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Gesellschaft+Psychologie

Faktor Mensch: Lösungen für mehr Arbeitssicherheit

Arbeitsunfall
(Bild: ME Image / Adobe)
Arbeitsunfälle passieren nicht aus heiterem Himmel, sondern haben immer mindestens eine konkrete Ursache. Zu häufig lautet diese „menschliches Versagen“. Das lässt sich jedoch mit den richtigen Maßnahmen deutlich limitieren.

Die Liste von Unfällen aller Größenordnungen in sämtlichen Sparten unternehmerischer Tätigkeit geht zwar seit Jahren zurück. Sie wird jedoch nach wie vor von einem ursächlichen Faktor angeführt: menschliches Versagen. Die dabei entstehenden Schäden können allein in materieller Hinsicht extrem teuer sein und fordern zu oft auch menschliche Opfer in Form von Toten, Verletzten, Arbeitsunfähigen und Traumatisierten.

Lösungen hiergegen sind vielfältiger Natur, müssen jedoch immer auf den Menschen als Hauptverursacher zugeschnitten sein – und beinhalten deshalb teilweise sogar Techniken der Psychologie.

Unfallfaktor Mensch: Hintergründe

Es lassen sich keine Lösungen darstellen, wenn nicht detailliert bekannt ist, wie dramatisch das Problem überhaupt ist und wie es entsteht. Dieses erste Kapitel stellt deshalb detailliert dar, wie sich das zeitgenössische Arbeitsunfallgeschehen in Deutschland manifestiert und welche menschbezogenen Gründe dahinter lokalisiert werden können – und warum diese auftreten.

Zahlen und Fakten

Die beim Erstellen dieses Textes aktuellen Zahlen zum betrieblichen Unfallgeschehen stammen aus dem Jahr 2020. Dies ging in die Geschichte ein als das Jahr mit den mit Abstand niedrigsten Unfallzahlen seit Bestehen der Bundesrepublik.

Grund waren allerdings keine besonders positiven Umstände, sondern mehrheitlich das Pandemiegeschehen und die dadurch ausgelöste Reduktion von Produktivität, Präsenzarbeit und dergleichen. Anders formuliert: Es gab 2020 schlicht weniger Unfälle, weil weniger gearbeitet wurde.

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Deutlich aufschlussreicher und beispielhafter für das allgemeine Unfallaufkommen ist daher das letzte präpandemische Jahr 2019. Hier verteilten sich die Zahlen folgendermaßen:

  • Es gab insgesamt 581 meldepflichtige Unfälle.
  • In der Folge wurden 487 neue Unfallrenten genehmigt.
  • Von den genannten Unfällen waren 218 tödlich.

Zum Vergleich: Im ersten Corona-Jahr gab es nur noch 689.656 Unfälle, 11.350 neue Unfallrenten, allerdings auch 233 unfallbedingte Tote.

Unfallrisiko Kreissäge
(Bild: Tomas Ragina / Adobe)

Der menschliche Faktor an und für sich

Die genannten Statistiken zeigen jedoch nicht nur, wie viele Unfälle es insgesamt gab. Sie schlüsseln diese zudem nach den Unfallschwerpunkten auf. Genauer: die jeweilige Tätigkeit unmittelbar vor dem Unfall.

Hier sei zunächst angemerkt, dass 2019 lediglich 133.675 Unfälle, das sind gerade einmal 17,1 Prozent, unter die Kategorie „sonstige Gründe“ fielen. Der große Rest war direkt auf den Faktor Mensch zurückzuführen. Und zwar in Reihenfolge der Unfälle:

  • Manuelle Handhabung von Gegenständen: 570
  • Arbeit mit Handwerkzeugen: 059
  • Transport von Hand:             541
  • Bedienung einer Maschine: 569

Noch aufschlussreicher werden die Daten, wenn die Gründe für die Abweichung vom üblichen Verlauf der Tätigkeit betrachtet werden:

  • Bewegung des Unfallverursachers: 935
  • Verlust der Kontrolle: 622
  • Materialschaden: 775
  • Sonstige Gründe: 248

Neben den diversen anderen Rückschlüssen, die sich hieraus ziehen lassen, sticht vor allem ins Auge, wie stark das Unfallgeschehen anno 2019 von rein menschbezogenen Ursachen dominiert wurde; dies deckt sich übrigens ebenfalls mit früheren Jahren.

