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Gesellschaft|Psychologie

Die vier Wurzeln des Bösen

Jeder Mensch könnte jede Untat, die je geschah, selbst begehen. Das meinen zumindest die Psychologen. Nach Religion und Philosophie ist ihre Disziplin jetzt angetreten, das Böse zu erklären.

Das Morden begann im Morgengrauen. Die Polizisten schwärmten aus und durchsuchten die Häuser. Die Kranken und Alten erschossen sie an Ort und Stelle, die anderen trieben sie auf dem Marktplatz zusammen. Einige arbeitsfähige Männer führten sie weg, die anderen Dorfbewohner transportierten sie gruppenweise auf Lastwagen in den nahen Wald. Dort übernahm jeder Polizist einen Mann oder eine Frau und führte sein Opfer zum Exekutionsplatz, wo es sich hinlegen musste. Der Polizist tötete es mit einem Schuss ins Genick, oft spritzten Blut, Gehirnmasse und Knochensplitter auf den Mörder. So besudelt holte er das nächste Opfer. Als die Sonne untergegangen war, lagen 1500 Tote im Wald.

Das Verbrechen geschah im Juli 1942 in dem kleinen jüdischen Ort Józefów in Polen. Der amerikanische Historiker Christopher Browning hat den Massenmord viele Jahre später aus deutschen Gerichtsakten rekonstruiert. Begangen hatte die Tat das Reserve-Polizeibataillon 101 aus Hamburg. Die knapp 500 Mann starke Truppe war laut Browning binnen eines Jahres an mindestens 83 000 Ermordungen beteiligt.

Wieso können Menschen andere Menschen verletzen, berauben, quälen oder umbringen? Wie ist das Böse überhaupt möglich?

An dieser Frage verzweifelten lange vor dem Holocaust viele große Denker in aller Welt. Für Thomas von Aquin war die Existenz des Bösen das größte Problem des christlichen Glaubens. Die Christen machen den Teufel für das Böse verantwortlich, was aber die Frage aufwirft, warum der allmächtige Gott Satan nicht stoppt. Dualistische Religionen wie der Manichäismus, den der Perser Mani im 3. Jahrhundert n.Chr. gründete, stellten dem guten Gott einen Gott der Finsternis gegenüber.

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Für die Wissenschaft ist all das kein Ausweg. Sie will die Wurzeln des Bösen im Menschen selbst finden. Roy Baumeister, einer der meist zitierten Psychologen der Welt, hat es versucht. Der an der amerikanischen Florida State University in Tallahassee lehrende Professor unterscheidet vier Wurzeln des Bösen:

• Böses als Mittel zum Zweck

• Sadismus

• Verletzter Narzissmus

• Ideologie und Religion

Das Böse als Mittel zum Zweck kennt jeder. Es beginnt bei kleinen Rücksichtslosigkeiten gegenüber anderen, um die eigenen Interessen durchzusetzen, und setzt sich quer durch das Strafgesetzbuch fort bis zu Vergewaltigung und Raubmord. Selbst hinter blutigen Angriffskriegen steht häufig die nackte Gier.

Die Mongolen erwogen während ihres Eroberungszugs, die gesamte Bevölkerung Nordchinas auszurotten. Aber anders als den Nationalsozialisten ging es ihnen nicht darum, vermeintliche Untermenschen zu vernichten. Sie wollten Weideland gewinnen und Aufständen vorbeugen. Am Ende entschieden sie sich gegen die Ausrottung, weil sie lieber Steuern von der Bevölkerung eintreiben wollten. „Die Mongolen waren nicht blutrünstig, sie dachten praktisch“, kommentiert Roy Baumeister.

Wenn die Mongolen eine Stadt einnehmen wollten, stellten sie die Einwohner vor die Wahl: Sie konnten die Tore öffnen und Tribut entrichten. Oder sie konnten Widerstand riskieren. Siegten die Mongolen, veranstalteten sie ein Massaker – nicht aus Mordlust, sondern als abschreckendes Beispiel für die nächsten Städte auf ihrem Weg. Die Strategie war immer wieder erfolgreich.

Moralisch verwerfliche Taten bescheren häufig zumindest kurzfristig großen Gewinn. Die Frage ist also nicht: Warum handeln Menschen oft böse? Sondern sie lautet: Warum handeln sie oft nicht böse, obwohl die Gelegenheit günstig erscheint? Es gibt viele Antworten, warum Menschen sich moralisch einwandfrei verhalten, wo doch das Böse lockt. Wenn es um Böses als Mittel zum Zweck geht, lautet die Antwort häufig schlicht: Es lohnt sich – auf Dauer gesehen – nicht, vom Pfad der Tugend abzuweichen. Nach einer amerikanischen Statistik bringt der durchschnittliche Überfall auf eine Tankstelle gerade einmal 303 Dollar. Dafür würden die meisten Bürger keine Gefängnisstrafe riskieren.

Wer es dennoch tut, sieht nur den schnellen Gewinn und nicht die folgenschweren Konsequenzen. Dem gewöhnlichen Kriminellen fehlt es an Selbstkontrolle. Anders als im Film planen wirkliche Gauner ihre Taten häufig nicht raffiniert und minutiös. Oft greifen sie einfach zu, wenn ein schneller Gewinn in Aussicht ist. Diese Erklärung entwarf der amerikanische Kriminologe Travis Hirschi mit seinem Kollegen Michael Gottfredson von der University of California in der „Allgemeinen Theorie des Verbrechens“, dem einflussreichsten kriminologischen Werk der letzten Jahrzehnte.

Auch Fehlverhalten am Arbeitsplatz geht oft auf mangelnde Selbstkontrolle zurück, wie Bernd Marcus von der TU Chemnitz und Heinz Schuler von der Stuttgarter Universität Hohenheim vergangenes Jahr bewiesen haben. In zwei großen deutschen Firmen gaben 174 Beschäftigte den Psychologen per Fragebogen anonym Auskunft über alles, was ihr Chef besser nicht erfahren sollte – von Alkoholkonum während der Arbeitszeit bis zu Unterschlagungen und Sabotage. Mit zusätzlichen Fragebögen forschten Marcus und Schuler nach 24 möglichen Ursachen der Vergehen. Die Überraschung: Am Ende blieb nur eine einzige übrig – mangelnde Selbstkontrolle.

Wahrscheinlich steht hinter dem Impuls zum schnellen Zugreifen ohne Rücksicht auf Verluste ein genetisches Erbe, das bei manchen besonders stark durchschlägt. Die Evolutionspsychologen Joshua Duntley und David Buss von der University of Texas in Austin vermuten, dass sich blitzartiges Zugreifen in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit oft bewährt hat und keineswegs eine Störung darstellt: „Impulsivität ist ein Resultat der Anpassung.“

Der Forscher des Bösen, Baumeister, allerdings glaubt nicht, dass Menschen willenlose Opfer ihrer destruktiven Impulse sind. „ Sie gestatten sich, die Kontrolle zu verlieren“, meint er. Als Beispiel dient ihm ein britischer Gefängnis-Insasse. Bei seiner Tat traf der Mann in einer Bar auf den Liebhaber seiner Frau und fiel in einem Wutausbruch über ihn her. Er schlug einer Flasche den Boden ab und schuf sich so eine gefährliche Waffe. Doch dann, so der Bericht des Häftlings, wurde ihm klar, dass er den Nebenbuhler töten und lange hinter Gittern verschwinden könnte. Er legte die Flasche weg, richtete den anderen mit den Fäusten übel zu und kam mit einer vergleichsweise milden Strafe davon. „ Selbst auf dem Höhepunkt seiner Wut und des Kampfes konnte der Mann einem gewalttätigen Impuls widerstehen“, folgert Baumeister.

Doch häufig widerstehen Menschen solchem Drang nicht. Baumeister gibt den Medien eine Mitschuld. Sie stellten Gewalt zwar nicht als wünschenswert dar, aber das Dauerfeuer mit Szenen brutaler Konfliktbewältigung vermittele den Eindruck, es sei normal, sich nicht zu beherrschen.

