von CHRISTIAN WOLF
Die meisten Menschen streben in ihrem Leben nach Glück und bevorzugen Gefühle wie Freude, Stolz oder Hoffnung. Aber mittlerweile zeigt die Forschung: Auch negative Gefühle wie Wut, Langeweile oder Traurigkeit haben ihre Berechtigung und können in bestimmten Situationen Vorteile mit sich bringen.
Für Heather Lench sind Emotionen per se weder gut noch schlecht für uns. Die Sozialpsychologin von der Texas A&M University gehört zu den Forschern, die eine sogenannte funktionalistische Theorie der Emotionen vertreten. Dieser Theorie zufolge haben alle Gefühle eine Funktion, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet hat. Emotionen funktionieren demnach wie ein Schweizer Taschenmesser: Verschiedene emotionale Werkzeuge sind in unterschiedlichen Situationen hilfreich. Das gilt auch für Emotionen, die wir gemeinhin als negativ ansehen. Die Angst ist ein gutes Beispiel. Wenn etwa eine Gefahr von einem bellenden Hund ausgeht, ergibt es Sinn, dass wir Angst bekommen und uns daraufhin zurückziehen.
Wut führt zu Beharrlichkeit
Bei anderen Emotionen wie Wut, Traurigkeit und Ärger sind die Vorzüge weniger offensichtlich. Heather Lench kam ihnen 2023 in einer Studie auf die Spur. In verschiedenen Experimenten hatte sie bei den Studienteilnehmern emotionale Reaktionen wie Wut, Traurigkeit oder Vergnügen ausgelöst oder brachte sie in einen emotional neutralen Zustand. Dann konfrontierte sie sie mit herausfordernden Zielen. In einem Experiment etwa machte sie einen Teil der Studenten wütend, indem sie ihnen Bilder zeigte, auf denen die eigene Collegefootballmannschaft beleidigt wurde. Anschließend sollten die Probanden Wörterpuzzle lösen, indem sie einen Buchstabensalat zu Wörtern kombinierten.
Die wütenden Versuchspersonen lösten mehr Wörterpuzzle als diejenigen, die in neutraler Stimmung, traurig oder vergnügt waren. Dabei schnitten sie ausschließlich bei schweren Puzzeln besser ab als die anderen Teilnehmer.
Der größere Erfolg bei den schwierigen Puzzeln hing offenbar mit der größeren Beharrlichkeit der wütenden Probanden zusammen. Damit bestätigte Lench die Ergebnisse früherer Forschung: Ärger und Wut führen zu größerer Beharrlichkeit. „Wut motiviert uns, Hindernisse und Herausforderungen bei der Erreichung unserer Ziele zu überwinden“, sagt Lench. „Die Veränderungen in unserem Körper und Geist, die mit Wut einhergehen, sind stark und lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Erreichen eines Ziels.“
Ähnlich schätzt das Thomas Götz ein. „Ärger kann uns aktivieren. Er sorgt dafür, dass wir uns mental Dingen zuwenden, aber auch im Äußeren handeln“, meint der Psychologe von der Universität Wien. Man sei beispielsweise risikobereiter. Zudem seien Wut und Ärger ein Signal an andere Menschen. „Ärger kann auch andere motivieren“, sagt Götz. In einer Studie habe der Ärger einer Lehrkraft über die schlechten Leistungen der Klasse bei einer Matheklausur dafür gesorgt, das Selbstbild der Schüler zu stärken. Denn bei dem Ärger schwinge mit: „Ich traue euch eigentlich mehr zu.“ Sinnvoll kann Wut auch in Verhandlungen sein, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Das zeigen Untersuchungen der Psychologin Tamir Maya von der Hebrew University of Jerusalem. Wütende Teilnehmer brachten den Verhandlungspartner eher dazu, ihre Forderungen zu erfüllen.