Die manuelle Handhabung von Gegenständen inkludiert beispielsweise Ergreifen, Heben, Öffnen und Schließen. Auch Unfälle mit Handwerkzeugen wurden durch manuelle Werkzeuge klar gegenüber motormanuellen Werkzeugen klar dominiert (92.260 zu 35.843). Beim Transport von Hand waren zudem gar keine Maschinen involviert.

Tatsächlich lässt die Lage die Vermutung zu, dass der Mensch selbst hier sein größtes Problem ist – und dass es gerade simple Tätigkeiten und Bewegungen sind, die die größten Risiken verursachen. Beispielsweise Ausgleiten, Stolpern, Umknicken und Hinfallen, verantwortlich für 169.538 Unfälle.

Ferner zeigen die Zahlen jedoch ebenso, dass speziell die Todeszahlen dort hoch waren, wo technisches Gerät beteiligt war. Der Kontrollverlust über Transportmittel war für 25 Todesfälle verantwortlich. Die gesamte Gruppe der Materialschäden sogar für 48. Selbst wenn diese Werte ebenfalls von bewegungsbezogenen Unfällen dominiert wurden (73 Tote), so war das Verhältnis hier doch ein anderes.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie es dazu kommen kann. Insbesondere deshalb, weil zu der großen Zahl menschlich ausgelöster Fehler noch solche fremdursächlichen Unfälle kommen, hinter denen ebenfalls letztendlich ein menschlicher Auslöser steckt, beispielsweise Materialüberlastung oder übersehene Schäden.

Leider sind abermals die Gründe sehr eindeutig und sehr menschlich:

  • Zwar existieren Sicherheitsvorschriften, hierzulande typischerweise sogar sehr umfassende, diese werden jedoch aus diversen Gründen mutwillig missachtet.
  • Jugendliche Unerfahrenheit gepaart mit ebenso altersbezogenem Ungestüm. Arbeitnehmer unter 25 stellen ein beträchtlich größeres Unfallrisiko dar, weil es ihnen an Routine mangelt und sie häufig eine höhere Risikobereitschaft besitzen.
  • Allerdings ist auch das Gegenteil unfallträchtig. Denn zu viel Routine ist ebenfalls ein merklicher Unfallverursacher. Hier insbesondere bei älteren Arbeitnehmern, die sehr lange im Beruf sind.
  • Ein generell nicht sonderlich sicherheitsbewusstes Arbeitsumfeld. Hier wird also das Gegenteil einer Sicherheitskultur gepflegt. Typischerweise mindestens durch ein falsches Vorbild von Vorgesetzten, teilweise jedoch sogar durch aktives Fordern einer Arbeitsweise konträr zu sicherheitsbewusstem Handeln.
Gabelstaplerfahrer
(Bild: corepics / Adobe)

Erweiternde und limitierende Fähigkeiten von Maschinen

Maschinen, technisches Arbeitsgerät und dergleichen verursachen nur selten Unfälle, ohne dass eine menschliche Mitursache nachgewiesen werden kann. Dennoch lässt sich nicht alles auf Wartungsvernachlässigungen und ähnliche Faktoren zurückführen.

Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass jede Maschine ihrem Nutzer sowohl „übermenschliche“ Fähigkeiten verleiht, als dass sie auch deutliche Limits setzt, wo menschliche Fähigkeiten mehr könnten.

Erstmals sei hier beispielhaft ein recht unfallträchtiges Gerät genannt, der Gabelstapler; dieses Fahrzeug wird uns aufgrund seiner Beispielhaftigkeit immer wieder in diesem Artikel begegnen.

Der Stapler ermöglicht zwar das Heben von übermenschlichen Gewichten in ebenso extreme Höhen. Gleichsam limitiert er jedoch das Blickfeld des Bedieners, hat kein nennenswertes sensorisches Feedback und es existieren mehrere unterschiedliche Bedienschemata, bei denen etwa die beiden Funktionen „Heben“ und „Neigen“ vertauscht sind.

Zwar könnte man hier nun argumentieren, dass es ohne menschliches Fehlverhalten nicht möglich ist, ein solches Gerät falsch zu bedienen. Dies ginge jedoch an der Wirklichkeit vorbei. Denn je weiter die „Bedienungsrealität“ von nativen menschlichen Denk-, Bewegungs- und Handlungsmustern entfernt ist, desto inhärent größer ist die Gefahr, dass es mit der Zeit zu Unfällen kommt.

Aus diesem Grund wird bei einigen Fahrzeugen/Geräten seit einiger Zeit verstärkt auf Bedienungen gesetzt, die deutlich menschenähnlicher sind. Beispielsweise in Form von handschuhähnlichen Bedienelementen, die es ermöglichen, typische Arm-, Hand- und Fingerbewegungen ohne Nachdenken in eine entsprechende maschinelle Bewegung umzusetzen – ungleich sicherer als die althergebrachte Bedienung über Steuerhebel.

Handprothese
(Bild: Özgür Güvenç / Adobe)

Der Zeitfaktor

Warum gerät ein eigentlich standsicherer Gabelstapler in eine Situation, in der das Fahrzeug in einer Kurve umkippen kann? Streng wissenschaftlich betrachtet, weil der Bediener in der Kurve ein so großes Tempo beibehält, dass die Fliehkräfte im Zusammenspiel mit dem Fahrzeugschwerpunkt (Hebelarm) größer sind als die Schwerkraft.

Die simplere Antwort lautet jedoch: weil der Fahrer zu schnell fuhr. Doch warum tat er dies? Die Antwort darauf ist dieselbe, die hinter sehr vielen anderen Arbeitsunfällen steht. Es gab einen ausgesprochenen oder unausgesprochenen, fremd- oder eigenbestimmten Zeitdruck.

Der LKW musste schneller als üblich beladen werden; die Schicht war gleich zu Ende; der Akkordlohn trieb an; man wollte eine besonders unangenehme Aufgabe möglichst rasch erledigen.

Die Gründe, warum mehr Tempo vorgelegt wird, sind mannigfaltig. Immer jedoch steht Eile für eine Reihe von risikoerhöhenden Faktoren:

  • Es werden physikalische Sicherheitsreserven ausgereizt, also näher am Ende des sicheren Betriebsbereichs operiert.
  • Es werden sicherheitsrelevante Zwischenschritte absichtlich ignoriert.
  • Man hat zu wenig Zeit, um Handlungen sorgsam und unter voller gedanklicher und sensorischer Kontrolle auszuführen. Vieles läuft nur noch auf der etwas fehleranfälligeren Ebene des Muskelgedächtnisses
  • Mitunter befindet sich das Gehirn durch den Wunsch nach Tempo gedanklich bereits mehrere Schritte weiter.

All dies kann dazu beitragen, dass Unfälle geschehen. Aus diesem Grund ist es eine der wichtigsten Einzelmaßnahmen zur betrieblichen Unfallvermeidung, dass jederzeit genügend Maßnahmen getroffen werden, damit kein riskantes Tempo vorgelegt werden muss. Genügend Personal ist ein wichtiger Schlüssel hierzu. Ferner eine Arbeitskultur, die unsicheres Tempo weder einfordert noch in irgendeiner Form gutheißt.

Dies führt über zu weiteren Lösungen.

Lösungsansätze für erhöhte Sicherheit

In der Ruhe liegt die Kraft“; „Gut Ding will Weile haben“; „Eile mit Weile“. Der Volksmund kennt verschiedene solcher Sprichwörter, die alle nahelegen, dass ein etwas langsameres Vorgehen grundsätzlich besser sei. Doch selbst wenn es stimmt, dass die Abwesenheit von Eile eine nachweisbar erheblich positive Auswirkung auf Unfallrisiken hat, so ist dies allein nicht ausreichend.

Im Folgenden werden deshalb weitere Lösungsansätze skizziert, die erst im Zusammenspiel ihre volle Wirkung entfalten können. Sie sind überdies als ergänzende Maßnahmen zu den allgemeinen Vorgaben aus der Unfallverhütungsvorschrift und anderen verpflichtenden Werken zu verstehen.

