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Gesellschaft+Psychologie

Die Hierarchie der Sinne

Die fünf Sinne
Die fünf Sinne – gibt es unter ihnen eine feste Hierarchie? (Grafik: Sudowoodo/ iStock)

„Der Mensch ist ein Augentier“, heißt es oft. Tatsächlich gilt der Sehsinn als der für unsere bewusste Wahrnehmung wichtigste Sinn. Unter anderem deshalb fällt es uns viel leichter, Gesehenes zu beschreiben und in Worte zu fassen als beispielsweise einen Geruch. Doch wie sich nun zeigt, ist diese Hierarchie der Sinne keineswegs bei allen Menschen gleich: Es gibt Kulturen, in denen stattdessen der Geschmack eine überraschend dominante Rolle spielt, wie nun eine Studie mit Teilnehmern aus aller Welt enthüllt. Eine allen Menschen gemeinsame Abfolge in der Wichtigkeit der Sinne gibt es demnach nicht.

Ob Sehen, Hören, Fühlen, Riechen oder Schmecken – wir nehmen unsere Umwelt mit verschiedenen Sinnen wahr. „Wissenschaftler versuchen seit hunderten von Jahren zu verstehen, wie die menschlichen Sinnesorgane funktionieren – und ob andere Menschen die Welt genauso wahrnehmen wie wir“, sagt Erstautor Asifa Majid vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Schon der griechische Gelehrte Aristoteles vermutete, dass es dabei eine Gemeinsamkeit unter allen Menschen gibt: eine Hierarchie der Sinne. „Dabei gilt das Sehen als der wichtigste Sinn, gefolgt vom Hören, Tasten, Schmecken und Riechen“, so Majid. Damit verbunden ist die Annahme, dass wichtige Sinne wie das Sehen auch enger mit unserer bewussten Wahrnehmung und unserer Sprache verknüpft sind. „So zeigen Studien, dass beispielsweise Menschen mit englischer Muttersprache es leichter finden über Dinge zu sprechen, die sie sehen, wie Farben oder Formen. Sie haben aber Schwierigkeiten, zu beschreiben, was sie riechen“, erklärt Majid.

Sinnestests auf fünf Kontinenten

Doch wie universell und kulturübergreifend diese Hierarchie der Sinne tatsächlich ist, blieb bislang unklar. Majid und sein Team haben deshalb den Zusammenhang von Wahrnehmung und Sprache und die Fähigkeit, bestimmte Sinneseindrücke zu beschreiben in einer weltweiten Studie untersucht. Dafür führten sie Experimente bei Angehörigen von 20 ganz verschiedenen Kulturen und Sprachgruppen durch. Die Spanne reichte von Naturvölkern, die als Jäger und Sammler lebten, bis zu den Bewohnern moderner Großstädte in hochindustrialisierten Gesellschaften. Es wurden zudem Völker auf allen Kontinenten und aus allen Großgruppen der Menschheit besucht.

Alle Teilnehmer bekamen zunächst eine standardisierte Reihe von Sinneseindrücken – Bilder verschiedener Formen und Farben, raue oder glatte Texturen zum Abtasten, Geschmacksproben oder Tonfolgen mit verschiedener Höhe, Klang oder Tempo. Die Teilnehmer wurden dann jeweils gebeten, ihren Sinneseindruck zu beschreiben. Bei der Auswertung achteten die Wissenschaftler unter anderem darauf, ob es in der Kultur feste Begriffe beispielsweise für bestimmte Farben oder Töne gibt, oder ob die Teilnehmer ihre Eindrücke eher umschrieben und Schwierigkeiten hatten, sie in Worte zu fassen.

Stellenwert je nach Kultur unterschiedlich

Das Ergebnis der Experimente enthüllte Überraschendes. Denn entgegen der seit der Antike gehegten Annahme scheint es keine feste Hierarchie der Sinne bei uns Menschen zu geben. Stattdessen hängt es von der Kultur ab, welche Sinneseindrücke dominant und eng mit der Sprache verknüpft sind und welche nicht. „Für jeden Sinneskanal gibt es Kulturen, die diese Wahrnehmungen bestens sprachlich beschreiben können und andere, die sich schwertun, sie in Worte zu fassen“, berichten Majid und sein Team. So ist bei Englisch sprechenden Kulturen wie den US-Amerikanern oder Briten der Sehsinn dominant vertreten, gefolgt vom Gehör, Geschmack, Tastsinn und als letztem dem Geruch. Bei den Farsi sprechenden Iranern und den Bewohnern von Laos dagegen ist der Geschmack der am stärksten mit der Sprache verknüpfte Sinn. Bei zwei Sprachgruppen in Mali und Ghana wiederum spielt der Tastsinn die dominante Rolle, wie die Tests ergaben.

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Eine Gemeinsamkeit scheint es allerdings zu geben: „In fast allen Kulturen fanden die Menschen es am schwierigsten, über Geruchseindrücke zu sprechen“, sagt Majid. „Das passt zur gängigen Annahme, dass das Riechen der ’stumme Sinn‘ ist.“ Der Geruchssinn gilt als einer der fundamentalsten und ältesten Sinne, er ist zudem besonders eng mit Emotionen und emotionalen Erinnerungen verknüpft. Allerdings: Auch hier stießen die Forscher auf eine überraschende Ausnahme. Ein in Australien lebendes Naturvolk von Jägern und Sammlern konnte ihre Geruchseindrücke weit besser sprachlich ausdrücken als jeden anderen Sinneseindruck. Sie waren eindeutig eher „Nasenmenschen“ als „Augenmenschen“. „Sie übertrafen darin alle anderen 19 Kulturen unserer Studie“, so Majid.

Doch wovon hängt es ab, welcher Sinn bei einer Kultur dominant ist? Um das herauszufinden, befragten die Wissenschaftler alle Teilnehmer eingehend nach Lebensweisen und Kulturtechniken, bei denen bestimmte Sinne eine besondere Rolle spielen. Sie wollten beispielsweise wissen, welche Rolle Musik oder die Malerei in diesem Volk spielt oder ob es eine Tradition der Töpferkunst gibt. Bei der vergleichenden Auswertung entdeckten Majid und sein Team tatsächlich einige Zusammenhänge. „So war die Fähigkeit, gesehene Formen zu beschreiben in den Kulturen höher, die gemusterte Keramik erzeugten“, berichten die Forscher. Akustische Sinneseindrücke nahmen sprachlich bei den Völkern mit stark musikalisch geprägten Traditionen einen größeren Raum ein. Und Menschen mit einer Lebensweise als Jäger und Sammler orientierten sich stärker am Geruch.

Quelle: Asifa Majid (Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), doi: 10.1073/pnas.1720419115

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