Autisten kommunizieren nicht mit ihrer Umwelt. Dennoch haben einige auf dem Computer Geschichten und Gedichte geschrieben – mit Hilfe der „Gestützten Kommunikation”. Ist die Methode für sie ein Tor zur Welt? Seit einiger Zeit steht sie im Kreuzfeuer der Kritik.
Eine eigenartige Szene entfaltet sich bei meinem Besuch bei Familie Ewrigmann (Name geändert) im vollgestellten Arbeitszimmer. Von regelmäßigen Ermahnungen seiner Mutter angefeuert, findet der 21-jährige Thomas mit seinem rechten Zeigefinger einen Knopf nach dem anderen auf der Computertastatur. Zwischendurch schmiegt sich der äußerlich erwachsene Junge an seine Mutter. Jedes zweite Wort beginnt er groß: „Ich möchte FC zeigen. Weil ich Dich bereden Will, dass Ich selber Schreibe”.
Thomas Ewrigmann wurde als Autist diagnostiziert, als er sieben Jahre alt war (siehe Kasten „Autisten – in sich eingeschlossen”). Richtig sprechen hat er nicht gelernt. Aber seit kurzem nennt ein Notenblatt mit dem Titel „Ich darf frei sein” ihn als Textautor: „Einsam war die Welt für mich, Menschen waren fern. Nur einer war immer für mich da: Jesus, er war mir nah, so nah!”
Hat wirklich Thomas dieses Lied geschrieben? An einem besteht kein Zweifel: Er hat es im Zeitlupentempo Buchstabe für Buchstabe in den Computer getippt – genauso wie viele andere Texte. Doch er schreibt nicht allein. Eine so genannte Stützerin, meist seine Mutter, legt eine Hand auf seinen Oberschenkel oder hält ihn am Unterarm. Nimmt sie Einfluss auf ihn? Dirigiert sie die Buchstabenfolge?
Das ist der Verdacht, der die „Gestützte Kommunikation” seit Beginn begleitet. Sie wird von den Befürwortern definiert als „ physische Hilfestellung, die Kontakt gestörten Menschen hilft, sich schriftsprachlich mitzuteilen”. Die spezielle Schreibtechnik dazu – eben die Gestützte Kommunikation – scheint ein Tor zur Welt für die in sich abgekapselten Autisten zu sein. Sie wurde mehrmals unabhängig voneinander entdeckt. Den Boom löste die australische Pädagogin Rosemary Crossley aus, die in den siebziger Jahren in Melbourne begann, mit der im Englischen „ Facilitated Communication” (FC) genannten Methode zu arbeiten. Inzwischen wird sie von immer mehr Autisten und geistig Behinderten in zahlreichen Ländern genutzt.
Die nicht behinderten Anhänger der Methode glauben: Hinter der Fassade etwa einer autistischen Behinderung verbirgt sich ein wacher Geist, der sich nur wegen einer rätelhaften Kommunikationsstörung nicht ausdrücken kann. FC soll dies ändern.
Doch die Zweifel an den Fähigkeiten der gestützt Schreibenden werden heftiger. In Deutschland haben mehrere Dutzend Experten im Jahr 2002 eine Resolution unterzeichnet, in der die Gestützte Kommunikation als „eine in ihrer Effektivität widerlegte Technik” bezeichnet wird. Die meisten Zweifler bekleiden einschlägige Professuren – so lehrt Gerhard Lauth Heilpädagogik in Köln, Franz Petermann Klinische Psychologie in Bremen und Fritz Poustka Kinder- und Jugendpsychiatrie in Frankfurt.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie stuft FC in ihren Leitlinien zu „tief greifenden Entwicklungsstörungen” wie Autismus als eine „entbehrliche Therapiemaßnahme” ein, die „ weitest gehend unwirksam” sei. Internationale Fachgesellschaften meldeten sich mit ähnlichem Tenor zu Wort.
Die Angegriffenen reagierten heftig. Susanne Nußbeck, eine der Initiatorinnen der deutschen Resolution und Privatdozentin an der Heilpädagogischen Fakultät in Köln, erhielt bitterböse Briefe. Das „FC Netz Deutschland”, das Stützerinnen und Stützer ausbildet, gab eine „Stellungnahme” heraus. Sie unterstellte den Verfassern der Resolution mangelndes Sachwissen, ging aber nicht im Geringsten auf die Kritik ein.
So wogt die Kontroverse, seit der Autist Birger Sellin FC 1993 in Deutschland mit einem Schlag berühmt gemacht hat. Unter seinem Namen erschien „ich will kein inmich mehr sein: botschaften aus einem autistischen kerker” – ein Buch mit rätselhaften Texten, von Literaturkritiker mit Hölderlins Schriften verglichen.
Aber hatte wirklich der seit seinem zweiten Lebensjahr stumme 20-Jährige diese Texte verfasst? Einem Reporter des „Spiegel” präsentierte Birger sich recht bizarr: „ … ,Mamamamam‘ lallend wie ein Baby, hundegleich hechelnd oder heulend aus wölfischer Tiefe, stundenlang oberkörperwippend.”
Das Nachrichten-Magazin spiegelte in seinen Berichten das Schwanken der Öffentlichkeit zwischen Kritiklosigkeit und Skepsis. Nach einem ersten positiven Beitrag bekam die Redaktion fünf Monate später Zweifel. Doch als weitere zwei Wochen später eine der Edel-Federn des Blattes beim Familienbesuch erfuhr, dass Birger Sellin mit über zehn Stützern schrieb, wurde der prompt rehabilitiert, da „zu ausgeklügelter Fälschung ein Komplott höchst unterschiedlicher Betrüger kommen” müsste.
Inzwischen zeigen frappierende wissenschaftliche Studien: Es ist durchaus keine bewusste Täuschung notwendig, um anderen mit Hilfe der Gestützten Kommunikation eigene Worte unterzuschieben und anschließend sogar selbst an die Echtheit dieser schriftlichen Äußerungen zu glauben.
Und: Die Befunde erhellen nicht nur das Phänomen der Gestützten Kommunikation. Sie werfen auch die Frage auf, ob wir im Alltag immer sicher sagen können, was wir selbst anrichten und was uns widerfährt.
Um zu klären, wer das Geschriebene wirklich hervorbringt, muss man Fragen stellen, deren Antworten nur der Behinderte kennt, nicht aber der Stützer. Bei meinem Besuch habe ich Thomas für die Mutter unsichtbar das Bild einer Badewanne gezeigt. Was ist das? „ Marmelade”, tippt Thomas.
So gehen solche Experimente meistens aus – es gibt inzwischen entsprechende Versuchsreihen mit Hunderten von gestützten Teilnehmern. „In keiner einzigen Untersuchung”, bilanziert Susanne Nußbeck, „ist je auch nur annähernd der volle Umfang der behaupteten Fähigkeiten bestätigt worden.”
Das gilt auch für die wichtigste deutsche Studie, die vom Bayerischen Sozialministerium gefördert und im Jahr 2000 veröffentlicht wurde. Einer der Autoren, Konrad Bundschuh, Professor für Sonderpädagogik an der Universität München, sieht darin bewiesen, dass Gestützte Kommunikation zumindest für manche Menschen „eine valide Kommunikationsmethode” darstellt. Doch die Ergebnisse seiner Untersuchung widersprechen dieser Schlussfolgerung. Bei der Münchener Studie saßen die Gestützten nicht am Computer, sondern mussten bei Rechenaufgaben und anderen Problemen auf eine von vier möglichen Lösungen zeigen. Nur in der Hälfte der Fälle deuteten sie auf die richtige Zahl oder das richtige Bild. So drängt sich die Frage auf: Wie soll jemand verständlich schreiben können, wenn er schon bei nur vier Wahlmöglichkeiten jedes zweite Mal die korrekte Antwort verfehlt?
Da ist es eher von akademischem Interesse, dass die Teilnehmer immerhin doppelt so viele Treffer landeten, wie bei rein zufälligem Raten zu erwarten wären. Die Psychologin und FC-Kritikerin Allmuth Bober hat dafür eine Erklärung: Als Stützerin fungierte bei allen Münchener Versuchen die Studienmitarbeiterin Andrea Basler-Eggen. Sie kannte alle Aufgaben, denn sie hatte sie entworfen. Zwar konnte sie nicht sehen, welche Aufgabe die so genannte Präsenterin den meist autistischen Probanden gerade zeigte, doch sie hatte Blickkontakt zu ihr. Daher sei es „vorstellbar, dass unbewusst gegebene Hinweisreize das Erraten der richtigen Lösungsecke erleichtert haben”, meint Allmuth Bober.
Die Kritiker vermuten: Wenn Stützer die richtigen Antworten kennen, können sie etwa beim Halten am Ellenbogen einen Gestützten so steuern, dass er einigermaßen regelmäßig auf die korrekten Antworten zeigt oder die passenden Computer-Tasten drückt. Deshalb gehen die Versuche schief, wenn die Stützer die Antworten nicht kennen.
Befürworter der FC haben eine andere Erklärung. Als Thomas’ Mutter den Grund für das Scheitern unseres kleinen Tests wissen will, tippt er mit ihrer Hilfe: „Weil mir Sicherer ist Wenn du Weißt was Ich sehe.” Auch Christiane Nagy vom FC-Netz macht „ Störfaktoren wie Ängste, Unsicherheit, Konzentrationsprobleme” für die Fehlschläge bei den Experimenten verantwortlich.
Doch die Gestützten tippen durchaus – sogar Begriffe, die sie gar nicht wissen können. Das beweisen mindestens zwei Dutzend Versuche, in denen Stützer und Gestützte – oft ohne es zu ahnen – verschiedene Aufgaben bekamen. Allmuth Bober schildert das typische Resultat: „Wenn der Schreiber eine Cola gezeigt bekommt und der Stützer ein Bier, dann schreibt der Schreiber ‚BIER‘.” Da der Gestützte vom Bier nichts wusste, muss er gesteuert worden sein.
Skeptiker halten die Gestützte Kommunikation für eine spezielle Form des automatischen Schreibens. Dieses Phänomen lässt sich etwa mit Hilfe von Hypnose erzeugen: Ein Arm der Versuchsperson wird in eiskaltes Wasser getaucht, was normalerweise sehr weh tut. Wegen der Hypnose spürt die Versuchsperson bewusst keinen Schmerz. Doch mit ihrem anderen Arm schreibt sie detailliert, aber automatisch nieder, wie die Qualen zunehmen. Offensichtlich wickelt unser Gehirn selbst komplizierte Aufgaben ab, ohne dass wir es bewusst mitbekommen – etwa, wenn wir hinter dem Autosteuer angeregt mit jemandem sprechen und währenddessen den Wagen automatisch weiter durch die Kurven lenken.
Aber können so lange Texte, wie ein gestützter Autist sie produziert, tatsächlich „automatisch” geschrieben werden? Der Heidelberger Pädagogik-Professor Theo Klauß, der als einer von wenigen Akademikern die Wirksamkeit von FC nicht ausschließt, bezweifelt dies. Kurioses am Rande: Anfang des vergangenen Jahrhunderts verfasste die Hausfrau Pearl Curran Tausende von Seiten automatisch – diktiert angeblich von einer seit Jahrhunderten toten Engländerin.
Bleibt die Frage, wie die Gedanken der Stützer auf die Gestützten übertragen werden. Eine japanische Studie kam einer subtilen Steuerung auf die Spur. Versuchsperson war die nicht sprechende Autistin J., die mit Hilfe ihrer stützenden Mutter sogar Gedichte und Aufsätze zu Papier brachte. Zeitlupen-Aufnahmen zeigten: Der Zeigefinger von J. machte schnelle Suchbewegungen über der Computertastatur, bevor er schließlich die richtige Taste drückte. Was passierte in den Augenblicken vorher?
Die Forscherin Emiko Kezuka ließ eine spezielle Apparatur bauen, mit der sie die Kraft messen konnte, welche die Mutter auf die Hand von J. ausübte. Tatsächlich stieg diese Kraft immer dann leicht an, wenn J. beim Suchen über der richtigen Taste war und Anstalten machte, sie wieder zu verlassen. Das Mädchen musste dann nur noch diese Taste drücken.
Aber würden die Stützer es nicht merken, wenn sie Einfluss nehmen – und damit aufhören? Verblüffenderweise nein. Der Psychologe Daniel Wegner von der Elite-Universität Harvard versetzte Studenten in einem Experiment mit etwas abgewandelter FC in die Rolle von Stützern. Der Gestützte war ein Komplize des Versuchsleiters. Anders als die studentischen Versuchspersonen glaubten, hörte der Schreiber in seinem Kopfhörer die Fragen nicht und konnte sie folglich auch nicht beantworten. Dennoch waren viele Studenten bei der Nachbefragung überzeugt, dass die vielen korrekten Antworten von ihm kamen. Der Effekt war besonders ausgeprägt, wenn den Teilnehmern zu Beginn FC als effektive Methode vorgestellt worden war.