Das Problem einzelfallabhängig analysieren und präzisieren

Die Größe des tatsächlichen Risikos ist immer stark einzelfallabhängig. Abermals sei hier der Stapler genannt. Sicherheit entsteht hier durch sowohl allgemeine als auch ganz spezifische Maßnahmen. Erstere umfassen beispielsweise einen Untergrund, der generell für die fast immer ungefederten Gabelstaplerfahrwerke tauglich ist. Letztere inkludieren dagegen etwa:

  • Leistungsfähigkeit verschiedener Staplermodelle,
  • Gestaltung unterschiedlicher Einsatzorte,
  • Verhalten und Anzahl anderer Personen im Nutzungsbereich,
  • Orts- und tageszeitabhängige Lichtverhältnisse.

Ein Staplermodell ist wegen seines geringeren Eigengewichts kippanfälliger als ein anderes; in einer Lagerhalle besteht durch die Architektur eine größere Gefahr für Blendung durch Sonnenlicht als in einer anderen. Und wo mehr fußläufige Mitarbeiter unterwegs sind, ist deutlich mehr Aufmerksamkeit vonnöten als in einer nur von Staplern befahrenen Umgebung.

Diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass es immer nötig ist, alle Risikopotenziale für den jeweiligen Einzelfall zu betrachten. Ein wichtiger Baustein darin ist die Gefährdungsbeurteilung/Risikoanalyse. Sie sollte jedoch nur eine Basis sein – und die Analyse niemals enden.

Brandschutzschulung
(Bild: auremar / Adobe)

Umfassend schulen und einweisen (lassen)

Unwissenheit und Unkenntnis sind eine äußerst riskante Kombination. Dies gilt selbst für Fälle, in denen eigentlich kompetentes Personal arbeitet. So konnte beispielsweise die Katastrophe von Tschernobyl samt ihren dramatischen Folgen nur deshalb entstehen, weil kein Mitglied des Bedienpersonals wusste, wie der Reaktor sich in der Extremsituation der geplanten Testumgebung verhalten würde – die Angestellten lösten deshalb durch eine Reihe von Bedienfehlern das zuvor Undenkbare aus.

Nun ist dies zwar ein Extrembeispiel, jedoch eines, das etwas Grundlegendes offenbart: Jeder, der eine bestimmte Tätigkeit ausführt,

  • …muss von Anfang an in alle relevanten Faktoren eingeweiht sein;
  • …muss über jede Änderung, Neuerung und dergleichen sofort informiert werden;
  • …muss immer über aufgabenübergreifendes, aber dennoch relevantes Zusatzwissen verfügen;
  • …darf niemals aus nicht zu duldenden Gründen von Informationen abgeschottet werden – beispielsweise aufgrund zu kurzer Betriebszugehörigkeit.

Wichtig ist zudem, dass diese Schulungen realitätsbezogen erfolgen. Und sie sollten unbedingt von Experten durchgeführt werden, jedoch immer ebenso persönliche Erfahrungen/Einschätzungen für das jeweilige Unternehmen beinhalten. Also eine Mischung aus allgemeinen professionellen und spezifischen laienhaften Informationen.

Fehlverhalten niemals dulden

Ein Staplerfahrer, der möglichst schnell in den Feierabend will und deshalb mit deutlich mehr Tempo durch die Halle fährt, als es üblich oder sogar erlaubt ist. Zwar macht er dies höchstwahrscheinlich aus freien Stücken. Diese Entscheidung fällt er jedoch deshalb, weil er weiß, dass ihm dafür keine Konsequenzen drohen.

Just dies ist falsch. Tatsächlich muss es in jedem Betrieb und unter allen Mitarbeitern eine Kultur des „Shamings“ von unfallträchtigem Fehlverhalten geben. Eine langfristige, dauerhafte Maßnahme, die von oben angeführt und immer wieder bestärkt werden muss. Denn bereits Passivität stellt bereits eine Form von stillschweigender Zustimmung dar.

Auch dies ist ein machtvolles Werkzeug, denn Peer Pressure wirkt bei vielen Menschen sehr stark – in beide Richtungen.

