Streit und Versöhnung, Liebe und Hass, Neid und Gunst – wohl kaum eine Beziehung ist so von Gegensätzen geprägt wie die von Geschwistern. Geschwister sind oft die Ersten, mit denen wir das lernen, was für unser späteres Leben wichtig ist. Im Streit etwa wird die Konfliktfähigkeit trainiert – unerlässlich für das Erwachsenenleben. Darüber hinaus teilen wir mit unseren Geschwistern oftmals einen wichtigen Teil unseres Lebens: unsere Kindheit. Und damit auch unsere ersten Erinnerungen und Erfahrungen.
Die Geburtenreihenfolge
Doch was beeinflusst die Beziehung, die wir zu unseren Geschwistern haben? Welche Rolle spielt etwa die Geburtenreihenfolge? Stimmt es, dass die jüngsten Kinder der Familie, die sogenannten Nesthäkchen, besonders verwöhnt sind? Dass Sandwichkinder, also Mädchen und Jungen, die in der Mitte geboren werden, sich nie richtig anerkannt fühlen und um die Gunst der Eltern buhlen müssen? Dass Erstgeborene besonders verantwortungsvoll sind? Alles nur Vorurteile oder ist da etwas dran?
Schon in den 1930er-Jahren befasste sich der Psychotherapeut Alfred Adler mit der Rolle der Geschwisterreihe für die Entwicklung der Persönlichkeit. Das Thema ist bis heute von großem Interesse und wird immer wieder kontrovers diskutiert. Es gibt zahlreiche Studien – mit zum Teil sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Warum wissenschaftliche Untersuchungen zu konträren Schlussfolgerungen führen, haben Forschende aus dem Bereich Ökologie und Evolutionsbiologie mit Beteiligung der Universität Bielefeld untersucht. Sie verglichen hierzu mehr als 170 Analysen desselben Datensatzes. Als Grund für die abweichenden Ergebnisse nennen die Wissenschaftler in der Veröffentlichung von 2025 die individuellen analytischen Entscheidungen der an den Untersuchungen Beteiligten. Obwohl es hier um Studien aus einem anderen Fachbereich geht, lässt sich diese Erkenntnis vermutlich auf die Geschwisterforschung übertragen.
So kam eine Studie aus dem Jahr 2015 zu dem Ergebnis, dass die Geburtenreihenfolge keinen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung hat. Ende 2024 jedoch wurde eine Studie veröffentlicht, nach der die Geburtenfolge tatsächlich Einfluss auf die Persönlichkeit zu haben scheint. In der Studie zeigten sich Geschwister, die in der Mitte geboren worden waren, besonders kooperativ. Menschen, die mit einer größeren Zahl an Geschwistern aufgewachsen waren, wiesen wiederum häufiger die Charakterzüge Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Verträglichkeit auf als Menschen mit weniger Brüdern oder Schwestern. Erstgeborene waren den Erkenntnissen zufolge besonders offen gegenüber anderen Menschen. Ebenso galt dies für Einzelkinder. Hierzu werteten die Wissenschaftler Selbstauskünfte zu Persönlichkeitsmerkmalen von über 700.000 Teilnehmenden aus.





