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Manipulierte Träume
Robert Stickgold macht sich Sorgen. „Das kann unsere Erinnerungen verändern, Politiker können damit unsere Meinung manipulieren, und Süchtige drohen dadurch, in alte Gewohnheiten zurückzufallen“, warnt der Professor für Psychiatrie von der Harvard Medical School. „Dream-Hacking“ ist die Präsentation von Reizen vor…
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von DÉSIRÉE KARGE
Robert Stickgold macht sich Sorgen. „Das kann unsere Erinnerungen verändern, Politiker können damit unsere Meinung manipulieren, und Süchtige drohen dadurch, in alte Gewohnheiten zurückzufallen“, warnt der Professor für Psychiatrie von der Harvard Medical School. „Dream-Hacking“ ist die Präsentation von Reizen vor oder während des Schlafs, um Trauminhalte zu steuern.
Dabei ist Stickgold selbst Dream-Hacker. Er gehört zu den Pionieren seiner Zunft und wurde bekannt, als er vor gut 20 Jahren die Träume von Tetris-Spielern so manipulierte, dass sie die bunten Bausteinchen im Schlaf sahen. Inzwischen funktioniert die Methode mit jedem beliebigen Bild oder Gedanken: Gemeinsam mit Adam Horowitz vom Media Dreamlab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte Stickgold einen Trauminkubator namens Dormio – ein kleines Messgerät, das man wie eine Art Handschuh über Handgelenk und Mittel- sowie Zeigefinger zieht. Drei verschiedene Sensoren, die drahtlos mit einer App verbunden sind, ermitteln die Schlafdaten des Trägers. Dormio nutzt die „hypnagogische Schlafphase“: Das Gerät bittet seinen Träger, sich bestimmte Dinge vorzustellen, etwa „Denken Sie an einen Baum“. Wenige Minuten nach dem Einschlafen weckt Dormio den Probanden mit einem akustischen Signal, fragt nach seinem Traum und macht davon eine Audioaufnahme. In einer Studie mit 25 Probanden zeigten die Forscher kürzlich, dass mit dieser Technik die gewünschten Bilder tatsächlich geträumt wurden: Die Probanden wurden insgesamt 67 Mal aufgeweckt, 66 Mal erinnerten sie sich an ihren Traum – und 45 Mal kam darin ein „Baum“ vor. Entwickelt haben die Wissenschaftler Dormio eigentlich, um gezielt Einfluss auf die Trauminhalte etwa von Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung nehmen zu können. Doch seitdem erhielt das Forscherduo auch etliche Angebote, Trauminkubatoren für kommerzielle Zwecke zu entwickeln – und lehnte ab.
Auch andere Wissenschaftler haben Bedenken: Im Juni 2021 verfassten 38 Traum- und Schlafforscher einen offenen Brief, in dem sie die Gefahren der Technik aufzeigen, die sie selbst entwickelt haben. Bei Xbox, Playstation und Burger King wurde bereits in den Jahren zuvor zu Werbezwecken mit Traumforschern kooperiert. Doch zu dem kollektiven Aufschrei kam es erst, als US-Bierhersteller Molson Coors die Öffentlichkeit zur „weltweit größten Traumstudie“ einlud: Gemeinsam mit der bekannten Harvard-Traumforscherin Deirdre Barrett entwickelte die Firma ein Video, das die Betrachter zu Träumen über Bier animieren sollte. Die ersten Teilnehmer waren 18 Freiwillige in einem Schlaflabor. Aber zu Hause konnte jeder Amerikaner mitmachen – als Belohnung winkte eine 12er-Packung Freibier. Und Popstar Zayn Malik ließ sich sogar live auf Instagram einen „Coors“-Traum inkubieren. Ob die Coors-Verkaufszahlen daraufhin quasi über Nacht stiegen, ist nicht bekannt. Aber zumindest 5 der 18 Schlaflabor-Probanden gaben an, tatsächlich von Coors-Bier geträumt zu haben.
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Solche Aktionen mögen bizarr anmuten, und der kommerzielle Erfolg mag fraglich sein, doch sie sind alles andere als das Hirngespinst einiger weniger PR-Leute. Laut einer aktuellen Studie der American Marketing Association wollen von 400 befragten US-Firmen fast 80 Prozent innerhalb der nächsten drei Jahre Traumtechnologien für Werbezwecke einsetzen.
Vorlieben beeinflussen
Doch kann der Traum tatsächlich wahr werden und Dream-Hacking unsere Wünsche beeinflussen? Lusha Zhu hält das für möglich: „Dazu reicht bereits ein Mittagsschlaf, und man muss nicht einmal etwas von der Manipulation mitbekommen – anders als etwa bei dem Bier-Experiment.“
Zhu ist Neurowissenschaftlerin am Center for Life Science der Universität Peking. 2018 führte sie zum Dream-Hacking eine erste Studie durch. Dabei testete sie an 92 ahnungslosen Probanden, ob deren Vorliebe für einen bestimmten Snack im Schlaf beeinflussbar ist. Zunächst bekamen die Probanden Geld, um an einer Art Auktion mit 60 verschiedenen Snacks teilzunehmen. So ermittelte Zhu für jede Testperson ein Präferenz-Profil und erfuhr zudem, wie viel Geld diese bereit war, für bestimmte Snacks auszugeben. Dann identifizierte sie für jeden Probanden acht Snack-Paare (zum Beispiel Skittles und M&M für fünf Yen und Kekse und Chips für acht Yen) und bat die Hälfte der Teilnehmer ins Schlaflabor. Sobald diese in den Tiefschlaf gefallen waren, spielte Zhu im Zehn-Sekunden-Takt den Namen von nur jeweils einem Snack der acht ermittelten Artikel-Paare ein (zum Beispiel Skittles …, Kekse …). Wieder wach, mussten die Probanden aus den acht Snack-Paaren jeweils einen Snack auswählen. Das Ergebnis: 75 Prozent entschieden sich für den, dessen Namen sie im Schlaf gehört hatten. „Außerdem waren die Schläfer bereit, bei einer zweiten Auktion acht Prozent mehr dafür auszugeben“, sagt Zhu. Die Teilnehmer der Vergleichsgruppe, die wach geblieben und die Namen der acht Artikel gehört hatten, entschieden sich wie erwartet mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 zu 50.
Wie ist diese Manipulation zu erklären? „Schlaf hilft uns, Erinnerungen zu verfestigen. Und dazu gehören auch unsere Vorlieben“, erklärt die Forscherin. Das tiefschlafende Gehirn reaktiviert die Erinnerung immer und immer wieder und verfestigt damit die Gedächtnisspur. „Normalerweise haben wir im Schlaf keine Kontrolle darüber, welche Erinnerung gestärkt wird“, sagt Zhu, „aber mit der von uns verwendeten Targeted-Memory- Reactivation-Technik (TMR) können wir gezielt eine bestimmte Vorliebe stärken.“
Mit TMR haben auch andere Forscher gezeigt, dass das Verhalten durch im Schlaf präsentierte Stimuli manipulierbar ist: In einer 2019 von Ken Paller und seinem Team an der University of Illinois durchgeführten Studie erinnerten sich die Probanden nach einem Nickerchen besser an ein verstecktes Objekt auf einem Bildschirm, zum Beispiel an eine Katze, wenn ihnen während des Schlafs ein assoziiertes Geräusch, etwa „Miau“, vorgespielt wurde.
Auch olfaktorische Reize können manipulieren: Wenn schlafenden Rauchern Zigarettenrauch zusammen mit dem Geruch fauler Eier in die Nase steigt, greifen sie später um 30 Prozent weniger zur Schachtel. Das zeigte 2014 die israelische Forscherin Anat Arzi. Bemerkenswert: Keiner der Probanden wusste von dem Hacking-Angriff auf seine Nase, und es reichte eine einzige Dosis, um den Effekt für eine Woche aufrechtzuhalten. Arzi, die zurzeit am Institute for Brain and Spinal Cord in Paris forscht, hält es mit Blick auf das Coors-Experiment für möglich – und für verwerflich –, dass man mit im Schlaf präsentiertem „Biergeruch“ alkoholische Gelüste auslösen kann, ohne dass die Betroffenen später wissen, woher das kommt.
Vokabeln lernen im Tiefschlaf
Dass das schlafende Gedächtnis durch TMR sogar für völlig neue Informationen empfänglich ist, zeigten die Neurowissenschaftler Simon Ruch und Katharina Henke 2019 in einer an der Universität Bern durchgeführten Vokabellernstudie: Probanden wurden im Tiefschlaf mit unterschiedlichen Fantasiewörtern beschallt, zum Beispiel „Guga-Vogel“ oder „Guga-Elefant“. Bei einem später im Wachzustand durchgeführten Vokabelquiz fragten die Forscher etwa: „Ist Guga ein großer oder kleiner Gegenstand?“ Die Mehrheit der Teilnehmer identifizierte die neugelernten Fantasiewörter korrekt als etwas Großes oder Kleines, je nachdem, wie sie es im Schlaf gelernt hatten.
Theoretisch wäre es also möglich, unserem Gehirn nachts etwa den Namen einer neuen Zahnpasta zu präsentieren und es auf eine Art Wiedererkennungseffekt vorzubereiten, sollten wir diese neue Marke am nächsten Tag im Supermarkt sehen. Simon Ruch, der inzwischen an der Universität Tübingen forscht, sagt: „Man ging lange davon aus, dass das semantisch-assoziative Lernen ans Bewusstsein geknüpft ist.“ Das würde bedeuten, dass dieses Alltagslernen nur im Wachzustand möglich ist. Im Gehirn ist dafür der Hippocampus zuständig, eine Seepferdchen ähnliche Struktur, die für das Verfestigen von Informationen im Gehirn sorgt. Offensichtlich arbeitet der Hippocampus auch im Schlaf. Die Forscher schickten die Probanden für das Vokabelquiz in einen fMRT-Scanner. „Als wir die Testfragen stellten und sie ihr unbewusstes Wissen abrufen mussten, war zu sehen, dass sie auf den Hippocampus zurückgriffen“, berichtet Ruch. Es ist daher davon auszugehen, dass Reize, die man im Wachzustand aufnimmt, von den gleichen Gehirnregionen verarbeitet werden wie im unbewussten Zustand während des Schlafs.
Kristoffer Appel bestätigt das. „Wenn ich im Traum Kniebeugen mache, dann ist genau wie im Wachzustand der Motor-Cortex aktiv, also die Hirnregion, die für Muskelbewegung zuständig ist“, erklärt der Gründer des Institute for Sleep and Dream Technologies in Hamburg. Appel arbeitet hauptsächlich mit luziden Träumern – das sind Menschen, die „Klarträume“ haben, es ist ihnen also bewusst, dass sie gerade träumen. Bei ihnen erhöht sich die Atemfrequenz, sobald der Studienleiter sie darum bittet, in ihren Träumen sportliche Übungen zu machen. 2021 zeigte Appel gemeinsam mit einer internationalen Forschungsgruppe, dass luzide Träumer auch einfache Fragen aus der „Wachwelt“ verstehen und aus dem Traum heraus sogar beantworten können, etwa „Trinkst du gerne Cola?“ oder „Wie viel ist eins plus zwei?“
Appel gehört zwar zu den 38 Wissenschaftlern, die in dem offenen Brief vor Dream-Hacking warnten, aber akut sieht er noch keine Gefahr. „Frühestens in zehn Jahren ist das technisch umsetzbar“, so Appel. Zwar könne man heute schon feststellen, wann genau jemand fest schläft und ihm dann etwa einen Auto-Werbespot vorspielen. „Aber wahrscheinlich würde er davon aufwachen und sich gestört fühlen“, mutmaßt Appel. Und ob er dann am nächsten Tag ein Auto kauft, hält Appel für fraglich.
Ethisch vertretbar?
Doch Dormio-Entwickler Stickgold beharrt darauf, dass Dream-Hacking schon jetzt funktioniert – und zwar nicht nur aktiv, also wenn man sich bewusst wie beim Coors-Experiment vor dem Einschlafen mit Audio- und Video-Stimuli berieseln lässt, sondern auch passiv. „Dream-Hacking kann einfach ein Audio-Beitrag aus Ihrem Alexa-Gerät sein. Sie würden nicht wissen, dass da nachts etwas eingespielt wurde.“ In 33 Prozent der deutschen Haushalte steht mindestens ein Smart-Speaker. Gepaart mit modernen intelligenten Armbanduhren, die Schlafdaten aufzeichnen, wären gezielte Manipulationen des schlafenden Gehirns bereits heute möglich. Stickgold findet das verantwortungslos. Er gibt zu bedenken, dass etwa unbewusst eingespielte Bier-Werbung für abstinente Alkoholiker problematisch wäre. Tatsächlich hat eine Studie von Hélène Tanguay an der Université de Montréal 2015 gezeigt, dass Süchtige auf Entzug, die von Drogen träumen, tagsüber ein deutlich höheres Verlangen nach der Droge haben.
Allerdings herrscht unter den Wissenschaftlern Einigkeit darüber, dass Dream-Hacking zu ethisch vertretbaren Zwecken eingesetzt werden darf. Niemand ist erbost, weil Lusha Zhu aktuell untersucht, ob mit dieser Methode ein gesünderes Essverhalten erreicht werden kann. Bei ihrer jüngsten Studie beschallt sie Testpersonen nachts mit Obst-Wörtern (Apfel …, Birne …). Sie untersucht, ob und wie oft die Probanden später im Alltag tatsächlich zum Obstkorb statt in die Naschkiste greifen. Und es besteht die Hoffnung, die luzide Traumforschung oder Geräte wie Dormio zur Therapie von Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung einsetzen zu können, um ihre Albträume zu kontrollieren. Aktuell testen Stickgold und Horowitz Dormio an Kriegsveteranen. „Träume sind kein bedeutungsloser Müll – sie können zu unserem Nutzen gehackt und beherrscht werden“, sagt Horowitz.
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