Unsere Moralvorstellungen sagen uns, dass es unzulässig und verwerflich ist, zu lügen, zu stehlen oder andere Menschen zu töten. Fast instinktiv haben nahezu alle menschlichen Gesellschaften solche Grundregeln entwickelt. Doch was bestimmt, wie moralisch ein Mensch handelt? Einer Theorie nach spielt die Religion dafür eine wichtige Rolle: Sie gilt gemeinhin als wichtige Richtschnur für die Moral und soll soziales Verhalten fördern. “Die Frage, ob Moral von religiösem Glauben abhängig ist, hat schon eine sehr lange Geschichte”, erklären Will Gervais von der University of Kentucky und seine Kollegen. So behauptete schon der chinesische Philosoph Mozi, dass der Glaube an Geister essenziell für die moralische Kontrolle sei. Der griechische Philosoph Plato debattierte in seinem Werk “Euthyphro” darüber, ob man Moral ohne Bezug auf eine göttliche Referenz überhaupt definieren könne. Und auch heute noch sind viele Menschen der Ansicht, dass Moral und Religion eng verknüpft sind – und das im Umkehrschluss Atheisten eher zu unmoralischem Verhalten neigen.
Vorurteil auf dem Prüfstand
Wie verbreitet dieses Vorurteil gegenüber Atheisten ist und welche Rolle die eigene Kultur und Religion dafür spielt, haben Gervais und seine Kollegen nun erstmals umfassend ermittelt. Für ihre Studie befragten sie jeweils mehr als 100 Menschen in 13 verschiedenen Ländern auf fünf Kontinenten. “Unsere Auswahl repräsentiert sowohl säkulare Gesellschaften wie Tschechien, China oder die Niederlande als auch hochreligiöse wie Saudi-Arabien und Indien, sie umfasst zudem verschiedene Religionen und religiöse Traditionen sowie ganz unterschiedliche kulturelle, politische und sozioökonomische Kontexte”, betonen die Forscher. Jeder Teilnehmer bekam eine fiktive Beschreibung eines Mannes, der als Kind schon Tiere gequält hat und der als Erwachsener den Mord und die Verstümmelung von fünf Obdachlosen begangen hat. Am Schluss bekamen die Teilnehmer eine von zwei Fragevarianten gestellt: Ist es wahrscheinlicher, dass dieser Mann ein Lehrer oder aber ein gläubiger Lehrer ist? Oder aber: Ist es wahrscheinlicher, dass dieser Mann ein Lehrer oder ein nicht an Gott glaubender Lehrer ist? Auf diese Weise wurde kein Teilnehmer direkt danach gefragt, ob der Täter eher gläubig oder ungläubig ist”, erklären die Forscher.
“Unsere Ergebnisse liefern starke Belege für ein extremes intuitives Vorurteil gegen Atheisten”, berichten Gervais und seine Kollegen. 58 Prozent der Teilnehmer hielten den Täter eher für einen Atheisten, nur 30 Prozent für einen religiösen Menschen. “Demnach halten Menschen extreme Unmoral bei einem Atheisten für doppelt so wahrscheinlich als für Gläubige”, so die Forscher. Zwar gab es dabei Unterschiede zwischen den Ländern, dennoch war diese Einstellung unabhängig davon, ob die Befragten in Ländern mit christlichen, moslemischen, hinduistischen oder nichtgläubiger Bevölkerungsmehrheit lebten. Wie tiefverwurzelt dieses Vorurteil ist, belegte ein Zusatzexperiment, in dem es um den sexuellen Missbrauch eines Priesters an einem Jungen ging. “Die Menschen gingen intuitiv davon aus, dass dieser Priester eher gar nicht an Gott glaubt, als dass er wirklich gläubig ist”, berichten die Wissenschaftler.