Wartungsarbeit an einem Gabelstapler
(Bild: leszekglasner / Adobe)

Warten und Reparieren

Überzogene Wartungsintervalle, Übersehene oder ignorierte Schäden: Beides Unfallrisiken von technischen Geräten, die meist aus reinem Sparzwang entstehen. An dieser Stelle muss man sich lediglich bewusstwerden, dass die meisten (meldepflichtigen) Betriebsunfälle deutlich kostspieliger sind, als es jede dieser Präventivmaßnahmen sein könnte.

Die Lösung muss deshalb lauten, immer die Vorgaben des Herstellers einzuhalten und niemals an dieser Stelle zu sparen. Es wäre immer ein Sparen an der falschen Stelle.

Gezielt markieren und warnen

Der Mensch ist ein Lebewesen, das sehr stark auf audiovisuelle Reize reagiert. Insbesondere dann, wenn diese für die jeweilige Situation ungewohnt sind. Aus diesem Grund ertönt beispielsweise bei sehr vielen Betriebsfahrzeugen ein eindringlicher, dauerhafter Piepton, sobald ihr Rückwärtsgang eingeschaltet wird – um alle in der Umgebung zu warnen.

Das heißt, es sollten grundsätzlich basierend auf der Gefährdungsbeurteilung genügend Maßnahmen getroffen werden, um sowohl optisch als auch akustisch Aufmerksamkeit herzustellen. Allerdings muss dies zielgerichtet geschehen: Zu viele Warnungen bergen das Risiko für Reizüberflutung und Abstumpfung, wodurch sich ihr Grundgedanke ins Gegenteil verkehrt.

Niemals allein auf menschliches Wohlverhalten vertrauen

Warum gibt es PKW, die das Radio automatisch leise schalten und seine Bedienelemente blockieren, sobald der Rückwärtsgang eingelegt wird? Weil es bekannt ist, dass es Menschen gibt, die sich trotz der fehlerträchtigeren Rückwärtsfahrt nicht nur auf diese fokussieren. Das Fahrzeug nimmt dem Fahrer also für diese Tätigkeit das Optionale und sorgt somit dafür, dass er automatisch nicht durch zu laute Musik abgelenkt werden kann.

Aus einem sehr ähnlichen Grund setzen sich beispielsweise Stanzmaschinen erst dann in Betrieb, wenn der Bediener mit beiden Händen auf zwei räumlich weit voneinander entfernte Schalter drückt – nur das garantiert, dass er wirklich seine Körperteile nicht mehr im Gefahrbereich hat.

Es gibt viele weitere solcher Beispiele und durch den Einzug von Digitaltechniken werden sie selbst im beruflichen Bereich immer mehr. Der Grund dafür ist, dass Sicherheitsmaßnahmen, die nur dann funktionieren, wenn menschliche Akteure sich an Regeln halten, inhärent fehleranfällig sind.

Deshalb sollte gezielt analysiert werden, wo solche Maßnahmen im Betrieb ergriffen werden können; nicht zuletzt, weil sie oft nur geringste Änderungen bedürfen. Beispielsweise ein Anwesenheitssensor statt eines Lichtschalters, der zwangsläufig schaltet, wenn jemand einen Raum betritt.

Hinweisschild in einem Hochregallager
(Bild: pabisiak / Adobe)

Jederzeit für höchste Transparenz sorgen

Warum führt ein Betrieb Sicherheitsmaßnahme X ein? Für viele Mitarbeiter fußt die Antwort nach wie vor auf Spekulation, Hörensagen und inoffizielle Kommunikationskanäle der Firma.

An dieser Stelle ist es leider eine Tatsache, dass zu viele Unternehmen aus verschiedenen Gründen eine ungesunde „Geheimniskrämerei“ betreiben – häufig sind Image-Gründe daran beteiligt. Das jedoch beschwört Gefahren herauf. Die größte: Das Personal bleibt passiv und uninteressiert und sorgt sich deshalb nicht mit der nötigen Intensität um das Thema.

