von JAN SCHWENKENBECHER
Binnen Sekunden kann Musik unsere Stimmung beeinflussen, verändern, mitunter sogar ins Gegenteil verkehren. Die langweilige Autobahnfahrt in den Urlaub wird plötzlich zum Familien-Kanon. Auf den letzten Kilometern der Joggingrunde setzt ein Lied der Playlist unvermittelt unsere Kräfte frei. Und im Kinosaal ist es auf einmal mucksmäuschenstill vor Anspannung, weil die schnelle, sich steigernde Musik ahnen lässt, dass der Held in Gefahr ist.
Musik weckt Emotionen – und zwar seit Jahrtausenden. In jeder bekannten menschlichen Kultur, unabhängig davon, zu welcher Zeit sie existierte, spielte Musik eine Rolle. Das älteste schriftlich belegte Lied, festgehalten auf einer Art Notenblatt und gefunden in der im Nordwesten des heutigen Syriens gelegenen antiken Stadt Ugarit, ist ungefähr 3400 Jahre alt. Das älteste bislang entdeckte Instrument, eine aus Vogelknochen und Mammut-Elfenbein geschnitzte Flöte, die aus einer Höhle der Schwäbischen Alb geborgen wurde, ist über 40.000 Jahre alt.
Ob die Musik damals einem höheren Zweck diente oder einfach nur ein angenehmer Zeitvertreib war, darüber sind sich die Forschenden uneins. Und es gibt verschiedene Hypothesen, dass Musik sogar einen evolutionären Vorteil geboten haben könnte:
Einige Forschende gehen hingegen davon aus, dass Musik – ähnlich wie andere Künste – keine evolutionäre Bedeutung hat. Sie halten Musik vielmehr für ein zufällig entstandenes Nebenprodukt zu einer Zeit, als sich andere wichtige Fähigkeiten entwickelten – zum Beispiel die kognitiven und physiologischen Grundlagen des Sprechens.
Für alle Lebenslagen
„Fest steht: Musik spielt in fast allen Bereichen und zu fast allen Zeiten unseres Lebens eine Rolle“, sagt Adam Ockelford. Der Professor für Musik an der University of Roehampton in London arbeitet als Komponist, Interpret, Lehrer, Forscher und Buchautor. „Schon im Babyalter und in den ersten Lebensjahren wird Musik zur Kommunikation eingesetzt.“ Kinder lallen und ahmen Klänge der Eltern nach – eine Art von Musik, meint Ockelford. „Werden die Kinder älter, haben sie oft Spielzeug, das Töne hervorbringt. Viele beginnen später damit, ein Instrument zu spielen. Und in so gut wie jeder Form von Medien, ob Internet, Fernsehen, Spiele oder Videos in sozialen Netzwerken, ist Musik zu finden“, sagt Ockelford. „Vor allem im Teenager-Alter spielt Musik dann eine große Rolle bei der Identitätsfindung. Jugendliche nutzen Musik als Signal, um sich der einen oder anderen Gruppe zugehörig zu fühlen.“