Sadisten geniessen das Elend ihrer Opfer. Die zahllosen filmischen Schreckgestalten vom Serienkiller bis zum Erz-Bösewicht bei James Bond lieben es, ihre Opfer zu ängstigen und zu quälen. Hohngelächter ist ihr Erkennungszeichen. In der Wirklichkeit treiben Sadisten weit seltener ihr Unwesen. Psychologie-Professor Baumeister schätzt die Zahl der Täter, die von dieser zweiten Wurzel des Bösen getrieben werden, auf vergleichsweise geringe fünf Prozent. Folterer, die in den Verliesen ungezählter Diktaturen Informationen aus Menschen quetschen, sind meist keine Sadisten, wie mehrere Untersuchungen weltweit ergaben. „Wir haben festgestellt, dass Sadisten während der Ausbildung von den Trainern aussortiert werden“, fasst Philip Zimbardo von der Stanford University seine Studie an brasilianischen Folterern zusammen. Denn der Folterer darf nicht so quälen, wie es ihm am meisten Vergnügen bereiten würde, sondern muss den Schmerz so dosieren, dass sein Opfer Informationen preisgibt oder ein Geständnis unterzeichnet.

Sadisten sind selten. Den meisten Menschen macht es keine Freude, einen anderen Menschen zu quälen oder aus nächster Nähe zu töten. Meist erzeugt dies starke Widerstände. Viele Männer des Polizeibataillons 101 schafften es zunächst nicht, den vor ihnen liegenden Juden umzubringen. Einige drückten sich vor solchen Einsätzen. Noch bei den Vernehmungen 20 Jahre später nannten sie als Grund „nicht ethische oder politische Prinzipien, sondern rein körperlichen Ekel“, berichtet Rechercheur Browning in seinem Buch.

Doch die Mehrheit gewöhnte sich an das Morden. Einige gewannen sogar Freude daran. Dieses Phänomen zeigt sich bei vielen Truppen – sogar bei den Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg, die gegen die Faschisten von General Franco kämpften. „Das Schlimmste ist, dass es anfängt, mir Spaß zu machen“, sagte ein junger Soldat eines Morgens in einer Kaffeebar, berichtet der Historiker Peter Wyden in seinem Buch „The Passionate War“. Er und seine Kameraden hatten in der Nacht über 100 Gefangene getötet. Morden und Misshandeln kann offenbar zur Sucht werden. Möglicherweise lässt es sich mit einer Theorie erklären, die ursprünglich für die Drogensucht entworfen wurde (siehe Kasten nächste Seite „Süchtig nach dem Bösen“).

Warum aber entwickeln die meisten Soldaten keine Freude am Töten? Die Antwort liefert Roy Baumeister: Weil ihr Gewissen für Schuldgefühle sorge, „die es nicht gestatten, zuzugeben (nicht einmal vor sich selbst), dass es Spaß gemacht hat, anderen Schaden zuzufügen“. Wer andere verletzen und umbringen will oder als Soldat keine Wahl hat, muss mit Schuldgefühlen fertig werden. Schuldgefühle entstehen keineswegs erst nach der Tat. Menschen wissen vorher, welche Gewissensqualen sie erwarten und wappnen sich davor.

Das beweist ein auf den ersten Blick widersinniges Forschungsergebnis der Politikwissenschaftlerin Kathleen McGraw von der Ohio State University. Sie stellte fest, dass Menschen mehr Schuldgefühle nach Handlungen empfinden, die sie unabsichtlich begangen haben, als nach vorsätzlichen Taten. Die Erklärung für das scheinbar paradoxe Resultat: Wer versehentlich Unglück anrichtet, hatte keine Chance, sich vorher gegen Schuldgefühle zu rüsten.

Selbst die brutalsten Eroberer entwickeln ausgefeilte, wenn auch von außen betrachtet absurde Rechtfertigungsstrategien für ihre Taten. Als die Konquistadoren in Amerika Indios massakrierten, geschah dies offiziell zur Verbreitung des Christentums. Darum konnten die Eroberer nicht gleich nach ihrer Ankunft die Bewohner eines Dorfes umbringen. Sie mussten erst eine Erklärung verlesen, die Hofjuristen in Absprache mit der Kirche aufgesetzt hatten. Die Eingeborenen wurden darin aufgefordert, auf der Stelle zum Christentum zu konvertieren. Das anschließende Gemetzel und der Raub von Gold wurden als gerechte Strafe dafür betrachtet, dass die Eingeborenen ihrem Glauben nicht sofort abschwören wollten.

Wer von vornherein keine Schuldgefühle hat, kann leichter Verbrechen begehen. Ein solcher Mangel ist das hervorstechende Merkmale der Psychopathen. „Ohne Gewissen“ nannte der Psychologie-Professor Robert Hare von der University of British Columbia sein Standardwerk über diese menschliche Ausprägung des Bösen. Psychopathen stellen den harten Kern der Kriminellen und begehen einen Großteil der schwersten Straftaten. Ihr Gehirn weist eine Reihe von Unterschieden zu anderen Menschen auf. Diese führen offenbar dazu, dass ihnen die Grundlage für Gewissensbisse fehlt. Das erleichtert kriminelles Tun (siehe Kasten S. 65: „Das emotionslose Hirn der Psychopathen“).

Ein verletztes Selbstwertgefühl ist für Baumeister die dritte Wurzel des Übels. Besonders gefährdet sind Narzissten, die per Definition eine zu hohe Meinung von sich haben. Das führt ständig zu Begegnungen mit Menschen, die diesen vorteilhaften Eindruck nicht teilen – „ein gängiges Rezept für Gewalt“, weiß Baumeister. „Man schlägt die Person, die einem gerade gesagt hat, dass man nicht so toll ist, wie man dachte.“ Der Gewaltakt soll unterstreichen, wem Anerkennung gebührt.

Der 19-jährige Robert Steinhäuser empfand es offenbar als schwere Kränkung, dass er wegen gefälschter Atteste von der Schule flog. Wenig später, im April 2002, kehrte er ins Erfurter Gutenberg-Gymnasium zurück – in schwarzer Kämpfer-Kluft, mit einer Pistole und einer Pump-Gun. Er erschoss zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Schulsekretärin, einen Polizisten und schließlich sich selbst. „Ich möchte, dass mich einmal alle kennen und ich berühmt bin“, hatte er wenige Wochen vor seinem theatralischen Feldzug zu Mitschülern gesagt.

Experten vermuten nach solchen Amokläufen per Ferndiagnose in Zeitungsinterviews häufig narzisstische Motive. Wahrscheinlich haben sie Recht, auch wenn sich das nicht sicher sagen lässt, da der Täter am Ende meist tot ist und nicht psychiatrisch begutachtet werden kann. Aber der Wunsch nach Anerkennung ist häufig deutlich.

„Ist es nicht schön, so respektiert zu werden, wie wir es verdienen?“, sagte Eric Harris zu Dylan Klebold in einem selbst gedrehten Video. „Die Regisseure werden sich um diese Geschichte prügeln“, freute sich Klebold. Das Duo plante gerade einen Überfall auf die Columbine High School. Dort erschossen die beiden vor sechs Jahren zwölf Mitschüler und einen Lehrer.

Die Psychologieprofessorin Jean Twenge von der San Diego State University sieht in solchen Äußerungen eine „unheimliche und auffällige Ähnlichkeit“ zu narzisstischen Persönlichkeitszügen. In einem Experiment zeigte sie, dass Narzissten besonders aggressiv reagieren: Sie kränkte ihre Versuchspersonen, indem sie ihnen vorspiegelte, dass keiner der anderen Testteilnehmer mit ihnen zusammenarbeiten wolle. Dann durften die „Beleidigten“ ihre angeblichen Beleidiger bei einem Computerspiel scheinbar mit Lärm bestrafen. Die Theorie bestätigte sich: Die Probanden rächten sich um so aggressiver, je narzisstischer sie laut einem vorausgegangenem Test waren.

„Wahre Gläubige und Ideologen“ aber begingen und begehen die wirklich großen Schandtaten der Geschichte – hier liegt für Baumeister die vierte Wurzel des Bösen. Aus ihr ist wahrscheinlich mehr Leid erwachsen als aus allen anderen. Denn die Täter treten fast immer in Gruppen auf, die häufig große Teile der männlichen Bevölkerung umfassen.

Die Bibel bietet Beispiele: Das vierte Buch Mose berichtet, wie die Israeliten bei einer Strafexpedition sämtliche Männer des Volks der Midianiter töteten. Die Frauen und Kinder nahmen sie gefangen und schleppten sie zu Mose. Der „wurde zornig“ und ordnete an: „So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind.“ Viele weitere Massenmorde aus Überzeugung folgten: Die christlichen Kreuzzüge, der sowjetische Archipel Gulag und die chinesische Kulturrevolution sind nur einige Beispiele. Ideologie, so Baumeister, gibt „eine Lizenz zum Hassen“. Wer den einzig wahren Glauben nicht teilt, personifiziert das Böse und muss mit allen Mitteln beseitigt werden.

Wenn große Gruppen morden, wird die Verantwortung oft so lange aufgeteilt, bis sich der Einzelne nur noch als Rädchen im Getriebe fühlt, das kaum persönliche Verantwortung trägt. Zu Zeiten der spanischen Inquisition erstellten die Kirchenleute in ihren eigenen Augen lediglich theologische Gutachten, wer als Ketzer zu gelten hatte. Für die anschließende Folter und Exekution waren die weltlichen Stellen zuständig. Deren Schergen wiederum konnten sich darauf berufen, dass sie nur ausführten, was die heilige Kirche entschieden hatte. Die Nationalsozialisten perfektionierten dieses Wechselspiel mit ihrem weit verzweigten Apparat von Schreibtischtätern und Henkern.

Darüber hinaus besitzen Machthaber Autorität. Davon reichen schon kleine Dosen, um Menschen sehr weit zu bringen. Dies hat der amerikanische Psychiater Stanley Milgram in einer berühmt gewordenen Studie Anfang der sechziger Jahre gezeigt: Bei einem angeblichen Lernexperiment wies er einen Studenten an, einem anderen Testteilnehmer im Nebenraum per Knopfdruck schmerzhafte elektrische Schläge zu versetzen. Die zweite Versuchsperson war in Wirklichkeit ein Mitarbeiter Milgrams, und die Stromschläge wurden vorgetäuscht. Der Student hätte jederzeit aufstehen und gehen können. Doch zwei Drittel der Versuchsteilnehmer waren bereit, im Namen der Autorität der Wissenschaft ständig stärkere Stromschläge zu erteilen. Sie machten immer weiter, obwohl das angebliche Opfer um seine Freilassung bettelte, und sie oft selbst schwitzten und zitterten.

Im Ernstfall kommen zum Befehl von oben noch viele andere enthemmende Einflüsse. Dazu gehört etwa die Entmenschlichung der Opfer durch Propaganda. Besonders fatal ist es, wenn bei gut organisierten Taten jeder Einzelne sieht, dass die anderen aus seiner Gruppe ebenfalls zu Verbrechen bereit sind. Unter diesen Voraussetzungen werden nicht nur Psychopathen zu Tätern, nicht nur Narzissten, nicht nur Menschen mit mangelnder Selbstkontrolle. Nun machen fast alle mit – selbst wenn sie nicht gezwungen werden.

Bevor die Auslöschung der Bevölkerung von Józefów begann, versammelte Major Wilhelm Trapp die Männer des Polizeibataillons 101 um sich. Der alte Kommandeur, von allen „Papa Trapp“ genannt, hatte Tränen in den Augen, als er den Mordbefehl verkündete. Dann machte er ein ungewöhnliches Angebot: Wer sich zum Töten außerstande fühle, dürfte beiseite treten und müsste nicht mitmachen. Nur ein Dutzend Männer meldete sich. Keiner von ihnen wurde bestraft. Doch mindestens 80 Prozent der Polizisten mordeten mit – und gewöhnten sich oft schnell daran.

Die Angehörigen des Bataillons waren keine ausgesuchten Nationalsozialisten. Die meisten stammten aus der eher nazifernen Arbeiterschicht, waren um die 40 Jahre alt und wegen ihres Alters zur Reservepolizei eingezogen worden statt zur Wehrmacht. Sie waren, so der Titel von Brownings Buch, „Ganz normale Männer“ .

Das gleiche gilt für viele andere Akteure des Bösen. Sogar Selbstmordattentäter, die derzeitige Reinkarnation des Bösen, entpuppen sich meist nicht als blindwütige Desperados. Sie sind „ intelligente und beliebte junge Menschen, gut integriert in ihre Familie und ihre Gemeinde“, fasst der Sozialpsychologe Philip Zimbardo die Forschungserkenntnisse zusammen. Bei einer Befragung von gescheiterten palästinensischen Selbstmordattentätern erwies sich keiner als völlig verarmt, einfältig oder depressiv. „Sie schienen alle ganz normale Mitglieder ihrer Familien zu sein“, zitierte das Wissenschaftsmagazin „Science“ den Interviewer Nasra Hassan.

An Freiwilligen, die bereit sind, ihr Leben zu lassen, fehlt es den Radikalen nicht. Die Drahtzieher des Terrors müssen nur die eifrigsten Aspiranten aussuchen und in kleinen Gruppen schulen. Gegen Ende des Kurses nehmen sie ein Video auf, in dem sie sich selbst zu „lebenden Märtyrern“ erklären – in der einen Hand den Koran, in der anderen eine Waffe. So binden sie sich unwiderruflich. Attentäter aus der islamischen Welt sind meist sehr religiös. Doch auch Atheisten sind sehr wohl zu Selbstmordanschlägen in der Lage. Keine andere Gruppe hat so viele Selbstmordanschläge verübt wie die tamilischen Tiger in ihrem weltlichen Kampf für einen unabhängigen Staat im Norden Sri Lankas.

Gibt es also für jeden Menschen einen Weg auf die Seite des Bösen? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Wohl fanden sich selbst in Nazi-Deutschland oder Ruanda Menschen, die nicht mitmachten oder sogar unter Lebensgefahr den Opfern halfen. Vielleicht hätten sie auch zu anderen Zeiten dem Bösen widerstanden.

Es gibt Psychologen, die daran zweifeln. Zu ihnen gehört Zimbardo: „Jeder von uns könnte jede Tat begehen, die ein Mensch jemals begangen hat, wie schrecklich sie auch immer war – unter den richtigen oder falschen Einflüssen der Situation. Diese Erkenntnis entschuldigt das Böse nicht, sie demokratisiert es vielmehr.“ Und der Nazi-Chronist Browning hält das Massaker von Józefów keineswegs für eine Ausnahme. In vielen oder sogar allen Gesellschaften existierten rassistische Traditionen, Belagerungsmentalität, Obrigkeitsglauben und Gruppendruck. „Wenn die Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 unter solchen Umständen zu Mördern werden konnten, welche Gruppe von Männern könnte es nicht?“ ■

JOCHEN PAULUS arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Frankfurt am Main über Themen zu Psyche und Verhalten des Menschen und ist ständiger Autor von bild der wissenschaft.

Jochen Paulus

COMMUNITY Fernsehen

In Kooperation mit bild der wissenschaft hat „nano“, das Zukunftsmagazin in 3Sat, einen TV-Film zum Thema „Das Böse“ produziert. Erstausstrahlung: Donnerstag, den 24. Februar, um 18.30 Uhr. Weitere Informationen unter:

www.3sat.de/nano

„Hirnforschung und das Böse“ ist das Thema von „HörenSagen“ am Mittwoch, den 16. Februar 2005, um 11.10 Uhr im DeutschlandRadio Berlin in Zusammenarbeit mit bild der wissenschaft. Frequenzen an Ihrem Wohnort unter: www.dradio.de/dlr

