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Gesellschaft|Psychologie

Mehr Selbstkontrolle dank „ruhigem Geist“

Selbstkontrolle
https://psyarxiv.com/fzg9y/

Warum scheinen manche Menschen weniger Schwierigkeiten mit der Selbstbeherrschung zu haben als andere? Eine neue Studie führt dies auf Unterschiede bei den neuronalen Prozessen im Gehirn zurück. Personen mit einem „ruhigeren Geist“, bei denen sich bestimmte Zustände im Gehirn weniger schnell abwechseln als bei anderen, haben demnach weniger mit ablenkenden Gedanken zu kämpfen und können sich besser selbst kontrollieren. Die Ergebnisse könnten helfen, Erkrankungen wie ADHS, die mit gestörter Selbstkontrolle einhergehen, besser zu verstehen.

Selbstkontrolle beschreibt die Fähigkeit, unangemessene Impulse zu unterdrücken. Mehrere Studien legen nahe, dass Menschen mit hoher Selbstkontrolle durchschnittlich erfolgreicher, glücklicher und gesünder sind. Ihnen fällt es leichter, sich auf langfristige Ziele zu konzentrieren und kurzfristigen Versuchungen zu widerstehen – beispielsweise, sich nicht von einer Aufgabe ablenken zu lassen und auf den verlockenden Snack zwischendurch zu verzichten. Untersucht wurde bereits, welchen Einfluss hemmende Netzwerke im Gehirn auf diese Fähigkeit haben. Vollständig verstanden sind die Zusammenhänge zwischen Hirnfunktion und Selbstkontrolle jedoch noch nicht.

Hirnströme untersucht

Ein Team um Tobias Kleinert von der Universität Freiburg hat nun untersucht, welchen Einfluss sogenannte Mikrozustände, die in Hirnstrommessungen sichtbar werden, auf die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung haben. „Mikrozustände entstehen durch die gleichzeitige Aktivierung spezifischer neuronaler Verbände“, erklären die Forscher. „Ausgehend von der Vorstellung, dass Mikrozustände die einzelnen Einheiten darstellen, die den Strom der mentalen Verarbeitung bilden, kann jeder Mikrozustand als ein bestimmter mentaler Verarbeitungsschritt beschrieben werden.“

Wenn wir unsere Gedanken frei schweifen lassen, bleiben die Mikrozustände in unserem Gehirn etwa 40 bis 120 Millisekunden stabil, bevor sie einem neuen Aktivierungsmuster weichen. Schon früher hat sich gezeigt, dass es deutliche individuelle Unterschiede darin gibt, wie schnell die Mikrozustände wechseln. Kleinert und seine Kollegen haben nun analysiert, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen diesen individuellen Unterschieden im Gehirn und der selbstberichteten Fähigkeit zu Selbstkontrolle gibt. Dazu maßen sie bei 58 Probanden in Deutschland per Elektroenzephalogramm (EEG) die Hirnströme und ließen sie zudem einen Fragebogen ausfüllen, in dem die Personen zum Beispiel einschätzen sollten, wie leicht es ihnen fällt, Versuchungen zu widerstehen.

Mentale Prozesse zeigen Selbstbeherrschung

Das Ergebnis: Bei Personen, die dem Fragebogen zufolge eine hohe Selbstbeherrschung aufwiesen, wechselten die Mikrozustände des Gehirns seltener als Personen mit selbst angegebener niedrigerer Selbstbeherrschung. „Wir haben gezeigt, dass selbstkontrollierte Personen weniger, aber länger andauernde mentale Verarbeitungsschritte zeigen“, so die Forscher. „Diese Ergebnisse legen nahe, dass Menschen mit hoher Selbstkontrolle stabilere mentale Prozesse mit weniger unterbrechenden Gedanken und Impulsen haben.“

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Um die Befunde zu validieren, führte ein kooperierendes Forschungsteam von der University of Alberta in Kanada die gleichen Versuche mit 101 kanadischen Probanden durch – mit dem gleichen Resultat. Neben dem Fragebogen zur Selbsteinschätzung führte das kanadische Team mit den Probanden zusätzlich einen Test zu risikofreudigem Verhalten durch. Risikofreude gilt als ein Hinweis von Impulsivität, dem Gegenteil von Selbstkontrolle. Auch in diesem Versuch bestätigte sich, dass Personen mit schneller wechselnden Mikrozuständen eher riskantere Entscheidungen trafen, während Personen mit einem „ruhigeren Geist“ typischerweise eher auf Sicherheit setzten.

Besseres Verständnis für ADHS?

„Es ist erstaunlich, dass wir dies- und jenseits des Atlantiks einen robusten Zusammenhang zwischen aufgabenunabhängiger neuronaler Verarbeitung und Selbstkontrollfähigkeiten nachweisen können“, sagt Kleinert. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass die Analyse des mentalen Flusses im ruhenden Gehirn entscheidende Informationen über die Natur unseres Geistes offenbaren kann.“ Aus Sicht der Forscher könnten die Erkenntnisse auch dazu beitragen, klinische Störungsbilder wie die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), die mit verringerter Selbstkontrolle einhergeht, besser zu verstehen.

Quelle: Tobias Kleinert (Universität Freiburg) et al., Psychological Science, Preprint; doi: 10.31234/osf.io/fzg9y

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