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Gesellschaft+Psychologie

Scham los!

Wer vor aller Augen in ein Fettnäpfchen tritt, wird oft rot. Der Körper signalisiert, dass man das Missgeschick bereut. Gleichzeitig wird eine Immunreaktion ausgelöst.

Das hat fast jeder schon einmal erlebt: Man lästert über einen Bekannten und merkt nicht, dass er die ganze Zeit hinter einem steht. Oder: Man lässt eine Verabredung sausen – weil man angeblich krank ist –, doch beim Einkaufen läuft einem gerade diese Person über den Weg. Oder: Man müht sich vergeblich ab, das Auto in eine enge Parklücke zu bugsieren und wird dabei von den Gästen eines Straßencafés begafft.

All das ist kein Weltuntergang – doch extrem peinlich. Man wünscht sich, unsichtbar zu sein und im Erdboden zu versinken. Manchmal treibt die Erinnerung an eine solche Blamage einem die Schamesröte noch nach Jahren ins Gesicht.

Scham und Peinlichkeit sind Emotionen, zu denen es kommt, wenn Menschen durch ein Missgeschick oder eine Schwäche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sich kritisch bewertet fühlen. Man fühlt sich dumm, tollpatschig und minderwertig und möchte nur noch eines: vor der öffentlichen Schmach flüchten.

Die Begriffe Peinlichkeit und Scham werden in der Umgangssprache zwar oft gleichbedeutend verwendet, aber die Wissenschaft unterscheidet streng. Peinlichkeit entspringt meist einem Fehltritt auf dem Parkett der gesellschaftlichen Umgangsformen. Das Gefühl tritt in der Regel überraschend auf und klingt meist ebenso rasch wieder ab. Der Anlass ist oft banal: Viele Menschen genieren sich schon, wenn sie öffentlich gelobt werden.

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Scham dagegen setzt eine ernste und anhaltende Kluft zwischen den eigenen Ansprüchen und der Realität voraus. Man mag sich schämen, weil man sein Studium nicht abschließen oder ein wichtiges Berufsziel nicht erreichen konnte. Willy Loman, tragischer Held aus Millers Werk „Tod eines Handlungsreisenden“, begeht Selbstmord aus Scham, den amerikanischen Traum nicht erfüllt zu haben.

Beide Empfindungen – Scham und Peinlichkeit – zählen zu den so genannten selbstbewussten Emotionen und nehmen deshalb eine Sonderstellung im Konzert der Gefühle ein. „Sie können nur von Lebewesen empfunden werden, die in der Lage sind, sich vorzustellen, dass sie von anderen bewertet werden“, sagt Paul Gilbert, Psychologe von der University of Derby in England. Selbstbewusste Emotionen bedürfen der Fähigkeit, sich in die Sichtweise anderer hineinzuversetzen. Schamgefühle sind wohl der Preis dafür, dass wir soziale Wesen sind, die ohne die Achtung und Anerkennung ihrer Artgenossen nicht existieren können. „Die Aussicht, von der Gruppe ausgeschlossen zu werden, gefährdete das Überleben unserer Vorfahren so stark, dass sie einen intensiven psychischen Schmerz erzeugte“, meint der amerikanische Psychologe Mark R. Leary.

Nach einer Theorie, deren Wurzeln bei Charles Darwin liegen, fungiert die Schamröte als eine Art „Sittenpolizei“. Die betreffende Person gibt zu, soziale Spielregeln verletzt zu haben und bittet gleichzeitig um Verzeihung für die begangene Dummheit. Wenige Sekunden nach einem Malheur breitet sich über Ohren, Nacken und Gesicht die charakteristische Schamröte aus, die signalisiert: „Schau her, ich schäme mich!“ Sie verschwindet in der Regel nach einigen Minuten, bleibt aber im Extremfall sogar über Stunden sichtbar. Der Beschämte zeigt die typischen Gesten der Verlegenheit: aufgesetztes Lächeln, Vermeidung von Blickkontakt, Selbstberührung und zusammengesunkene Körperhaltung.

„Dadurch, dass sie ihre Verlegenheit öffentlich bekennen, räumen die Menschen einen Fehler ein, unterstreichen ihre Unterstützung für die Spielregeln, die sie übertreten haben, und bekunden implizit, dass ihr ungeschicktes, dummes oder unerwünschtes Verhalten keineswegs als Ausdruck ihrer Persönlichkeit missverstanden werden soll“, erklärt US-Psychologe Leary.

Diverse Experimente beweisen, dass die Botschaft ankommt. Probanden, die sahen, wie Menschen vor Scham rot anliefen, reagierten darauf mit Verständnis, Erheiterung und manchmal sogar selbst mit Verlegenheit. Bei einem Versuch, den der Psychologe Tony Manstead an der britischen Cardiff University durchführte, beobachteten die Teilnehmer ein peinliches Missgeschick – wobei einige Tollpatsche rot wurden, andere ein ungerührtes Pokerface bewahrten. Die Versuchsteilnehmer erklärten anschließend, dass sie die sichtbar Beschämten sympathischer fanden und ihnen in einer Notsituation eher helfen würden.

Das Signal für unsere Mitmenschen ist klar, doch was bedeutet das Erröten für unseren Körper? Eine rote, pochende Schwellung zeigt für gewöhnlich, dass sich das Gewebe mit einer Entzündung gegen schädliche Reize wehrt. Das Erstaunliche ist: Auch peinliche Erlebnisse und Rotwerden scheinen eine entsprechende Immunantwort auszulösen. Diese neuen Erkenntnisse lieferte die Psychologin Sally Dickerson von der University of Los Angeles. Sie hatte zunächst den Hormonhaushalt von Tieren untersucht, die einem dominanten Artgenossen begegneten und eine demütige Haltung annahmen. In Blut der Unterwürfigen stieg daraufhin die Konzentrationen von „proinflammatorischen Zytokinen“ stark an. Dabei handelt es sich um Botenstoffe der Immunzellen – wie „ Interleukin 1″ und „Tumor-Nekrose-Faktor alpha“ –, die Entzündungen anfachen und Abwehrkräfte regulieren. Die Zytokine kurbeln die Durchblutung an, die bei der Bekämpfung einer Infektion hilft: Schutzzellen können so schneller vor Ort geliefert und Abbauprodukte besser entsorgt werden. Gleichzeitig werden aber auch die typischen Krankheitssymptome hervorgerufen – die Schlappheit und das schlechte Gefühl –, die uns bei Infektionen die Energie rauben.

Um zu testen, ob auch die selbstbewusste Demutsgeste – also das Sich-Schämen – beim Menschen den Zytokinmotor anwirft, bat die Forscherin eine Gruppe von Probanden, sich in einem Aufsatz ein peinliches Erlebnis aus ihrem Leben von der Seele zu schreiben. Dies konnte zum Beispiel ein romantischer Fauxpas sein oder eine Situation, in der jemand den eigenen Erwartungen oder den Ansprüchen eines anderen nicht gerecht geworden war.

Wie die Analyse der Speichelproben zeigte, rief die schamvolle Erinnerung bei den Teilnehmern eine deutliche Immunantwort hervor. Diese ließ sich besonders am Botenstoff Tumor-Nekrose-Faktor alpha festmachen, der umso stärker ausgeschüttet wurde, je größer die empfundene Scham war. Diese Immunreaktion macht verständlich, warum man sich bei einer Blamage wie gelähmt fühlt: Sie aktiviert die Botenstoffe, die üblicherweise nach einer Infektion dafür sorgen, dass das Individuum kürzer tritt und sich zurückzieht, damit der Organismus sich auf die Immunarbeit konzentrieren kann. Wenn wir bloßgestellt werden, fühlen wir den starken Drang, uns zu verkriechen.

Ständige Scham kann sogar der Gesundheit ernsthaft schaden, fand Expertin Dickerson von der University of Los Angeles in einer Neun-Jahres-Studie an HlV-infizierten Männern heraus. Bei denjenigen, die immer übersensibel auf vermeintliche Missgeschicke reagierten, schritt die Aids-Erkrankung rascher voran. Ihre Lebenserwartung war geringer.

Eine spezielle Schamregion im Gehirn haben die amerikanischen Neurologen Erin Heerey und Robert Knight von der University of California in Berkeley ausfindig gemacht: Der orbifrontale Kortex sitzt direkt hinter der Stirn über den Augenhöhlen. Patienten, die dort Verletzungen erlitten hatten, hängten ihre peinlichsten Erinnerungen völlig hemmungslos an die große Glocke: Sie hatten ihr Schamgefühl verloren.

Auch Schuldgefühle drängen dazu, die Benimmregeln und die ethischen Normen der Gesellschaft zu beachten. „Alles in allem besitzt das Schuldempfinden einen höheren moralischen Status als die Scham und bewahrt Menschen eher davor, auf die schiefe Bahn zu geraten“, sagt die Psychologin June Price Tangney von der George Mason University in Virginia. Im Zustand der Beschämung dreht sich alles um das eigene Ego und den Wunsch, der öffentlichen Selbstdemontage zu entkommen. Schuld setzt dagegen Mitgefühl für fremdes Leid voraus und treibt außerdem dazu an, begangenes Unrecht wieder gutzumachen.

Menschen, die zu häufigen Schuldgefühlen neigen, weisen nach Tangneys Befunden ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Einfühlungsvermögen auf. Personen, die bei vielen Anlässen Scham und Peinlichkeit empfinden, leiden indes häufig unter Depressionen und psychischen Störungen, schieben die Verantwortung für unangenehme Dinge gerne ab und lassen ihre Wut über Missgeschicke oft an ihren Mitmenschen aus. Die Erfahrung, blamiert zu werden, vermindert das Interesse am Wohlergehen der anderen und kurbelt die eigene Risikobereitschaft an. „Aus Furcht, sich bloßzustellen, unterlassen diese Menschen die Hilfeleistung in Notfällen, arrangieren sich mit ungerechten politischen Zuständen oder ,vergessen‘ den Einsatz von Verhütungsmitteln“, rekapituliert der Psychologe George Loewenstein von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh.

Das Seltsame ist, dass sich kaum jemand dieser lähmenden Macht bewusst ist. Loewenstein bot seinen Probanden an, für einen kleinen Geldbetrag vor Publikum eine Tanz- oder Pantomimeneinlage vorzuführen. Außerdem sollten sie einschätzen, ob andere sich dieser potenziell peinlichen Situation stellen würden. Die meisten trauten den Mitstreitern viel mehr Schamlosigkeit zu, als diese wirklich besaßen. Selbst jene, die das Angebot ablehnten, waren überzeugt, dass ein Großteil der anderen Befragten sich hemmungslos produzieren würde. Menschen neigen allgemein dazu, andere für mutiger zu halten als sich selbst – was offenbar ein großer Irrtum ist. ■

Rolf Degen

COMMUNITY LESEN

Jeanette Roos

PEINLICHKEIT, SCHAM UND SCHULD

In: Emotionspsychologie,

hrsg. von Jürgen H. Otto u.a.

Psychologie Verlags Union Weinheim 2000, € 44,90

Rowland S. Miller

THE CASE OF EMBARRASSMENT

In: The Social Life of Emotions,

hrsg. von L.Z. Tiedens

Cambridge University Press 2004, $ 29,99

INTERNET

Literaturüberblick und Links zur Scham in Geschichte und Evolution:

www.shamestudies.de

Ohne Titel

Rolf Degen erinnert sich noch mit Grausen daran, wie er sich als Student einmal ausgiebig über einen Professor mokiert hatte, der überraschenderweise ganz in der Nähe stand.

Ohne Titel

• Scham und Peinlichkeit werden umgangssprachlich oft gleichbedeutend verwendet. Die Wissenschaft aber unterscheidet:

• Peinlichkeit entspringt einem Fehltritt auf dem Parkett der gesellschaftlichen Umgangsformen.

• Scham hingegen setzt eine anhaltende Kluft zwischen den eigenen Ansprüchen und der Realität voraus.

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Spei|täub|ling  〈m. 1; Bot.〉 ungenießbarer Pilz aus der Gattung der Täublinge: Russula emetica; Sy Speiteufel ... mehr

The keywords used for the Double Columnar Transposition (DCT) should have relatively prime lengths. But why?

David Kahn, author of the crypto history classic The Codebreakers, once told me: One of the things he liked about his job was to get in touch with high school students who asked him for support with school projects about cryptology.

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Source: Schmeh

I can understand David. It is always great to see that there are young people occupying themselves with this fascinating topic, and I’m sure that some of these will stick with crypto and produce interesting work in the future.

 

A question about the DCT

Earlier this week, I received a mail from Marc Hofman, an 11th-grade high-school student from the Max-Planck-Gymnasium in Munich, Germany (11th-grade students are typically around 17 years old in this country). Marc is currently working on a school project about the Double Columnar Transposition (DCT) cipher, also known as the “Doppelwürfel” (“double cube”) in Germany.

The DCT was used by German intelligence organisations in both the Second World War and the Cold War. It is one of the most secure manual systems known and even hard to break with computer support, if used properly. The DCT and its cryptanalysis are well understood since George Lasry, a reader of this blog, and others have published great research works in this area in recenty years.

Marc asked me for literature sources about the DCT. Among other things, I recommended him my books Nicht zu knacken and Codeknacker gegen Codemacher, which both give an introduction to the topic in German.

 

In addition, Marc asked me a question: Why is it recommended that the lengths of the two keywords used for a DCT encryption be relatively prime? For instance, why are HOUSE (5 letters) and STREET (6 letters) considered more secure than HOME (4 letters) and STREET (6 letters)?

Intuitively, the answer is clear. Numbers that are not relatively prime have a low least common multiple, which might lead to regularities in the encryption process; and regularities usually make a cipher easier to attack.

However, this explanation is not really satisfactory. It would be nice to have a better understanding of how using or not using relatively prime numbers influences the security of a DCT encryption. Marc hadn’t found such an explanation, so he asked me; but I had to admit that I can’t answer this question properly, either.

So, I decided to ask my blog readers.

 

The Double Columnar Transposition explained

Before we come back to the “relatively prime” question, let’s look at a how the DCT works. The DCT is a cipher that can be carried out with paper and pencil – no machine or computer program is needed. To explain it let’s encrypt the sentence TO BE OR NOT TO BE. We use RAIN as the first keyword. We write the plaintext below the password:

RAIN ---- TOBE ORNO TOTO BE

Now, we sort the columns of the table such that the letters of the password stand in alphabetical order:

AINR ---- OBET RNOO OTOT E B

Next, we read out the message column-wise: ORNOBNTEEOOTOTB. What we have done so far, is a single columnar transposition. If we apply the same procedure again (with a different keyword), we get a DCT.

 

Two DCT challenges

To learn more about the effect of non-relatively-prime keyword lengths used for the DCT, I have created two challenges. Both are DCT-encrypted English messages with the keywords being random letter sequences, which means that a dictionary attack won’t work here. The keywords consist of roughly ten letters each, so the challenges should be solvable. There’s one important difference between the two: The first challenge is based on two keywords with relatively prime lengths, while this is not the case for the second one.

Fa|den|bak|te|ri|um  〈n.; –s, –ri|en; Med.〉 Bakterium, dessen Zellen im Verband von Scheiden umgeben werden, die dieses Bakterium fadenförmig, mehrzellig erscheinen lassen

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