LESEN

Konrad Lorenz

DAS SOGENANNTE BÖSE

Zur Naturgeschichte der Aggressivität

dtv, München 1998, € 10,–

Christopher R. Browning

GANZ NORMALE MÄNNER

Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“

Rowohlt, Reinbek 1999, € 8,90

Rüdiger Safranski

DAS BÖSE ODER DAS DRAMA DER FREIHEIT

Fischer TB, Frankfurt/M. 1999

€ 11,90

Gerald Messadie

TEUFEL, SATAN, LUZIFER

dtv, München 1999, € 11,–

Roy F. Baumeister

EVIL – INSIDE HUMAN VIOLANCE AND CRUELITY

Owl Books 1999 ISBN 0805071652

€ 14,50

Erich Fromm

DIE SEELE DES MENSCHEN

Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen

dtv, München 1998, € 7,50

INTERNET

Eine Nachbetrachtung des emeritierten Bamberger Psychologieprofessors Herbert Selg zu „Das sogenannte Böse“ von Konrad Lorenz:

www.gwup.org/skeptiker/archiv/2000/3/agresssion.html

Multidisziplinäre Antworten und viele weiterführende Links auf die Frage nach dem Bösen:

www.wickedness.net

Ohne Titel

„Vergewaltigen ist wie Rauchen. Man kann nicht mehr aufhören, wenn man einmal damit angefangen hat“, behauptete ein Vergewaltiger. Möglicherweise können sich Menschen an Gewalt tatsächlich gewöhnen wie an eine Droge.

In den siebziger Jahren entwarfen die beiden Psychologen Richard Solomon und John Corbit die bis heute wichtige „ Gegenprozess-Theorie“ der Motivation. Danach versucht der Körper stets, sein Gleichgewicht zu wahren. Bringt eine Droge die normale chemische Balance durcheinander, setzt der Körper einen Gegenprozess in Gang, um sie wiederherzustellen.

Wird die Droge öfter geschluckt, muss der Körper immer effektiver gegensteuern. Die Droge verliert ihre angenehmen Effekte und die Euphorie kippt ins Gegenteil um. Der Konsument muss die Dosis erhöhen – die Sucht nimmt ihren Lauf. Bei anfangs unangenehmen Erfahrungen läuft das Ganze umgekehrt ab, etwa beim Fallschirmspringen. Der Gegenprozess kämpft die jähe Angst nieder, etwa mit Endorphinen. Viele Sprünge später ist der Gegenprozess so stark geworden, dass das Springen Freude bereitet.

Nach dem gleichen Prinzip kann sich Sadismus entwickeln, vermutet der Psychologe Roy Baumeister. Am Anfang machen die Untaten keinen Spaß, doch das ändert sich, wenn ein Gegenprozess die Abscheu ins Gegenteil umschlagen lässt. So weigerte sich ein amerikanischer Soldat in Vietnam zunächst zweimal, aus dem Hubschrauber Zivilisten niederzuschießen. Beim dritten Anflug schoss er, weil sein Offizier ihm mit dem Kriegsgericht drohte. Anschließend musste er sich übergeben. Bei den nächsten Flügen gehorchte er schneller, und ziemlich rasch machte ihm das Töten von Unbewaffneten Spaß. Am Ende verglich er es mit dem Feuern auf Schießbuden-Figuren.

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Wissenschaftslexikon

Ata|xie  〈f. 19; Med.〉 Störung der geordneten Bewegung in Form von ausfahrenden, schleudernden Bewegungen (bei Erkrankungen des Zentralnervensystems) [<grch. a … mehr

des|ak|ti|vie|ren  〈[–vi–] V. t.; hat; Chem.〉 in einen nichtaktiven Zustand versetzen; oV deaktivieren; … mehr

Schus|ter|fleck  〈m. 1〉 1 Lederfleck zur Schuhreparatur 2 〈Mus.〉 Wiederholung eines Motivs im gleichen Rhythmus, in gleicher Harmonie u. auf– u. absteigend auf jeweils einer anderen Tonstufe … mehr

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