Gewalt: Auch indirekte Eindrücke schaden - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie

Gewalt: Auch indirekte Eindrücke schaden

Zusehen reicht: Auch indirekte Gewalterlebnisse können negative Folgen haben. (Foto: Paul Bradbury/ istock)

Man muss nicht selbst Opfer oder Täter werden: Selbst wenn Jugendliche nicht unmittelbar davon betroffen sind, gehen Eindrücke von Gewalt und Straftaten alles andere als spurlos an ihnen vorüber. Eine Studie zeigt: Schon das Aufwachsen in einem konfliktreichen Umfeld wirkt sich bei Heranwachsenden negativ auf die Gehirnentwicklung aus. Demnach verringert sich bei ihnen unter anderem das Volumen der grauen Substanz. Ähnliche Effekte seien etwa von Soldaten in militärischen Einsätzen bekannt, berichten die Forscher.

Ob körperlicher Missbrauch, Schießereien oder Einbruch: Werden Menschen Opfer von Gewalt, kann das nicht nur Narben an ihrem Körper hinterlassen – sondern auch in ihrem Gehirn. Studien zeigen, dass solche traumatischen Erfahrungen mit Veränderungen der Hirnstruktur einhergehen können. Was aber passiert, wenn wir nicht selbst davon betroffen sind, Gewalt oder Straftaten aber als weitestgehend Unbeteiligte miterleben? Diese Frage haben sich nun Wissenschaftler um Oisin Butler vom Max-Plack-Institut für Bildungsforschung in Berlin gestellt. Für ihre Studie untersuchten sie 65 gesunde Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, die in Vierteln mit hohen Kriminalitätsraten in Los Angeles leben.

Ohne selbst Opfer oder Täter geworden zu sein, hatten alle Probanden von Straf- oder Gewalttaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gehört, waren deren Zeuge gewesen oder schon einmal bedroht worden. „Aus früheren Untersuchungen wissen wir, dass das Leben in konfliktreichen Umgebungen mit geringerer kognitiver Leistungsfähigkeit und einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen einhergeht. Aber es gab bis dato keine Studie, die untersucht hat, wie sich dies bei Jugendlichen verhält“, sagt Butler. Gerade in diesem Alter könnten negative Einflüsse jedoch gravierende Folgen haben, weil sich das Gehirn noch in einer wichtigen Entwicklungsphase befindet.

Weniger graue Substanz

Um die Auswirkungen auf das Denkorgan analysieren zu können, ließen die Forscher die Jugendlichen einen Intelligenztest absolvieren. Zudem schauten sie sich mithilfe der Magnetresonanztomografie deren Hirnstruktur an. Es zeigte sich: Im Vergleich zu Heranwachsenden, die in einem gewaltfreien Umfeld leben, hatten die Probanden einen niedrigeren Intelligenzquotienten und ein kleineres Volumen der grauen Substanz, insbesondere im anterioren cingulären Kortex sowie in der unteren Stirnwindung. Diese Hirnregionen sind unter anderem für die kognitive Kontrolle, die Sprachfähigkeit und für Gemütsregungen wichtig.

„Die Ausdünnung der grauen Substanz gehört zur normalen Hirnreifung dazu. Je langsamer jedoch dieser Prozess vonstattengeht, desto mehr Zeit bleibt kognitiven Funktionen zur Ausreifung“, erklärt Butler. Weitere Studien müssten zeigen, inwieweit Stress den Abbau der grauen Substanz beschleunige. Insgesamt stützen die Ergebnisse nach Ansicht der Wissenschaftler die Annahme, dass auch indirekte Gewalterfahrungen die Gehirnentwicklung beeinflussen. Tatsächlich scheint der Effekt im Wesentlichen sogar ähnlich zu sein wie bei direkteren Gewalterlebnissen. So fand dasselbe Forscherteam kürzlich heraus: Auch bei Soldaten verändert sich durch militärische Einsätze die graue Substanz. Je länger der Einsatz dauert, desto kleiner wird sie demnach.

Anzeige

„Differenzierteres Bild“

„Die betroffenen Hirnstrukturen zeigen Ähnlichkeiten zu denen von Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung, auch wenn die hier untersuchten Personen keine derartige Störung aufweisen“, ergänzt Butlers Kollegin Simone Kühn. Vorherige Studien hätten sich vorwiegend auf die Erforschung von Stress und Traumata bei Personen mit klinischen Symptomen fokussiert. „Die Mehrheit der Bevölkerung, die mit Gewalt in Berührung gekommen ist, entwickelt aber keine klinischen Symptome wie die posttraumatische Belastungsstörung. Mit unseren Untersuchungen dürften wir nun ein wesentlich differenzierteres Bild von Stresseinflüssen auf das Gehirn zeichnen können“, schließt die Forscherin.

Quelle: Oisin Butler (Max-Plack-Institut für Bildungsforschung, Berlin) et al., Human Brain Mapping, doi: 10.1002/hbm.23988

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Marianengraben schluckt Wasser

Subduktionszone transportiert weit mehr Wasser in den Erdmantel als gedacht weiter

Ernährung: Wie viel Fett ist gesund?

Die ideale und allgemeingültige "Formel" für die gesunde Ernährung gibt es nicht weiter

Campi Flegrei: Erwacht der Supervulkan?

Phlegräische Felder bei Neapel könnten auf einen neuen Caldera-Ausbruch zusteuern weiter

Lianen-Wirkstoff gegen Pankreaskrebs?

Alkaloid aus Regenwaldpflanze lässt Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zellen verhungern weiter

Wissenschaftslexikon

el|lip|sen|för|mig  〈Adj.; Math.〉 in der Form einer Ellipse ● ein ~es Gebilde

Kern|holz|kä|fer  〈m. 3; Zool.〉 Angehöriger einer Familie von Käfern aus der Verwandtschaft der Borkenkäfer, der im Holz harter Laubbäume lebt: Platypodidae

Maul|beer|spin|ner  〈m. 3; Zool.〉 weißer Seidenspinner: Bombyx mori

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige