Die Rolle der Großmütter - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie

Die Rolle der Großmütter

Welche Rolle spielten Großmütter früher für das Überleben ihrer Enkel? (Bild: Universität Turku)

Die Großmutter ist für viele Kinder eine wichtige Bezugsperson. Doch welche Rolle spielt sie aus evolutionsbiologischer Sicht? Der sogenannten Großmutter-Hypothese zufolge können sich Omas positiv auf das Überleben ihrer Enkel auswirken. Was an dieser Behauptung dran ist, haben nun gleich zwei Forscherteams untersucht. Ihre Ergebnisse zeigen: Tatsächlich scheint es zumindest in der früheren Zeit einen positiven Großmutter-Effekt gegeben zu haben. Dabei kam es jedoch entscheidend auf das Alter und den Wohnort der Oma an.

Irgendwann steht es jeder Frau bevor: Sie kommt in die Menopause. Damit endet zwar ihre Fortpflanzungsfähigkeit – ihr Leben aber noch lange nicht. Was uns völlig normal erscheint, stellt im Tierreich eine echte Seltenheit dar. Eine ähnlich lange postreproduktive Lebensphase wie beim Menschen ist unter Säugetieren sonst nur noch von Schwert- und Grindelwalen bekannt. Tatsächlich scheint dieses Phänomen aus evolutionärer Sicht nicht besonders sinnvoll zu sein. Schließlich strebt jedes Individuum danach, die eigenen Gene möglichst effizient weiterzugeben – eigene Kinder zu bekommen, ist dafür bekanntlich der beste Weg. Und ist diese Aufgabe erledigt, „lohnt“ sich – aus biologischer Sicht – das Weiterleben nur noch bedingt. Warum also leben Menschenfrauen nach ihren Wechseljahren trotzdem noch so lange weiter?

Omas im Blick

Auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Rätsel haben Evolutionsbiologen die sogenannte Großmutter-Hypothese entwickelt. Sie besagt: Ältere Frauen können mehr für die Weitergabe ihrer eigenen Gene tun, wenn sie ihre Töchter beim Großziehen der Enkel unterstützen. Die Anwesenheit einer Großmutter kann die Überlebenschancen von Kindern demnach signifikant steigern. „Diese Hypothese wurde bereits vielerorts getestet. Teils stellte sich die Annahme als plausibel heraus, teils aber auch nicht“, sagt Fanie Pelletier von der Universität Sherbrooke in Kanada.

Um die Gründe für diese widersprüchlichen Ergebnisse aufzudecken, haben sich nun gleich zwei Forscherteams erneut mit der Großmutter-Hypothese befasst – und dabei die Rolle bisher kaum beachteter Faktoren untersucht. Simon Chapman von der Universität Turku in Finnland und seine Kollegen widmeten sich der Frage, welchen Einfluss das Alter der Großmutter auf den Nutzen ihrer Anwesenheit hat. Für ihre Studie analysierten sie Daten aus finnischen Kirchenregistern aus der vorindustriellen Zeit. Wie die Wissenschaftler berichten, war die Kindersterblichkeit damals extrem hoch. Inwiefern konnte sich eine Großmutter positiv auf die Überlebenschancen zwischen den Jahren 1731 und 1890 geborener Kinder auswirken?

Auf das Alter kommt es an

Die Auswertung ergab: War eine Großmutter mütterlicherseits anwesend, wirkte sich das tatsächlich positiv auf das Überleben von Kleinkindern im Alter zwischen zwei und fünf Jahren aus. Ihre Überlebensrate stieg dadurch um rund 30 Prozent. Dies galt allerdings nur, wenn die Großmutter noch relativ jung war. Lebten Kleinkinder mit einer 75 Jahre oder älteren Oma gemeinsam unter einem Dach, verschwand dieser Effekt nicht nur. Er schlug sogar ins Gegenteil um: Insbesondere die Kleinsten hatten durch eine alte Großmutter einen erheblichen Nachteil. Die Chance, bis zum zweiten Geburtstag zu überleben, sank dadurch um 37 Prozent, wie Chapman und sein Team berichten.

Anzeige

„Wir können zwar nicht mit Sicherheit sagen, welcher Mechanismus dafür verantwortlich ist. Wir vermuten aber, dass eine Art Konkurrenz dahintersteckt: Die Eltern mussten ihre begrenzten Ressourcen womöglich aufteilen, um sich einerseits um ihre Kinder, andererseits um die vielleicht kränkliche Großmutter zu kümmern“, erläutert Chapman. „Die Fähigkeit der Großmutter, junge Enkel zu umsorgen und zu unterstützen, nimmt mit zunehmendem Alter offenbar deutlich ab“, ergänzt seine Kollegin Virpi Lummaa.

Vorteil durch Nähe

Doch nicht nur das Alter und eine damit möglicherweise einhergehende schlechte Gesundheit wirken sich auf den Großmutter-Effekt aus. Auch der Wohnort der Oma spielt eine Rolle dabei, wie Sacha Engelhardt von der Universität Bern und seine Kollegen herausgefunden haben. Für ihre Untersuchung werteten die Forscher Informationen über die ersten französischen Siedler im kanadischen Quebec aus. „In Quebec haben wir sehr detaillierte Daten aus Zivilregistern, aber auch aus Kirchenbüchern. Es war uns so möglich, anhand der Wohngemeinden die Entfernung zwischen den Großmüttern und den Familien zu ermitteln“, berichtet Co-Autorin Pelletier. Wie würde sich die geografische Distanz auf das Unterstützungspotenzial der Großmutter auswirken?

Die Daten aus dem Zeitraum von 1608 bis 1799 zeigten: Frauen, deren Mütter noch am Leben waren, hatten mehr Kinder und mehr dieser Kinder erreichten das Alter von 15 Jahren. „Interessanterweise nahm der Großmutter-Effekt jedoch mit zunehmender Entfernung zwischen Großmutter und Tochter ab“, sagt Co-Autor Patrick Bergeron von der Bishop’s University in Sherbrooke. Je weiter weg die Großmutter lebte, desto wahrscheinlicher war es demnach, dass ihre Tochter nur wenige Kinder bekam. „Pro 100 Kilometer sind es 0,6 Kinder weniger pro Frau. Das ist eine Menge“, sagt Engelhardt.

Hilfe für Familien

Damit scheint nun klar: Die Hilfe einer Großmutter kann für Familien ein bedeutender Vorteil sein – und auch aus evolutionärer Sicht durchaus Sinn machen. Allerdings hängt der Nutzen für die nachfolgende Generation dabei von Faktoren wie der geografischen Nähe und dem Alter der Großmutter ab. „Gesundes Altwerden in unseren Gesellschaften möglich zu machen, ist somit nicht nur für alte Menschen selbst von großer Bedeutung. Auch ihre Familien profitieren in vielfältiger Weise davon“, schließen Chapman und seine Kollegen.

Quelle: Simon Chapman (Universität Turku, Finnland) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2018.12.052; Sacha Engelhardt (Universität Bern) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2019.01.027

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

hö|hen  〈V. t.; hat〉 1 〈veraltet〉 erhöhen 2 〈Mal.〉 hervortreten lassen (bestimmte Teile eines Bildes) ... mehr

Schlag|in|stru|ment  auch:  Schlag|ins|tru|ment  auch:  ... mehr

Was|ser|vo|gel  〈m. 5u; Biol.〉 auf dem Wasser od. am Ufer lebender Vogel

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige