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Gesellschaft+Psychologie

Droht eine Kohlenstoff-Spekulationsblase?

Billionenschwere Verluste könnten bei einem Platzen drohen. (Illustration: sorbetto/iStock)

Zögern bis hin zur Verweigerung – die Menschheit reagiert zäh auf die Bedrohung durch den Klimawandel. Vor diesem Hintergrund werden fossile Energieträger nicht so schnell ihre Bedeutung verlieren, scheint es. Entsprechend wird weiterhin kräftig in die Branche investiert. Doch das könnte riskant sein, geht nun aus einer Studie hervor: Durch den technologischen Wandel könnte die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen auch unabhängig von politischen Entwicklungen bald einbrechen. Den Forschern zufolge bläht sich deshalb gerade eine billionenschwere Spekulationsblase auf, die auf den Kapitalmärkten bis etwa 2035 einmal donnernd zerplatzen könnte.

Nach wie vor reibt man sich die Hände: Traditionell gilt die Investition in fossile Brennstoffe und die zugehörige Industrie als eine vergleichsweise sichere Anlagemöglichkeit für Kapital. Auch in den Zeiten der Bemühungen um Reduktion des Verbrauchs hat sich dies kaum geändert, denn die scheinen bisher kaum zu fruchten. Unter anderem sorgen kritische Entwicklungen wie der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen dafür, dass das Vertrauen der Investoren in die fossilen Brennstoffe hoch bleibt. Doch wie nun ein internationales Team aus Ökonomen und Politikexperten warnt, könnten sich die Anleger bei ihren Erwartungen kostspielig verrechnet haben.

Den Finanzmärkten drohen „Blähungen“

Im Rahmen ihrer Studie haben sie umfangreiche Simulationen durchgeführt, aus denen hervorgeht, wie sich die Nachfrage nach fossilen Energieträgern vor dem Hintergrund verschiedener Faktoren entwickeln wird. Wie sie berichten, zeichnet sich ab, dass sich durch technische Entwicklungen weit unterschätzte Einsparungen im Energiebedarf ergeben werden. Beispiele sind etwa immer sparsamere Geräte, Autos und Gebäudetechniken. „Bisher hat man bei der Beurteilung der Entwicklung vor allem der wahrscheinlichen Wirksamkeit der Klimapolitik Beachtung geschenkt, aber nicht dem technologischen Wandel“, betont Co-Autor Jean-Francois Mercure von der University of Cambridge.

Aus den Simulationen der Forscher geht hervor, dass der Nachfragerückgang durch den Faktor Technologieentwicklung das Potenzial hat, riesige Reserven an fossilen Brennstoffen noch vor dem Jahr 2035 in „verlorene Vermögenswerte“ zu verwandeln. Werden zudem auch politische Ziele zum Klimaschutz irgendwann doch noch konsequent umgesetzt, verschärft dies die Lage weitert. Die finanziellen Dimensionen werden dann möglicherweise gigantisch sein, warnen die Forscher: Beim Platzen einer Kohlenstoff-Spekulationsblase könnte demnach das Äquivalent von einer bis vier Billionen US-Dollar verpuffen. Zum Vergleich: Die berüchtigten Komplikationen an den Finanzmärkten von 2008 wurden von einem Verlust von etwa 0,25 Billionen US-Dollar ausgelöst.

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Gewinner und Verlierer

Abgesehen von den Turbulenzen an den Finanzmärkten könnten weitere erhebliche wirtschaftliche Folgen auftreten. Dabei könnte es allerdings Verlierer und Gewinner geben, sagen die Forscher: Japan, China und viele EU-Staaten, die derzeit auf teure fossile Brennstoffimporte angewiesen sind, könnten demnach profitieren. Ihre nationalen Ausgaben zur Deckung des Energiebedarfs könnten sinken und Investitionen in moderne Technologien könnten sich bezahlt machen. In Exportländern für fossile Brennstoffe mit relativ hohen Produktionskosten, wie Kanada, den USA und Russland, würde der Preisverfall jedoch die einheimische fossile Brennstoffindustrie vermutlich hart treffen.

„Die OPEC-Staaten werden als einzige in der Lage sein, fossile Brennstoffe zu niedrigen Kosten zu produzieren, und Exporteure mit hohen Produktionskosten werden nicht mehr wettbewerbsfähig sein“, sagt Co-Autor Pollitt Hector Pollitt. Die Forscher warnen deshalb, dass die Verluste nur verschärft werden, wenn Regierungen von Ländern wie Kanada, der USA und Russland weiterhin auf fossile Energie setzen. Wie der Blick in die Geschichte zeigt, können durch wirtschaftliche Probleme wiederum weitere kritische Effekte entstehen. „Massenarbeitslosigkeit kann öffentliche Ernüchterung und populistische politische Entwicklungen begünstigen“, betont Co-Autor Jorge Viñuales.

„Wenn wir diese Zeitbombe in der globalen Wirtschaft entschärfen wollen, müssen wir schnell, aber vorsichtig handeln“, meint Pollitt. „Die Kohlenstoffblase muss entlüftet werden, bevor sie zu groß wird“, so der Wirtschaftswissenschaftler. Investoren beziehungsweise Investment- und Pensionsfonds müssen sich bewusst machen, wie viel von ihrem Geld in fossile Brennstoffe investiert ist und das Risiko neu einschätzen, das sie damit eingehen, resümieren die Forscher.

Quelle: University of Camebridge, Nature Climate Change doi: 10.1038/s41558-018-0182-1

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