Damit wären wir bei einem weiteren wichtigen Punkt, der zum entscheidenden Auslöser von Sicherheit oder Unsicherheit werden kann: Transparenz. Eine Firma, die den weiter oben erwähnten automatischen Lichtschalter installiert, könnte auf zweierlei Arten kommunizieren:

  • Die Installation erfolgte, um die Sicherheit zu erhöhen.
    oder
  • Die Installation erfolgte, weil es schon mehrfach in der Dunkelheit zu Unfällen gekommen ist. Erst vergangene Woche, als sich Kollege Mustermann dadurch eine Platzwunde zuzog.

Ersteres wäre sicherlich die aus Image-Gründen bessere Antwort, weil unschöne Details unerwähnt blieben. Letzteres würde jedoch deutlich transparenter informieren, würde tatsächliche Folgen aufzeigen und hätte somit eine aus Sicherheitsaspekten deutlich bessere Wirkung.

Hier muss deshalb gelten, dass eine positive Wirkung für die Sicherheit immer gegenüber allem anderen vorzuziehen ist. Maximale Transparenz muss deshalb jederzeit gewahrt werden – ganz besonders, wenn es zu Unfällen gekommen ist. Dann muss jeder die detaillierten Ursachen erfahren, damit sich das Problem nicht mehr wiederholen kann.

Schneeräumen auf einem Dach
(Bild: raland / Adobe)

Gezielte Rückfallebenen errichten

In Deutschland wird kein einziges Fahrzeug zugelassen, das nicht über zwei unabhängige Bremskreise verfügt. Kein Schiff sticht in See und vertraut dabei nur auf die Satellitennavigation, ohne ständig aktuelle Karten, einen betriebsbereiten Kompass und Sextant zu besitzen. Und keine Signalanlage bei Eisenbahnen vertraut nur auf ihre optische Wirkung, sondern ist immer mit technischen Maßnahmen verknüpft, die automatisch eine Zwangsbremsung des Zuges auslösen, sobald er das Signal ohne gewünschte Reaktion überfährt.

Experten sind sich sogar darüber einig, dass der weiter oben skizzierte Unfall von Tschernobyl nicht eine so extreme Auswirkung gehabt hätte, wenn der Reaktor mit einem überdruckfesten Containment als Schutzbau ausgestattet gewesen wäre.

Hier muss die Erkenntnis stehen, dass eine einzelne Sicherheitsmaßnahme zwar gut ist, aber für sich allein niemals perfekt sein kann. Die beste Bremse kann versagen, das ausgeklügeltste Sicherheitsbedienkonzept mit genug Nachlässigkeit oder Mutwilligkeit übergangen werden.

Echte Sicherheit entsteht nur, wenn selbst der Ausfall oder die Wirkungslosigkeit einer oder sogar mehrerer Schutzeinrichtungen nicht dazu führen kann, dass ein Unfall passiert. Tatsächlich sichere Prozesse und Systeme zeichnen sich deshalb dadurch aus, dass sie Fail-Safe sind. Das also selbst äußerst unwahrscheinliche Faktoren nicht dazu führen können, dass ein maximaler Schaden entsteht.

Abermals lässt sich hiervon sehr vieles in jedem Betrieb integrieren. Es muss nur die Erkenntnis reifen, dass diese Maßnahmen zwar Geld kosten und vielleicht niemals benötigt werden, dass jedoch genau das ihr wichtigster Sinn und Zweck ist.

Zusammenfassung und Fazit

Der Mensch ist der größte unfallverursachende Einzelfaktor – durch vernachlässigendes oder überstrapazierendes Verhalten häufig selbst dann, wenn ein Maschinenschaden einen Unfall verursacht hat. Dementsprechend müssen sich auch alle Maßnahmen für mehr Sicherheit auf den Menschen fokussieren.

Information ist dabei der mit Abstand wichtigste Weg. Selbst dort, wo die Pflichten der Gesetze enden. Jedoch muss ebenfalls gewährleistet sein, dass selbst dann nichts geschehen kann, wenn sämtliche menschlichen Aspekte aller Wahrscheinlichkeit zum Trotze versagen. Aus diesem Grund muss jedes Hochregal einen Anfahrschutz besitzen, ist jeder Stromkreis mit zahlreichen automatischen Sicherungen ausgestattet.

Der Mensch ist niemals perfekt. Sicherheit darf deshalb niemals davon ausgehen, dass er sich jederzeit so verhält.

19.11.2021

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