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Gesellschaft+Psychologie

KLINKEN PUTZEN FÜR DIE WISSENSCHAFT

Bei der größten deutschen sozialwissenschaftlichen Erhebung SOEP werden seit 27 Jahren Tausende von Bundesbürgern befragt. bild der wissenschaft hat in die Daten-Schatztruhe der Forscher geschaut.

Mütter sind glücklicher, wenn sie Vollzeit arbeiten. Migrantinnen passen sich der Geburtenrate deutscher Frauen an. Scheidungskinder greifen eher zur Zigarette als Gleichaltrige, die von den Eltern gemeinsam groß gezogen werden. Haustiere wirken sich positiv auf die Gesundheit aus. Wer an Schicksal glaubt, wird besser mit dem Tod des Partners fertig. Religiöse Menschen fühlen sich wohler. Die Einkommensschere zwischen West- und Ostdeutschland wird wieder größer statt kleiner.

Sozialwissenschaften – dröge und langweilig? Wer das behauptet, kennt Jürgen Schupp und Gert G. Wagner nicht. Die beiden Professoren sind kaum zu bremsen, wenn sie Ergebnisse ihrer Studien referieren. Mit Ausnahme dessen, was in deutschen Betten vor sich geht, verfügen die beiden über Daten aus so ziemlich allen Lebensbereichen. Wie wir wohnen, wie viel wir im Portemonnaie haben, ob wir sparen, wie unsere Familienverhältnisse sind, wer im Haushalt mit anpackt, was uns Sorgen bereitet, selbst wie gut und wie lange wir schlafen.

Ihr Wissen verdanken die beiden einem Dauerbrenner der empirischen Sozialforschung, dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP, gesprochen „Söpp“). Für diese Langzeiterhebung, finanziert von Bund und Ländern im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft, sammeln Wagner und Schupp mit einem Team von mehr als 50 Kollegen Daten von Haushalten und Personen aus ganz Deutschland, ohne selbst einen einzigen der Befragten zu kennen. Die Fragen zum „Leben in Deutschland“ stellt „TNS Infratest Sozialforschung“ im Auftrag des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), wo das SOEP zu Hause ist. Allein 2010 waren bundesweit mehr als 500 Interviewer des Münchner Umfrageinstituts zu Besuch in 11 500 Haushalten, um Informationen über 24 225 Menschen einzuholen.

Diese Daten helfen nicht nur der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern geben auch Politikern für viele Entscheidungen das statistische Fundament. Und das ist solide, denn mittlerweile verfügt die SOEP-Gruppe über Millionen von repräsentativen Fakten und Einschätzungen aus 27 Jahren. Nach Möglichkeit werden jedes Jahr immer wieder dieselben Personen befragt. SOEP-Chef Wagner vergleicht die Studie mit dem Deutschen Wetterdienst, der ein dichtes Netzwerk aus Messstationen unterhält. „Die gesammelten Werte machen es möglich, Wetter und Klima zu beschreiben und immer besser zu prognostizieren.“ Auf das SOEP übertragen bedeutet das: Je mehr Vergleichsdaten zur Verfügung stehen, desto besser lässt sich analysieren und vorhersagen, wie Menschen handeln und was sie dabei beeinflusst.

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UNZUFRIEDEN VOR DEM Tod

Selbst Aussagen zum Todeszeitpunkt kann man mit den Zahlen treffen. Er lässt sich für den Einzelnen freilich nicht vorhersagen, doch Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Lebenszufriedenheit ein paar Jahre vor dem Tod deutlich sinkt – und zwar unabhängig vom Alter. Das gilt natürlich nur, „wenn der Tod nicht überraschend, etwa durch einen Unfall oder eine kurze schwere Erkrankung, herbeigeführt wird“, sagt Denis Gerstorf. Der Entwicklungspsychologe von der Pennsylvania State University ist einer von über 500 Forschern weltweit, die die Daten aus Deutschland für ihre Untersuchungen nutzen.

Weil die Datensammler schon vor Beginn der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion auch die ostdeutschen Bürger nach ihren Befindlichkeiten befragten, wissen sie auch, dass die unterschiedlichen Lebens- bedingungen vor der Wiedervereinigung noch 20 Jahre später Einfluss auf das Lebensende haben: Wer in der DDR gewohnt hat, verliert seine Zufriedenheit vor dem Tod einige Monate früher als die Mitbürger aus dem Westen.

EINMAL ARM oder IMMER ARM?

Bereits Ende der 1960er-Jahre suchte Hans-Jürgen Krupp, Professor für Volkswirtschaft und Gründungsvater des Panels, nach einer Methode, mit der sich soziale Veränderungen genau messen und darstellen lassen. Zweierlei hatte er dabei im Blick, was damals hochinnovativ war: Längsschnittstudien und elektronische Datenverarbeitung. Für viele Themen sei es unverzichtbar, die Menschen immer wieder zu befragen. Krupp betont: „Schließlich ist es ein Unterschied, ob jemand vorübergehend arbeitslos oder arm ist, oder ob das ein Zustand von Dauer ist.“

Solche Unterschiede zu erkennen, ist die Stärke des SOEP. In Dauer und Größe der Stichprobe unterscheidet sich die älteste deutsche Längsschnittstudie deutlich von anderen Erhebungen hierzulande. Das Allensbacher Institut für Demoskopie und die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung erstellen in der Regel Querschnittsanalysen – das geschieht zwar auch häufiger, doch die erhobenen Daten werden nicht miteinander verbunden. Selbst der Mikrozensus, die repräsentative Bevölkerungserhebung des Statistischen Bundesamts, ist nicht mit dem Panel vergleichbar. Wer an dieser Ein-Prozent-Stichprobe teilnimmt, wird maximal viermal befragt. Andere sozialwissenschaftliche Langzeitstudien wie das Beziehungs- und Familienentwicklungspanel PAIRFAM, die Nationale Bildungsstudie NEPS oder der Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) sind noch jung und in ihrem Themenspektrum spezialisiert, vom Design her aber ähnlich wie das SOEP. In den USA haben Ökonomen der University of Michigan schon 1968 mit der „Panel Study of Income Dynamics“ (PSID) ein ähnliches Projekt ins Leben gerufen. Doch während dieses amerikanische Vorbild ausschließlich wirtschaftliche Daten erhob, war die deutsche Untersuchung von Anfang an breit gefächert. Fragen zu Verhaltensweisen, Zeitverwendung und Lebenszufriedenheit ergänzen solche nach Einkommen und Ausgaben.

NEUGEBORENE IM FOKUS

SOEP-Wissenschaftler tüfteln gemeinsam mit Psychologen um Ulman Lindenberger am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ständig an der Weiterentwicklung der Fragebögen. Die sind mit den Jahren viel umfangreicher geworden, spürbar vor allem für junge Eltern. Denn 2002 rückten erstmals Neugeborene in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Seither berichten Mütter und Väter alle zwei Jahre, wie sich ihre Kinder entwickeln. Die Forscher betrachten die Fortschritte der Kleinen nicht isoliert, sondern berücksichtigen auch familiäre und finanzielle Hintergründe, um erkennen zu können, was dem Nachwuchs nutzt und was ihm schadet.

Wenn „Infratest Sozialforschung“ alle Jahre wieder kurz vor Weihnachten die erhobenen Daten nach Berlin liefert, sind diese bereits vollständig anonymisiert und den Interviewpartnern nicht mehr zuzuordnen. Für die Statistiker der SOEP-Gruppe um den Sozialökonomen Joachim R. Frick bleibt dennoch reichlich Arbeit, damit die datenhungrige Forschergemeinde die Zahlen im folgenden Sommer nutzen kann. Es müssen Datenlücken gefüllt werden, vor allem über Einkünfte, denn diese werden oft nicht angegeben. Kommt das bei einer Person nur einmal vor, picken sich die Statistiker die Einnahmen der Jahre davor heraus und setzen deren Mittelwert multipliziert mit der allgemeinen Wachstumsrate ein. Schwieriger wird es, wenn ein Befragter dauerhaft seine Einnahmen verschweigt. Dann werden per Computer statistisch vergleichbare Personen ermittelt, und der Zufallsgenerator wählt eine davon aus. Deren Einkommen füllt dann die Lücke des Verweigerers. Über die Jahre ist so ein gigantischer Datenschatz entstanden. Mehr als 6000 Beiträge sind bisher mit dem SOEP-Material publiziert worden, jährlich kommen mehr als 500 dazu.

So beruht ein Großteil der Glücksforschung des amerikanischen Psychologen Ed Diener auf Daten der deutschen Längsschnittstudie (Interview in bild der wissenschaft 12/2010, „Weniger Schleim in der Nase“). Immer wieder staunen selbst Wagner und Schupp, auf welche Fragen das Panel Antworten gibt. Zum Beispiel darauf, welchen Einfluss die Luftqualität auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen hat, die in der Windfahne von Kohlekraft- werken wohnen. Weil sich mit der „Groß- feuerungsanlagen-Verordnung“ die Lebensumstände ab den 1990er-Jahren änderten, konnte der Schweizer Ökonom Simon Lüchinger die Daten zum Wohlbefinden vor und nach der gesetzlich verordneten Luftreinheit untersuchen. Ergebnis: Wer frischere Luft atmet, fühlt sich nicht nur gesünder, er ist auch zufriedener mit seinem Leben.

Noch für eine andere Überraschung hat das SOEP gesorgt: Cindy, Mandy und Mike hat es nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch im Westen immer schon gegeben. „In der DDR waren die Namen zwar etwas populärer“, sagt der Berliner Soziologe Denis Huschka, „ eigentlich aber sind das westliche Vornamen, die im Osten durch verbotene amerikanische Fernsehserien bekannt waren. Wahrscheinlich wurden sie genau deshalb benutzt.“ Die Vornamen hat Huschka nicht etwa aus den Adressdaten der Befragten gezogen, sondern sie wurden unter strengen Datenschutzbestimmungen gesondert erhoben.

Dass sie Stoff für eine derartige Bandbreite wissenschaftlicher Ergüsse liefern, können ein Elektromechaniker und seine Frau aus Berlin-Treptow kaum glauben. Die beiden gehören zu den 2017 Personen, die seit 1984 bereitwillig Auskunft über ihr Leben geben. Und sie haben zugestimmt, für diesen bdw-Artikel befragt zu werden. Weil auf Datenschutz größten Wert gelegt wird und bis auf den Interviewer von Infratest niemand die Teilnehmer persönlich kennt, wurde der Wohnort des Ehepaars geändert, und die beiden bleiben anonym.

Warum ausgerechnet sie 1984 für die Studie ausgewählt wurden, ist ihnen bis heute schleierhaft. „Das nachzuvollziehen, ist tatsächlich nicht einfach“, bestätigt Infratest-Interviewerin Christina Lendt. Beim „Random-Route-Verfahren“ entscheidet der Zufall: In einem Wahlbezirk wird zufällig ein Standort ausgewählt, von dem aus der Interviewer eine vorgeschriebene Route abschreitet und zum Beispiel den Namen an jedem dritten Klingelschild notiert. Dieser Haushalt wird dann vom Umfrageinstitut angeschrieben und auf den Besuch des Mitarbeiters vorbereitet. Das Verfahren ist aufwendig, stellt aber sicher, dass die Studie repräsentativ ist, weil so für jeden Haushalt die Wahrscheinlichkeit, befragt zu werden, gleich groß ist. Für das Berliner Ehepaar ist der Besuch ihres Interviewers längst zur guten Gewohnheit geworden. Wenn er sich kurz nach dem Jahreswechsel telefonisch ankündigt, wissen die beiden, dass sie ihre Rentenunterlagen, die jüngste Stromrechnung und weitere Materialien bereitlegen sollten, damit das Interview reibungslos über die Bühne gehen kann. Das findet auch heute, wo Online- und Telefonumfragen üblich sind, persönlich statt. Am Ende des Interviews winkt als Lohn ein Los der ARD-Fernsehlotterie.

NATÜRLICHER SCHWUND

Nach knapp zwei Stunden ist für das Ehepaar die SOEP-Mitarbeit für ein Jahr erledigt. Früher, als ihr Sohn noch im Haushalt wohnte, dauerte es länger. Der Sohn nimmt inzwischen mit Frau und Kind im eigenen Haushalt an der Studie teil. „Das ist der Idealfall“, sagt Wagner. „So verlieren wir niemanden, und die Stichprobe wächst auf natürliche Weise weiter.“ Aber das ist nicht die Regel. Etwa ein Drittel der Kinder hat keine Lust, weiter die Neugierde der Wissenschaftler zu befriedigen.

Mit einem Schwund von jährlich fünf Prozent müssen die Verantwortlichen leben. Das ist ein Verlust, den auch international vergleichbare Studien aufweisen. Neben den USA und Deutschland gibt es ähnliche Panels in Großbritannien, Kanada, Südkorea, Australien und der Schweiz. Die erhobenen Zahlen dieser sieben Länder fließen wiederum in ein „Megapanel“ ein, das sogenannte Cross-National Equivalent File (CNEF). Wissenschaftler der amerikanischen Cornell University bereiten die Länder-Daten in Zusammenarbeit mit dem DIW für ihre Kollegen so auf, dass auch international vergleichende Analysen zu wirtschaftlichen Aspekten und psychologischen Fragestellungen möglich sind.

MASSENBEFRAGUNG IN CHINA

Bald wird das CNEF um einen großen Datensatz erweitert. Denn 2010 haben Forscher der Universität Peking ein ehrgeiziges Projekt gestartet: die Chinese Family Panel Studies. Es soll laut dem Fachmagazin Science die größte Erhebung ihrer Art werden. Die Forscher erhoffen sich von der eigenen Untersuchung abseits von staatlich lancierten Zahlen Erkenntnisse darüber, wie sich die wirtschaftliche Entwicklung auf die Gesellschaft auswirkt, ob die Menschen vom Aufschwung profitieren und wie sich ihre Werte verändern. Bei einer Reise zu den westlichen Kollegen haben sich die Chinesen Anregungen von bestehenden Panels geholt, wie Qiu Zeqi, Direktor des Institute of Social Science Survey in Peking berichtet. Die eigens geschulten Interviewer haben ein enormes Pensum zu bewältigen: Sie sollen jedes Jahr an 16 000 Türen klingeln und 56 000 Menschen, sogar 100-Jährige, befragen. „Diese Stichprobe repräsentiert 95 Prozent unserer Bevölkerung“, sagt Professor Qiu Zeqi. Die Menschen in den Autonomen Gebieten in Tibet, Xinjiang und der Inneren Mongolei werden laut Science nicht in die Untersuchung einbezogen – vorwiegend aus logistischen Gründen: Es wäre zu teuer, Interviewer dorthin zu schicken, heißt es.

Auch die deutsche Studie spiegelt nicht 100 Prozent der Bevölkerung wider. Es fehlt die kleine, aber doch wichtige Gruppe der Obdachlosen, betont Wagner. Das ist bei einer Haushaltsbefragung schlicht ein methodisches Problem, das auch die geplante Vergrößerung der Stichprobe auf 20 000 nicht lösen wird. Diese Erweiterung hat der Wissenschaftsrat Ende 2009 empfohlen, nachdem er die Dauerstudie als „eine der wichtigsten Forschungsinfrastrukturen im Bereich der Sozial-, Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaften“ gewürdigt hat. „Höhere Fallzahlen“, meint Survey-Manager Schupp, „ermöglichen viel besser die Analyse von Untergruppen wie Alleinerziehenden oder Besserverdienenden und auch die einzelner Jahrgänge.“

Zusätzlich soll es künftig ein sogenanntes Innovationspanel mit 5000 Haushalten geben. Abgekoppelt von der Hauptstudie soll diese Erhebung Forschern die Möglichkeit bieten, spezielle Fragestellungen zu erörtern. Dabei sollen zudem „Biomarker“ erhoben werden – etwa genetische Informationen, die leicht per Speichelprobe eingeholt werden können. Die Forscher wollen so versuchen, genetische Grundlagen etwa der Lebenszufriedenheit oder der Risikobereitschaft zu finden. Wagner meint: „Würde man ein ¸Risiko-Gen‘ finden, hätte das bedeutsame Konsequenzen. Man könnte dann von risikoscheuen Menschen nicht verlangen, wie etliche Politiker das gerne tun, dass sie sich risikofreudiger verhalten, zum Beispiel mehr wirtschaftliche Wagnisse eingehen.“ ■

Die Berliner Journalistin KATHRYN KORTMANN ist erstaunt, wie viel Persönliches die Sozialwissenschaftler den Menschen entlocken.

von Kathryn Kortmann

MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Informationen zum SOEP und Veröffentlichungen über die Daten unter: www.diw.de/deutsch/soep/29004.html

LESEN

25 Jahre Leben in Deutschland – 25 Jahre Sozio-oekonomisches Panel Broschüre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unter: www.bmbf.de/pub/soep_leben_in_deutschland.pdf

„ZUWANDERER sind WAGEMUTIG“

Reichen die Hartz IV-Sätze zum Leben, Herr Professor Wagner?

Wenn man so rational rechnet wie die Erfinder der „Sozialhilfe“ , aus der Hartz IV hervorging, müssten sie reichen. Doch die Realität sieht leider so aus, dass viele von uns keine akribischen Buchhalter sind, die wirtschaften können, wie es andere auf dem Papier für sie erdacht haben. Eine gute Bildung für Kinder ist mit dem, was Hartz IV zugesteht, auf jeden Fall nicht zu bezahlen.

Brauchen wir die Rente mit 67?

Wir werden älter und auch gesünder älter. Da macht es wenig Sinn, auf die Ressourcen der Älteren zu verzichten. Nicht alle, aber viele wollen sogar arbeiten. Die Politik sollte jedoch Rahmenbedingungen finden, um auch denen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können, ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Was antworten Sie Thilo Sarrazin auf seine Thesen zur Integration?

Er hat unrecht, wenn er verkündet, dass bestimmte Zuwanderer aufgrund ihrer genetischen Anlagen weniger leistungsfähig seien. Allein deshalb, weil wir gar nicht wissen, ob – und wenn ja, welche – Gene die Leistungsfähigkeit steuern. Falls es so wäre, müssten Zuwanderer, die ja wagemutig sind, überdurchschnittlich leistungsfähig sein. Ob Integration von Zuwandererkindern gelingt, ist eine Bildungsfrage. Und leider ist das deutsche Bildungssystem schon vor der Einschulung nicht gut auf Migranten eingestellt.

Wie stark wird sich der demographische Wandel bemerkbar machen?

Das weiß ich nicht. Denn das, was da auf uns zukommt, ist ein neues Phänomen. Ich bin sehr skeptisch, ob noch nie da gewesene Ereignisse in ihren Auswirkungen überhaupt zu prognostizieren sind. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, möglichst viele Szenarien zu entwerfen, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Was halten Sie von einer verbindlichen Frauenquote in Wirtschaft und Politik?

Das ist nicht rein wissenschaftlich zu beantworten, wenngleich viele Untersuchungen zeigen, dass Ziele wie die Gleichberechtigung von Frauen in überschaubaren Zeiträumen nur mit Quoten zu erreichen sind. Und selbst mit Quoten ist es oft mühsam genug, weil immer wieder ganz raffiniert Argumente gesucht werden, die Vorgaben zu umgehen.

Stichwort Zensus 2011: Ist Informationsfluss wichtiger als Datenschutz?

Auf keinen Fall. Der Datenschutz wird in Deutschland sehr ernst genommen. Ich persönlich halte ihn angesichts der deutschen Vergangenheit mit Nazi- und Stasispitzel-Unwesen für ganz wichtig. Wir brauchen den Zensus 2011, um die amtliche Bevöl- kerungszahl möglichst fehlerfrei festzustellen, weil darauf die Verteilung der Finanzen in Deutschland und Europa beruht. Wenn Sie so wollen: Der Zensus ist für eine gerechtere Politik notwendig. Und Stichprobenerhebungen wie das SOEP werden in ihrer Aussagekraft davon profitieren, weil wir nur so Zahlen verlässlich hochrechnen können.

Wir fragen Sie nicht: Wie viel Politik verträgt die Wissenschaft? Sondern vielmehr: Wie viel Wissenschaft verträgt die Politik?

Jede Menge. Aber wir Wissenschaftler dürfen nicht als Besserwisser auftreten. Wir können mit unseren Daten und Analysen nur eine gute statistische Grundlage schaffen. Aber wir sollten uns davor hüten zu glauben, wir allein wüssten, was sachlich notwendig ist und welche Ziele die Gesellschaft verfolgen sollte. Wir dürfen nur Informations-Inputs in politische Prozesse geben. Entschieden werden muss anhand von Mehrheiten und Interessen.

Das Gespräch führte Kathryn Kortmann

KOMPAKT

· 2010 hat das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) Daten von 24 225 Menschen erhoben.

· Dank dieser Daten können Forscher präzise Aussagen zu Lebenszufriedenheit, Bildung, Wohlstand, Familie und vielen anderen Bereichen treffen.

· In China sollen bald jährlich 56 000 Menschen befragt werden.

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Erd|ap|fel  〈m. 5u〉 1 〈österr., süddt.〉 Kartoffel 2 = Topinambur ... mehr

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