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Gesellschaft+Psychologie

Psychologische Signatur für extremistisches Denken

Radikalisierung
Warum neigen manche Menschen zur Radikalisierung? (Bild: Stadtratte/ iStock)

Ob religiöser Fanatismus, starker Nationalismus, Links- oder Rechtsextremismus: Menschen, die sich zu starken Ideologien hingezogen fühlen, weisen einer Studie zufolge bestimmte psychologische Merkmale auf, anhand derer sich eine mögliche extremistische Neigung vorhersagen lässt. In Kognitionstests zeigten sie eine langsamere Wahrnehmungsverarbeitung und ein schwächeres Arbeitsgedächtnis. Persönlichkeitsfragebögen ergaben zudem erhöhte Impulsivität und Sensationslust. Den Forschern zufolge könnten solche Tests in Zukunft zu gezielteren Präventionsprogrammen beitragen.

Extremistische Ideologien zeichnen typischerweise ein klares Bild von Gut und Böse und präsentieren ihren Anhängern scheinbar einfache Lösungen und Handlungsstrategien. Viele Vertreter einer starken Ideologie sind bereit, diese gegebenenfalls auch mit Gewalt zu verteidigen. Präventionsprogramme gegen Radikalisierung verlassen sich bislang oft vor allem auf demographische Daten wie Alter, Rasse und Geschlecht. Diese können aber nur in sehr eingeschränktem Maße vorhersagen, welche Menschen anfällig für extremistische Positionen sind.

Kognition und Persönlichkeit als Prädiktoren

Ein Team um Leor Zmigrod von der University of Cambridge hat nun untersucht, inwieweit bestimmte psychologische Merkmale auf die Neigung zu extremistischem Denken schließen lassen. Dazu ließen die Forscher 334 Probanden verschiedene Tests zu ihrer kognitiven Wahrnehmung und Persönlichkeit absolvieren. Unter anderem ging es darum, farbige Scheiben nach bestimmten Vorgaben zu stapeln, sich Wörter zu merken oder schnelle Entscheidungen zu treffen. Die Persönlichkeitstests prüften unter anderem Zielstrebigkeit, Achtsamkeit, emotionale Kontrolle sowie finanzielle und soziale Risikobereitschaft.

In zeitlichem Abstand zu diesen Tests fragten die Forscher die Teilnehmer zudem nach ihrer Haltung zu bestimmten religiösen und politischen Themen, darunter das traditionelle Familienbild, Waffenbesitz, Patriotismus und Gebet, aber auch Gewaltbereitschaft gegenüber Andersdenkenden. Mit statistischen Methoden untersuchten sie nun Zusammenhänge zwischen diesen ideologischen Einstellungen und den zuvor erhobenen psychologischen Merkmalen. „Ich interessiere mich für die Rolle, die verborgene kognitive Funktionen bei der Gestaltung des ideologischen Denkens spielen“, sagt Zmigrod. „Viele Menschen werden in ihrem Umfeld Personen kennen, die sich radikalisiert haben oder zunehmend extreme politische Ansichten vertreten, sei es auf der linken oder rechten Seite. Wir wollten wissen, warum bestimmte Personen anfälliger sind.“

Schwierigkeiten mit komplexen Denkprozessen

Die Auswertungen ergaben: „Extreme Einstellungen für eine bestimmte Gruppe, einschließlich der Befürwortung von Gewalt gegen Personen außerhalb dieser Gruppe, waren mit einem schlechteren Arbeitsgedächtnis, langsameren Wahrnehmungsstrategien und Tendenzen zu Impulsivität und Sensationssucht verbunden“, berichten die Autoren. „Das spiegelt Überschneidungen mit den psychologischen Profilen des Konservatismus und Dogmatismus wider.“ Konservatismus ging den Ergebnissen zufolge mit erhöhter Zielstrebigkeit und Impulsivität einher. Dogmatismus war unter anderem damit verbunden, Entscheidungsaufgaben besonders vorsichtig und langsam zu lösen, sowie mit verringerter sozialer Risikobereitschaft.

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„Subtile Schwierigkeiten mit komplexer mentaler Verarbeitung können Menschen unbewusst in Richtung extremer Doktrinen treiben, die klarere, definiertere Erklärungen der Welt bieten, was sie anfällig für toxische Formen von dogmatischen und autoritären Ideologien macht“, sagt Zmigrod. Mit ihrer Forschung möchte sie dazu beitragen, zukünftig für Radikalisierung anfällige Menschen im gesamten politischen und religiösen Spektrum besser zu identifizieren und gezieltere Präventionsprogramme anzubieten.

Zielgerichtetere Prävention

Wie die Forscher erklären, lassen sich anhand demographischer Daten nur sehr eingeschränkte Voraussagen zur ideologischen Anschauung von Personen treffen. Ein statistisches Modell hingegen, das auch kognitive und Persönlichkeitsmerkmale einbezieht, ist je nach Ideologie um vier- bis fünfzehnmal leistungsfähiger. Für konservative Positionen etwa erhöhte sich die Vorhersagekraft von 7,5 Prozent auf 32,5 Prozent, wenn man zusätzlich zu den demographischen Daten die Ergebnisse von Kognitions- und Persönlichkeitstests berücksichtigte, Religiosität ließ sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 23,4 Prozent statt 2,9 Prozent vorhersagen.

„Es scheint versteckte Ähnlichkeiten in den Köpfen derjenigen zu geben, die am ehesten bereit sind, extreme Maßnahmen zu ergreifen, um ihre ideologischen Doktrinen zu verteidigen. Dies zu verstehen, könnte uns helfen, jene Personen zu unterstützen, die für Extremismus anfällig sind, und das soziale Verständnis über ideologische Grenzen hinweg zu fördern“, so die Forscherin.

Quelle: Leor Zmigrod (University of Cambridge) et al., Philosophical Transactions of the Royal Society B, doi: 10.1098/rstb.2020.0424

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