Halbwissen als Erfolgsrezept - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie

Halbwissen als Erfolgsrezept

Um gute Entscheidungen und Prognosen zu treffen, muss man kein Experte sein. Im Gegenteil: Oft ist im Alltag sogar derjenige besser dran, der weniger weiß.

Was macht eine Maus, wenn sie eine Katze trifft? Sie läuft wahrscheinlich so schnell wie möglich davon. Angesichts der drohenden Gefahr scheint das auch eine vernünftige Entscheidung zu sein. Doch was passiert, wenn eine Maus dem Feind Paroli bietet? Tatsächlich gibt es immer wieder solche „mutigen“ Mäuse. Statt die Flucht zu ergreifen, drehen sie sich um, machen „ Männchen“ und blecken die Zähne. Wenn eine Maus sich sogar traut, langsam auf die Katze zuzugehen, weicht die vorsichtig zurück. Das geht so lange gut, bis die Maus einen entscheidenden Fehler macht: Sie dreht sich um und läuft davon – zum letzten Mal in ihrem Leben.

Warum zögert die Katze, wenn die kleine Maus sie scheinbar angreift? Gerd Gigerenzer, Professor für adaptive Verhaltensforschung am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, erklärt das mit einer einfachen Faustregel der Natur: „Wenn etwas auf dich zuläuft, lauf weg. Wenn etwas vor dir wegläuft, lauf hinterher.“

Statt ihre Umwelt zu analysieren und die verschiedenen Verhaltensalternativen langwierig abzuwägen, folgen Tiere solchen einfachen Faustregeln, Heuristiken genannt. Dabei gilt: Die Aufmerksamkeit ist auf das Wesentliche gelenkt, alle unwichtigen Details sind ausgeblendet. So gelingt es den Tieren, besonders schnell auf mögliche Feinde oder auf Beute zu reagieren.

Doch nicht nur Tiere, sondern auch Menschen verlassen sich bei ihren Entscheidungen oft auf Faustregeln. Verhaltensforscher Gigerenzer und seine Mitarbeiter, die aus unterschiedlichen Fachgebieten wie Ökonomie, Informatik, Psychologie, Mathematik und Biologie stammen, untersuchen die einfachen Heuristiken und erforschen, wie sie funktionieren. „Ihr Aufbau gleicht dem eines Lego-Spiels“, erklärt Gigerenzer. „Man hat eine begrenzte Zahl verschiedener Bausteine zur Verfügung, aus denen sich eine Vielzahl von Heuristiken zusammensetzen lassen.“ Das heißt: Die einzelnen Faustregeln sind nicht universell einsetzbar, sondern an spezifische Situationen gebunden.

Anzeige

So ist die Rekognitions-Heuristik auf ein gewisses Maß an Nichtwissen als Baustein angewiesen. Tatsächlich trifft man mitunter dann die beste Entscheidung, wenn man bestimmte Informationen nicht hat, wie Untersuchungen von Gigerenzer zeigen. Ein Beispiel dafür ist sein Städtetest: Amerikanische und deutsche Studenten wurden gefragt, welche Stadt ihrer Meinung nach mehr Einwohner hat: San Diego oder San Antonio? Von den amerikanischen Studenten gaben 62 Prozent die richtige Antwort: San Diego. Die deutschen Studenten tippten zu 100 Prozent richtig. Das Ergebnis ist überraschend, die Erklärung simpel: Viele Deutsche hatten noch nie von einer Stadt namens San Antonio gehört, San Diego hingegen kannten sie alle – und schätzten es deshalb als größer ein. Sie schnitten also nicht besser ab, obwohl, sondern gerade weil sie weniger wussten als ihre amerikanischen Kommilitonen. Ohne dass es ihnen bewusst war, hatten sie die Rekognitions-Heuristik angewandt.

Vollständige Unwissenheit hätte allerdings nicht zum Erfolg geführt: „Jemand, der überhaupt keine Ahnung hat, hätte im Test schlecht abgeschnitten. „Entscheidend für den Erfolg ist, dass man ‚halbwissend‘ ist“, betont Gigerenzer.

Heuristiken helfen vor allem weiter, wenn es um oberflächliche und alltägliche Entscheidungen geht. Zum Beispiel beim Hosenkauf: Man geht in ein Geschäft und schaut nach der richtigen Größe. Die erste passende Hose überzeugt nicht, die zweite ist zu teuer. Die Dritte sieht gut aus und ist zudem günstig. Gekauft! Aus heuristischer Sicht ein guter Fang.

