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Gesellschaft+Psychologie

Hungern nach Sozialkontakten

Isolation
Soziale Isolation trifft momentan mehr Menschen als sonst. (Bild: Xesai/ iStock)

Wenn Menschen gezwungenermaßen von anderen isoliert sind, empfinden sie nach kurzer Zeit ein gesteigertes Verlangen nach sozialer Interaktion. Sehen sie dann Bilder von Personen, die sich unterhalten, gemeinsam lachen oder anderweitig miteinander interagieren, reagieren sie ähnlich wie Hungrige, die ein Bild ihrer Leibspeise sehen. Wie Forscher anhand von MRT-Aufnahmen nachgewiesen haben, werden in beiden Fällen die gleichen Regionen im Mittelhirn aktiviert. Der Fokus der Aufmerksamkeit verengt sich dabei auf den Gegenstand des Verlangens, während andere Stimuli weniger reizvoll wirken.

Im Zuge der Corona-Pandemie haben viele Menschen ihre Kontakte deutlich reduziert, um eine Ansteckung zu vermeiden. Doch wer chronisch einsam ist, leidet oft unter zahlreichen körperlichen und psychischen Konsequenzen. Dazu können Müdigkeit, Nervosität, Schlafprobleme und Depressionen zählen, wie Studien zeigen. Selbst eine vergleichsweise kurze soziale Isolation macht sich demnach in unserer Hirnaktivität bemerkbar. Schon früher haben Untersuchungen an Mäusen gezeigt, dass zeitweise allein gehaltene Tiere eher zu Suchtverhalten neigen und besonders stark nach sozialen Kontakten suchen. Vermittelt wird dieses Verhalten durch dopaminerge Neuronen im Mittelhirn. Diese sind Teil des Belohnungssystems, das sowohl auf positive Sozialkontakte als auch auf Suchtmittel reagiert.

Unangenehme Isolation

Ein Team um Livia Tomova vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat nun experimentell erhoben, wie sich vorübergehende soziale Isolation auf Menschen auswirkt. Dazu schnitten sie 40 Probanden zehn Stunden lang von jeglicher zwischenmenschlichen Interaktion ab: Allein in einem Raum, durften sie sich lediglich mit nicht sozialen Aktivitäten wie Sudoku, Puzzles und Texten ohne sozialen Inhalt beschäftigen. Verboten waren neben persönlichen Kontakten auch digitale Kommunikation sowie Spiele oder fiktionale Texte mit sozialer Komponente.

Zum Vergleich sollten die gleichen Probanden an einem anderen Tag zehn Stunden lang fasten und außer Wasser nichts zu sich nehmen. Zu Beginn der Studie sowie nach der Isolation und dem Fasten gaben die Probanden jeweils an, wie sehr sie sich nach sozialen Kontakten oder Essen sehnen. Außerdem durchliefen sie einen MRT-Scan, bei dem ihnen verschiedene visuelle Stimuli präsentiert wurden: Bilder von ihren Lieblingsgerichten, von sozialen Aktivitäten oder als Vergleich von Blumen. Um die Ergebnisse möglichst vergleichbar zu machen, nutzten die Forscher Fotos von Bildagenturen. Die abgebildeten Personen waren den Probanden also nicht bekannt. In einer vorangehenden Befragung hatten sie jedoch angegeben, entsprechende soziale Aktivitäten – etwa Gespräche oder gemeinsames Herumalbern – als angenehm zu empfinden.

Charakteristische Hirnaktivität

Erwartungsgemäß gaben alle Probanden nach dem Fasten an, hungrig zu sein und sich deswegen unwohl zu fühlen. Nach zehn Stunden Isolation gaben 36 von 40 Probanden an, dass sie sich einsamer fühlen als zuvor, sich nach sozialen Kontakten sehnen und unzufrieden mit der Isolation sind. „Beide Formen des Entzugs rufen also das ein Verlangen hervor, das zu wenig erfüllte Bedürfnis zu befriedigen, einhergehend mit generellem Unwohlsein und verringerter Fröhlichkeit“, folgern die Forscher. Dabei weisen sie darauf hin, dass es herausfordernd ist, experimentell ein Gefühl von Einsamkeit hervorzurufen: „Einsamkeit ist nicht einfach ein Produkt von objektiver Isolation. Menschen können allein sein, ohne Einsamkeit zu empfinden, oder sie können sich inmitten einer Menschenmasse einsam fühlen.“

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Bei den MRT-Scans fokussierten sich die Forscher besonders auf die Substantia Nigra sowie das ventrale tegmentale Areal im Mittelhirn. Diese Regionen sind reich an Neuronen, die den Botenstoff Dopamin ausschütten und die eine Rolle bei Sucht und Verlangen spielen. Von Mäusen ist bereits bekannt, dass diese Hirnregionen an der Reaktion auf sozialen Entzug beteiligt sind. Wie die Hirnscans ergaben, reagierten diese Areale auch bei den Probanden: Nach dem Fasten waren die Reaktionen auf Bilder von Nahrung deutlich stärker als auf Bilder von sozialen Aktivitäten. Nach der Isolation hingegen wurden die entsprechenden Hirnregionen stärker durch Bilder von interagierenden Menschen aktiviert als durch Bilder von Nahrungsmitteln. Die Reaktion fiel umso deutlicher aus, je einsamer sich die Probanden laut ihren Antworten im Fragebogen fühlten.

„Insgesamt legen diese Ergebnisse nahe, dass die Substantia Nigra und das ventrale tegmentale Areal eine verstärkte Reaktion auf soziale Reize nach sozialer Isolation zeigen, wobei das räumliche Muster der Reaktion auf Nahrungsreize bei Hungrigen ähnelt“, schreiben Tomova und Kollegen.

Interaktion als menschliches Grundbedürfnis

Zur Überraschung der Forscher war die Hirnreaktion auf den jeweils ersehnten Reiz allerdings nur unwesentlich stärker als im anfänglichen Scan, bei dem die Probanden weder auf Nahrung noch auf Sozialkontakte verzichten mussten. Der Unterschied zwischen den Stimuli ergab sich stattdessen dadurch, dass die Probanden hinterher schwächer auf alle anderen Reize reagierten. Die Forscher erklären: „Zu Studienbeginn kann die Motivation der Teilnehmer auf mehrere Belohnungsquellen verteilt gewesen sein. Ein spezifischer akuter Entzug kann dazu führen, die Motivationsreaktion des Gehirns auf das vernachlässigte Bedürfnis einzugrenzen und zu fokussieren, anstatt die Reaktion selbst zu verstärken. Wird ein Bedürfnis nicht befriedigt, könnte das demzufolge die Motivation verringern, andere Bedürfnisse zu verfolgen.“

An der Studie nahmen nur Personen teil, die ein stabiles soziales Netz haben und regelmäßig Kontakt zu Freunden pflegen. Je intensiver ihre üblichen sozialen Aktivitäten waren, desto stärker vermissten sie nach der Isolation soziale Kontakte und desto deutlicher fielen ihre Hirnreaktionen aus. Die Forscher schränken daher ein, dass die Ergebnisse womöglich nur eingeschränkt auf Menschen übertragbar sind, die ohnehin nur wenige soziale Interaktionen pflegen, etwa alte Menschen, die besonders anfällig für Vereinsamung sind.

Gerade angesichts der Corona-Pandemie, die für weite Teile der Bevölkerung zu einer Einschränkung ihrer sozialen Kontakte führt, sei daher weitere Forschung erforderlich – auch in Hinblick darauf, inwieweit digitale Kommunikation persönliche Treffen ersetzen kann. „Insgesamt passen unsere Ergebnisse zu der intuitiven Idee, dass positive soziale Interaktionen ein menschliches Grundbedürfnis sind, und dass akute Einsamkeit eine unangenehme Situation darstellt, die Menschen dazu motiviert, das wiederzuerlangen, was ihnen fehlt, ähnlich wie bei Hunger.“

Quelle: Livia Tomova (Massachusetts Institute of Technology, Cambridge) et al., Nature Neuroscience, doi: 10.1038/s41593-020-00742-z

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