Musik ist tief in unserer Geschichte und unserer Natur verankert. Schon unsere frühen Vorfahren waren musikalisch: Sie trommelten und sangen wahrscheinlich bei Ritualen, Festen oder alltäglichen Arbeiten, wie Funde von steinzeitlichen Musikinstrumenten belegen. Und sogar Affen scheinen ein Sinn für Musik zu besitzen, denn sie können beispielsweise erkennen, ob eine Melodie vollständig ist, wie Experimente belegen. Doch welche Aspekte unserer musikalischen Vorlieben und Eigenheiten auf diese biologischen Wurzeln zurückgehen und welche kulturell geprägt und damit von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind, ist bisher erst in Teilen geklärt. So haben Forscher beispielsweise herausgefunden, dass das, was wir als harmonisch oder aber dissonant empfinden, keineswegs allgemeingültig ist – es gibt Naturvölker, die auch dissonante Akkorde als durchaus harmonisch empfinden. Umgekehrt scheint eine Vorliebe für bestimmte rhythmische Grundmuster weltweit relativ einheitlich zu sein.
Verwandte Töne
Einen weiteren Aspekt unseres Musikempfindens haben nun Nori Jacoby vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt und seine Kollegen untersucht. Sie wollten wissen, ob die Fähigkeit Tonhöhen zu erkennen und nachzusingen eher kulturell oder biologisch geprägt ist. Konkret ging es unter anderem um die Frage, ob alle Menschen Töne, die genau eine Oktave auseinanderliegen, als verwandt und als bloße Höhenvarianten desselben Grundtons erkennen. Physikalisch gibt es diese Verwandtschaft: Sie äußert sich darin, dass die Frequenzen beispielsweise des Tons “A” sich von Oktave zu Oktave verdoppeln. Töne mit den Frequenzen 55, 110 oder 220 Hertz sind daher zwar alle unterschiedlich hoch, aber immer handelt es sich um ein “A”.
Für ihre Studie besuchten Jacoby und seine Kollegen das Naturvolk der Tsimane im Regenwald von Bolivien. Dieses noch sehr ursprünglich lebende Volk ist bisher kaum mit der westlichen Kultur in Kontakt gekommen und kennt weder Strom noch Unterhaltungselektronik. Daher hatten sie auch kaum Gelegenheit, westliche Musik kennenzulernen. Das gab den Forschern die Chance, die für diese Kultur spezifischen Musikfähigkeiten und -vorlieben zu untersuchen. Im Test spielten sie den Tsimane-Probanden einfache Tonintervalle vor – beispielsweise die Notenfolge A-C-A – und baten sie, diese nachzusingen. Der Clou jedoch: Die Tonfolgen lagen teilweise in einem Höhenbereich, der für Menschen schwer nachzusingen ist, deshalb mussten die Testteilnehmer die Tonfolgen auf eine für sie singbare Höhe transponieren. Den gleichen Test führten die Forscher zum Vergleich bei einer Gruppe von US-Bürgern durch.
Kein Sinn für Oktaven
Es zeigte sich: Die Tsimane konnten die relativen Intervalle der Tonfolgen genauso akkurat nachsingen wie die amerikanischen Versuchspersonen. Bei der absoluten Tonhöhe aber gab es einen entscheidenden Unterschied: Während die US-Probanden bei zu hohen oder zu tiefen Tönen die Tonfolge unbewusst um genau eine oder zwei Oktaven transponierten, verschoben die Tsimane die Tonhöhen willkürlich. “Ihre absoluten Tonhöhen hatten keinerlei Beziehung zur absoluten Tonhöhe der Ausgangsfolgen”, berichtet Jacoby. Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass der Sinn für die Verwandtschaft von Tönen, die genau durch eine Oktave getrennt sind, offenbar nicht kulturübergreifend vorhanden ist. “Es kann zwar sein, dass es eine biologische Prädisposition für die Vorliebe für Oktavenbeziehungen gibt, aber diese scheint nur dann zum Tragen zu kommen, wenn man häufig Musik hört, die auf einem Oktaven-basierten System beruht“, erklärt Co-Autor Josh McDermott vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).