Das heißt, dass sich der Mensch nicht nach der Rational-Choice-Theory verhält, die viele Wirtschaftswissenschaftler vertreten. Sie besagt, dass der Mensch stets versucht, seinen Nutzen zu maximieren und den größtmöglichen Vorteil für sich herauszuschlagen. Das würde für den Hosenkäufer bedeuten: Er müsste sämtliche Hosen in diesem Geschäft und auch in allen anderen Geschäften anhand von Preis, Qualität und Aussehen beurteilen, eine Liste mit Vor- und Nachteilen erstellen, die Kriterien gewichten, aufaddieren und dann erst seine Wahl treffen. Das ist jedoch absurd und zeigt, dass die rein rationale Art der Entscheidungsfindung, die zur „ perfekten“ Lösung führt, im Alltag gar nicht möglich ist. Die einfachen Faustregeln funktionieren stattdessen nach dem Prinzip der „eingeschränkten Rationalität“. Denn nie sind restlos alle Informationen zugänglich. Doch das müssen sie auch nicht. Denn eine Entscheidung nach einfachen Faustregeln ist der jeweiligen Situation angepasst und führt schneller zum Erfolg.

Heuristiken sind manchmal sogar dem geballten Expertenwissen überlegen, ist Gigerenzer überzeugt. Vor dem Tennisturnier in Wimbledon 2005 bat er eine Gruppe von „Halbwissenden“, den Ausgang aller 127 Spiele vorauszusagen. Gleichzeitig wurde eine Prognose anhand der aktuellen Weltrangliste erstellt: Traten zwei Spieler gegeneinander an, wurde derjenige, der laut Weltrangliste höher eingestuft war, als potenzieller Sieger vorhergesagt. Wie sich herausstellte, waren die Vorhersagen der „Halbwissenden“ im Durchschnitt besser als jene, die anhand der Weltrangliste erstellt worden waren. Der Clou: Die Laien hatten schlicht diejenigen Spieler als Sieger vorhergesagt, von denen sie bereits gehört hatten.

Weniger wissen und sich deshalb besser entscheiden – Gigerenzer nennt diese Eigenheit der Rekognitions-Heuristik auch den „Less-is-more“-Effekt. Die Werbeindustrie arbeitet nach diesem Schema, „ohne wissenschaftlich untersucht zu haben, wie und warum die Heuristik funktioniert“, betont Gigerenzer. Viele Unternehmen setzten vor allem auf die prominente Platzierung des Markennamens, denn der solle nachhaltig gespeichert werden. Statt die Vorzüge des Produktes im Einzelnen anzupreisen, werden einfache Botschaften vermittelt.

Vermutlich haben sich die einfachen Strategien bei Alltagsentscheidungen im Laufe der Evolution entwickelt. Dabei ist ein eindrucksvolles Nebenprodukt entstanden: die Vergesslichkeit. Es kann durchaus sinnvoll sein, Gelerntes wieder zu vergessen, wie die Kognitionspsychologen Ralph Hertwig und Peter Todd postulieren, die am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zusammenarbeiteten. Denn das kann verhindern, dass veraltetes und unnützes Wissen neue Informationen überlagert.

Das veranschaulicht die Geschichte des russischen Gedächtniskünstlers Solomon Shereshevsky, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte. Shereshevsky soll ein derart gutes Gedächtnis gehabt haben, dass er nahezu unbegrenzt Wissen speichern konnte. Wurde ihm eine Seite Text vorgelesen, konnte er den noch Wochen später fehlerfrei auswendig wiedergeben – und zwar vorwärts wie rückwärts. Dieses Können hatte aber auch eine Schattenseite: Obwohl jedes einzelne Wort in seinem Kopf gespeichert war, hatte Shereshevsky große Probleme, den Inhalt des Textes zusammenzufassen. Den konnte er sich nämlich nicht merken. Die Fähigkeit, sich auf das Wesentliche, den Inhalt, zu konzentrieren, besaß er nicht.

Forscher beurteilen die Qualität von Heuristiken unterschiedlich. Hartmut Esser, Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim, gibt Gigerenzer im Prinzip Recht: „Vor allem bei Routineentscheidungen, die auf Erfahrungswerten beruhen, sind Heuristiken sehr sinnvoll.“ Gleichzeitig schränkt er ein: „Sie versagen allerdings, wenn die Situation gestört und die Routine nicht mehr gegeben ist.“ Das gilt auch für die Katze, die zögert, wenn die Maus auf sie zukommt. Erst wenn diese davonläuft, ist die Katze wieder in ihrem Element. Doch warum die Rekognitions-Heuristik selbst bei komplexen Entscheidungen wie Investitionen auf dem Aktienmarkt funktioniert (siehe Kasten links), kann Esser nicht erklären.

Heuristiken lassen sich praktisch in allen Lebenslagen beobachten: bei der Partnerwahl (statt Lebenslauf und Weltanschauung des potenziellen Partners genau zu recherchieren, beschränkt man sich zum Beispiel darauf, die Vermögenslage und gemeinsame Interessen herauszufinden) genauso wie beim CD-Kauf (man verlässt sich auf das Urteil eines Freundes, statt selbst vorher alle Musiktitel anzuhören).

In seinem Buch „Heuristics and the Law“, das in Kürze erscheint, vertritt Gigerenzer die These, dass auch in der Rechtsprechung nicht nur nach Fakten geurteilt wird. Als Beispiel nennt er ein Gesetz, das die Qualitätsstandards von mammographischen Reihenuntersuchun-gen festlegt. „Das Gesetz wurde erlassen, obwohl nicht hinreichend geprüft worden war, ob die Mammographie-Screenings überhaupt den gewünschten Nutzen erbringen oder ob sie nicht sogar Schaden anrichten können“, berichtet Gigerenzer. „Oft geht es nach dem Prinzip: Wer genug Lärm macht, bekommt ein Gesetz.“ Das Beispiel zeigt: Manchmal kommen mit Halbwissen und einfachen Heuristiken auch schlechte Entscheidungen zustande. Es gibt eben Bereiche, und dazu zählen Politik und Rechtsprechung, in denen es wichtig ist, nach Faktenlage zu beschließen.

Das gilt natürlich auch für weit reichende Entscheidungen im privaten Bereich: Sie werden zwar immer von Emotionen begleitet, doch beim Kauf eines Autos oder der Wahl des Studiums sollten rationale Überlegungen die Hauptrolle spielen. Im Gegensatz zum Tier hat der Mensch immerhin die Wahl, seine Entscheidungen gründlich abzuwägen oder sich auf Faustregeln zu verlassen. ■

Thomas Lange, ehemaliger bdw-Praktikant, verlässt sich bei seinen Entscheidungen nun häufiger auf sein Bauchgefühl.

Thomas Lange

COMMUNITY LESEN

Bietet einen guten Überblick über die „schnellen und einfachen“ Heuristiken:

Gerd Gigerenzer u.a.

SIMPLE HEURISTICS THAT MAKE US SMART

Oxford University Press 1999, € 27,80

Gerd Gigerenzer

DAS EINMALEINS DER SKEPSIS

Berliner Taschenbuch Verlag 2004, € 10,50

INTERNEt

Institut für Bildungsforschung der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin mit Informationen rund um Heuristiken:

www.mpib-berlin.mpg.de/de/forschung/abc/index.htm

Ohne Titel

· Einfache Faustregeln helfen bei vielen Entscheidungen: vom CD-Kauf bis zur Partnerwahl.

· Die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenken und unwichtige Details ausblenden – das beschleunigt Routineentscheidungen.

· Entscheidungsstrategien können im Laufe der Evolution dazu beigetragen haben, dass man Dinge wieder vergisst.

Ohne Titel

 Einfache Faustregeln helfen bei vielen Entscheidungen: vom CD-Kauf bis zur Partnerwahl.

 Die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenken und unwichtige Details ausblenden – das beschleunigt Routineentscheidungen.

 Entscheidungsstrategien können im Laufe der Evolution dazu beigetragen haben, dass man Dinge wieder vergisst.

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Kry|o|tron  auch:  Kry|ot|ron  〈n.; –s, –tro|ne; IT〉 Datenspeicher auf der Basis der Supraleitung bei sehr tiefen Temperaturen ... mehr

pa|ra|ly|tisch  〈Adj.; Med.〉 an Paralyse leidend, gelähmt [<grch. paralytikos ... mehr

Trans|duk|ti|on  〈f. 20; Biochem.〉 das Erbgut verändernder Prozess bei Bakterien, bei dem genetische Merkmale durch Bakteriophagen übertragen werden [zu lat. transductus, ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige