die Essbrechsucht. Nach außen wirken Erscheinungsbild und Umgang der Betroffenen mit dem Essen ganz normal. Die Essanfälle finden auf dem Sofa, im Bett, am Fernseher oder beim Lesen statt.“ So können Anfälle, bei denen bis zu 10 000 Kalorien auf einmal verdrückt werden, über Jahre hinweg selbst vor Familienangehörigen verheimlicht werden. Aktuelle Daten gibt es laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nicht. Frühere Studien schwanken zwischen ein bis vier Prozent Betroffene in der Bevölkerung. Eine hohe Dunkelziffer liegt hier in der Natur der Sache.

Das gilt ebenso für Homosexuelle und Transvestiten, die neben einem traditionellen Familienleben eine geheime Undercover-Existenz führen. Nach Auskunft des Bundesverbandes der Lesben und Schwulen in Deutschland gibt es keinerlei Zahlen, ja nicht einmal halbwegs verlässliche Schätzungen darüber, wie viele Menschen hierzulande in ein solches Doppelleben abtauchen.

Die meisten Menschen mit einem zwiegespaltenen Leben erfreuen sich guter psychischer Gesundheit. Ein Doppelleben führen heiße nicht, schizophren zu sein oder gar eine gespaltene Persönlichkeit zu besitzen, betont Norbert Kathmann, Professor für Klinische Psychologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

• Die Persönlichkeitsspaltung oder multiple Persönlichkeit ist eine seltene, in Fachkreisen umstrittene Störung, bei der ein Individuum zwei oder mehr intakte Persönlichkeiten besitzt, die abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten ausüben.

• Bei einer Schizophrenie ist die Persönlichkeit nicht gespalten, sondern im Denken und in der Wahrnehmung gestört. Wahnvorstellungen, Halluzinationen und ein bizarres Verhalten sind typisch. Ein Schizophrener schwankt aber nicht zwischen zwei intakten Identitäten.

• In einem normalen Doppelleben dagegen kann der Mensch sein Verhalten frei bestimmen – und jederzeit auch wieder selbstbestimmt ändern. Es hat deshalb keine Gemeinsamkeiten mit psychischen Störungen.

„Übergänge vom Doppelleben zu Schizophrenie oder zu multipler Persönlichkeit kommen kaum vor, jedoch gibt es durchaus Übergänge zu suchtartigem Verhalten. Wenn bestimmte Seiten der eigenen Person exzessiv gelebt und gleichzeitig verheimlicht werden, kann das einer Sucht sehr nahe kommen“, weiß Kathmann.

So lange die Betroffenen keine Suchtsymptome und keinen Leidensdruck haben, sieht Ursula Lindauer keinen Grund, ihren Klienten das Geheimleben auszureden. „Es kann Trost spenden und ein Experimentierfeld für neue Erfahrungen sein. Viele Doppelexistenzen ermöglichen auch erst, dass Menschen ihre Aufgaben im Alltag erfüllen können: Man kann in einem ,bürgerlichen‘ Dasein das Haus abbezahlen und die Kinder groß ziehen, während man in der anderen Welt die Möglichkeit hat, seine unkonventionellen Fantasien auszuleben.“

Entwarnung also von Seiten der Psychologie. Viele verheimlichen im „normalen Leben“ eben gerne, was gesellschaftlich tabuisiert oder einfach peinlich ist: erotische Sehnsüchte, künstlerische Ambitionen, Fantasien von Leistung, Größe und Reichtum.

Ein Doppelleben befreit außerdem von Identitätszwängen, ist Heiner Keupp, Professor für Sozialpsychologie an der Universität München, überzeugt. „Wir alle haben verschiedene Teilidentitäten, die wir miteinander verknüpfen müssen. Wie gut das jemand schafft, hängt von seinen psychischen Ressourcen ab.“ Jeder muss die eigenen Vorstellungen von sich selbst mit den Anforderungen der Umwelt in Einklang bringen.

Und Daniel M. Wegner, Psychologie-Professor an der Harvard University, schrieb in der New York Times: „Wir alle kennen Momente in unserem Leben, in denen wir das Gefühl haben, in der Ehe, bei der Arbeit oder in der sozialen Gruppe unterzugehen. Da tut es gut, ein Geheimnis zu haben und sich seiner Identität als jemand anderes zu versichern.“

Wenn das „zweite“ Leben so hilfreich ist, bleibt die Frage, warum solche Parallelwelten wieder aufgegeben werden, und warum eigentlich nicht jeder mehrere Leben gleichzeitig lebt. Hinweise auf eine Antwort finden sich in der Tübinger Seitensprung-Studie: Viele reizt anfangs der Kitzel des Geheimnisses. Aber genau das wird auch zum Motiv, das Doppelleben wieder zu beenden: Der Druck, ständig lügen zu müssen, stellt hohe Anforderungen an die psychische Stabilität und lässt am Ende oft die Nerven blank liegen. Nicht jeder ist so stressresistent wie der amerikanische Star-Architekt Louis Kahn, der gleichzeitig drei Familien hatte, die nichts voneinander wussten.

Die meisten Männer, die in der Tübinger Umfrage Auskunft über ihr Doppelleben gaben, hatten noch einen weiteren Grund, ihre Zweitexistenz zu beenden: Sie hatten schlicht keine Zeit mehr dafür. ■

Seit den Recherchen zu diesem Artikel beobachtet die Wissenschaftsjournalistin Dr. EVA TENZER ihre Mitmenschen genauer als vorher.

Dr. Eva Tenzer

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Wolfgang Schmidbauer

AUSRUTSCHER, SEITENSPRUNG, DOPPELLEBEN

Rowohlt, Reinbek 2001, € 7,90

Rudolf Schröck

DAS DOPPELLEBEN DES CHARLES LINDBERGH

Heyne, München 2005, € 19,90

Sherry Turkle

LEBEN IM NETZ

Identität in Zeiten des Internet

Rowohlt 1999 (vergriffen)

INTERNET

Ursula Lindauer berät Menschen, die Probleme mit einem Doppelleben haben. Weitere Informationen unter:

www.screentherapy.de

Hilfestellung leistet auch Ingrid Weichelt-Ueltzhöffer, die an der Universität Tübingen eine Studie über Untreue geleitet hat:

www.ikvk.de

Das Niedersächsische Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales stellt eine Dokumentation „Schwule Jugendliche – Ergebnisse zur Lebenssituation, sozialen und sexuellen Identität“ zur Verfügung:

www.mfas.niedersachsen.de

In der Schweiz engagiert sich die Frauengruppe „hetera“ für Partnerinnen und Kinder von schwulen Männern:

www.hetera.ch

Ohne Titel

• Das Doppelleben von Prominenten ist ein Schlagzeilen trächtiges Thema für die Öffentlichkeit.

• Doch auch der vermeintliche Durchschnittsbürger führt neben seiner bürgerlichen Existenz oft ein geheimes Zweitleben.

• Der Seitensprung ist sicher die häufigste Form der Parallelwelt.

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