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Gesellschaft+Psychologie

Psychologie des Feierns: Warum uns große Feste anziehen

Symbolbild Feiern
Zugehörigkeit finden. Ein deutliches Argument pro Großveranstaltung. (Bild: Joey Thompson on Unsplash)
Wie wichtig soziale Interaktion ist, hat die Coronapandemie mit Social Distancing und den sich daraus ergebenden psychologischen Schwierigkeiten gezeigt. Während jedoch manchen von uns nur der ruhige Kaffee mit guten Freunden fehlt, sehnen sich andere nach den ganz großen Erfahrungen. Das Phänomen Massenveranstaltung und der besondere Reiz von Festivals und Volksfesten zeigen: Psychologisch gesehen gibt es gute Gründe, die Menge zu suchen.

Was zieht Menschenmassen an?

Eine Frage, der sich nicht nur Gesellschaftspsychologen immer wieder stellen, beschäftigt sich mit den Motiven jener Menschen, die Massenveranstaltungen schätzen. Was die Kirchweih im Dorf für Kinder ist später im Leben das XXL-Festival. Jedes Jahr ziehen Events wie Rock am Ring, die Cannstatter Wasen und der Bremer Freimarkt zahllose Besucher an.

Die Statistik zeigt, dass sich die Beliebtheit des Münchner Oktoberfests über die Jahrzehnte hinweg leicht gesteigert hat. Zählte München 1980 rund 5,1 Millionen Besucher, waren es 2019 6,3 Millionen Menschen aus aller Welt. Sie nehmen mitunter weite Reisen auf, um die Atmosphäre des Volksfestes zu erleben – und nehmen vor Ort vergleichsweise widrige Umstände wie überfüllte Zelte, große Lautstärke und lange Wartezeiten in Kauf.

Trotz der Nachteile, die große Volksfeste und Festivals mit sich bringen, bleiben sie attraktiv. Vier Aspekte helfen bei der Suche nach den Gründen:  

1. Freiheit durch Anonymität

Ein starkes Argument für das Leben in der Großstadt ist die gesteigerte Anonymität. Viele Menschen wohnen nicht gerne in kleinen Ortschaften auf dem Land, weil sie den starken Fokus auf das Individuum nicht hinnehmen möchten. Große Volksfeste bieten im Vergleich zu kleinen Feiern einen ähnlichen Kontrast. Hier kann sich der Mensch in der Masse verlieren und muss nicht fürchten, von anderen bewertet oder beobachtet zu werden.

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Wer im restlichen Leben oft das Gefühl hat, anders zu sein, kann auf Volksfesten schnell zu einem Teil der homogenen Masse werden. Bei vielen Anlässen ergibt sich das bereits aus traditionellen Gepflogenheiten wie beispielsweise bestimmter Kleidung heraus. Auf dem Oktoberfest und der Wasen tragen Frauen ihr Dirndl hochgeschlossen oder auch freizügig, Herren kommen in Lederhose und Hemd. Sich der Alltagskleidung zu entledigen und in eine neue Rolle zu schlüpfen, verstärkt den Effekt der Anonymität noch einmal deutlich.

Dass Anonymität auch Tücken haben kann, liegt auf der Hand. Nicht umsonst sind Polizeiwachen während großer Massenevents meist gut besetzt und dennoch überlastet. Ganz ähnlich wie bei Hass im Netz können sowohl der Schutz der Menge als auch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe negative Folgen haben.

2. Selbstdarstellung und -bestätigung

Im Kontrast zum ersten Argument steht die Motivation des Menschen, auf Volksfesten und Festivals die Gelegenheit zur Selbstdarstellung zu ergreifen und sich den eigenen Selbstwert in der sozialen Interaktion bestätigen zu lassen. Schöne Kleidung, ausgefallene Frisuren und aufwändiges Make-Up sind daher nicht selten Teil der Vorbereitungen auf einen Festtag.

In der Begegnung mit potenziellen Partnern, ob romantisch oder rein körperlich, finden Menschen die Möglichkeit, unangenehmen Gefühlen zu entfliehen. Gerade weil die Masse bei Großveranstaltungen so riesig ist, erscheint die Auswahl nahezu unendlich. Die Chancen auf erfolgreiches Flirten und Knüpfen von Kontakten steigt. Nicht wenige Menschen suchen Feste gerade mit diesem Aspekt im Hinterkopf auf und suchen nach einer Option, einen Mangel an Selbstbestätigung auszugleichen.

3. Extreme ohne Wertung

Soziale Normen und Werte können im Alltagsleben durchaus einschränkenden Charakter haben. Vor allem ausschweifendes oder exzesshaftes Verhalten ist im gewöhnlichen Kontext selten gerne gesehen. Dies bezieht sich sowohl auf Lautstärke als auch auf wilden Tanz, hohen Alkoholkonsum oder fallende Hemmschwellen im Kontakt mit anderen.

Sich extremes Verhalten erlauben zu können, ohne die Bewertung durch andere oder gar den Ausschluss aus der Gemeinschaft fürchten zu müssen, kann einer der wichtigsten Gründe für den Festbesuch sein. Dies mag auf Zuschauer bei Volksfest-Dokumentationen abschreckend wirken, bedeutet für den Menschen in der Masse jedoch oft ein besonderes Gefühl von Freiheit.

4. Kollektive Erlebnisse und Gemeinschaftsgefühl

Einsamkeitsgefühle sind nicht erst seit Corona ein Problem. Schon in den Jahren vor der Pandemie zeigten offizielle Zahlen, dass sich immer mehr Menschen mit diesem Thema beschäftigen und unter subjektiv empfundener Einsamkeit leiden. Diesbezüglich machen Volksfeste und Festivals ihren Besuchern ein ganz besonderes Angebot: Sie ermöglichen direkten Zugang zu einer Gruppe, ohne dass vorheriges Kennenlernen oder die Anpassung des Individuums an deren Dynamik notwendig wäre.

Selbst Außenseiter finden sich bei Volksfesten binnen kürzester Zeit inmitten des sozialen Treibens. Gemeinschaft bestimmt hier nämlich nicht mehr die reine Sympathie, sondern der oftmals ritualhafte Rahmen. Vom Trinkspruch über Tänze bis hin zu bestimmter Musik und regelmäßigem Anstoßen bringen Massenveranstaltungen Menschen unabhängig davon zusammen, ob sie sich im echten Leben mögen würden. Einen hohen Leidensdruck durch Einsamkeit kann manches Volksfest daher zumindest vorübergehend lindern.

04.05.2021

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