Wegners Erklärung: Zwar glauben wir zu spüren, ob wir unsere Finger rühren oder jemand anders sie bewegt. Aber diese interne Rückmeldung ist „oft erstaunlich schwach”. Tatsächlich ist das Gefühl, der Handelnde zu sein, oft bloße Interpretation und somit beeinflussbar – etwa durch den Glauben an FC.
Zuweilen werden die Wohlmeinenden abrupt aus ihrer Illusion gerissen. Der Berliner Lehrer Jörg Schäfer stützte einen der autistischen Zwillinge Konstantin und Kornelius Keulen beim Übersetzen eines lateinischen Textes, als etwas Merkwürdiges geschah: „Ich war in Gedanken schon weiter. Plötzlich schreibt der Junge einen Namen hin, der erst in dem Abschnitt auftaucht, an den ich gerade gedacht hatte.”
Konstantin und Kornelius sind nicht die Einzigen, die es zumindest zeitweise auf reguläre Schulen schafften. Bundesweite Zahlen gibt es ni cht. Doch allein in Baden-Württemberg wurden vor sechs Jahren 40 scheinbar bildungshungrige Behinderte gezählt, die mit Stützern zum Unterricht erschienen. Auch Thomas hat in einem Gymnasium hospitiert. Per Fernschule hat er den Hauptschulabschluss mit der Durchschnittsnote 2,6 geschafft – natürlich gestützt. Jetzt ist er für die Realschule eingeschrieben.
Dank FC habe sich Thomas „total verändert”, berichtet seine Mutter. Er kann etwa doppelt so viele Wörter sprechen wie noch vor vier Jahren. Der Pfarrer hält ihn für so verständig, dass er ihn taufte. ■
Jochen Paulus
Ohne Titel
So viele Rätsel wie der Autismus gibt kaum eine andere Entwicklungsstörung auf. Die Kinder wirken auf den ersten Blick normal. Doch sie verhalten sich seltsam: Sie neigen zu Ticks und sind oft fasziniert von mechanischen Dingen. Zu anderen Menschen finden sie keinen Draht. Sie meiden Blickkontakt und sprechen gar nicht oder bestenfalls unpersönlich. Jedes 500. Kind ist autistisch, Jungen viermal häufiger als Mädchen. Viele, aber nicht alle Autisten sind geistig behindert. Deshalb – und wegen der Verhaltensprobleme – schaffen es nur wenige in reguläre Schulen, häufig dank spezieller Förderung. Die anderen besuchen Sonderschulen.
Die Ursachen des Autismus sind unbekannt, müssen aber wohl im Gehirn gesucht werden. Dafür spricht, dass die Störung zu einem guten Teil vererbt wird. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft an Röteln erkrankt, zu viel Alkohol oder bestimmte Medikamente zu sich nimmt, kann dies ebenfalls Autismus auslösen.
Viele Behandlungen wurden an autistischen Kindern ausprobiert, wirklich heilen kann bislang keine. Eine gewisse Wirkung haben Medikamente wie Haldol, die normalerweise gegen Psychosen eingesetzt werden. Völlig ungesichert ist dagegen der Erfolg heilpädagogischer Ansätze. Dabei sollen etwa Bewegungsübungen die angeblich gestörte Integration verschiedener Sinneseindrücke normalisieren. Die Festhaltetherapie geht davon aus, dass die Bindung des Kindes zur Mutter gestört ist. Sie soll verbessert werden, indem die Mutter das Kind auch gegen dessen Willen beherzt in den Armen festhält.
Noch am besten belegt ist der Nutzen extrem aufwendiger psychologischer Trainingsprogramme, die praktisch den ganzen Tag des Kindes ausfüllen. Durch Lob und kleine Belohnungen lernt es, ein rotes Bauklötzchen zu berühren, wenn es dazu aufgefordert wird. Auch die sprachlichen Fähigkeiten lassen sich auf diese Weise deutlich verbessern.
Ohne Titel
· Autisten sind in sich zurückgezogen.
· Das „gestützte” Tippen auf einer Computertastatur scheint ihnen einen Weg aus der Isolation zu öffnen.
· Doch die „Stützer” könnten die wahren Schreibenden sein – unbewusst.





